Baden
Karl Wilhelm greift durchdacht an: «Jetzt nur noch hinrichten»

Seit 1974 präsidiert Karl Wilhelm die Schachgesellschaft Baden. Die az zog gegen ihn ins Feld – ein Sch(l)ach(t)bericht.

Samuel Schumacher
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Karl Wilhelm hat 100000 Franken ins Jugendschachzentrum Baden investiert.

Karl Wilhelm hat 100000 Franken ins Jugendschachzentrum Baden investiert.

Samuel Schuhmacher

Die Reihen stehen stramm. Ein Schluck Mineral, dann gehts auf in die Schlacht. Ich eröffne, Karl Wilhelm zieht nach, der Kampf ums Zentrum beginnt.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Läufer seine Lieblingsfiguren sind auf dem Schachbrett. Karl Wilhelm mag die ehrlichen Bewegungen, mit denen sie diagonal über das Feld gleiten. Wahrscheinlich erinnern sie ihn auch an die Zeit, in der er selbst als Läufer seine Wege ging: bei der Brown, Boveri & Cie. (BBC) auf den Direktionsetagen, nicht nur diagonal, sondern rauf und runter und schnurstracks in die Büros der Chefs hinein. Sein Vater hatte ihn zur BBC geschickt, bevor er den einzigen Sohn in seinen Betrieb zurückholte und eine Metalldreher-Lehre machen liess.

Das war lange bevor Karl Wilhelm das KV-Diplom nachholte und bei der Aargauischen Kantonalbank einstieg, für die er zuletzt die Filiale Mellingen leitete. Lange bevor er sich auf der Chilbi einen Ruck gab und die hübsche Lilly in die «Genickbrecher-Reihe» ins Kino einlud. Lange bevor ihm der Präsident der Schachgesellschaft Baden am Sterbebett den Auftrag gab, die Aufgabe als Schach-Vermittler weiterzuführen.

Meine Bauern fallen, meine Figuren stehen sich im Weg. Wilhelm baut seinen Angriff durchdacht auf. Vier Züge denkt er voraus. Ich maximal einen.

Doch schon während seiner Zeit als BBC-Laufbursche hat ihn das Schachfieber gepackt. Beim Onkel auf dem Bauernhof hatte er das Spiel kennen gelernt. In den Pausen auf den «Härdöpfel»-Feldern habe er jeweils sein Schachbrett hervorgeholt und mit dem Neffen gespielt. Die erdigen Hände, das offene Feld, die strategische Schlacht – wunderbar. Seine erste Schachpartie als Vereinsmitglied spielte Wilhelm 1958 als 19-Jähriger. Mit 25 Mann zog die SG Baden damals gegen die Schachgemeinschaft Waldshut ins Feld. Wilhelm verlor seine Partie. «Ich war nie ein besonders guter Spieler. Umgemünzt aufs Fussball-Niveau spiele ich in der 2. Liga», sagt er.

Tränenschlacht von Montreux

Trotz seinen bescheidenen Erfolgen auf dem Schachfeld – als Schach-Promotor ist Wilhelm Weltklasse. Seit 40 Jahren präsidiert er die SG Baden. In seiner Ära wuchs die Anzahl der Aktivmitglieder von knapp 20 auf rund 130 an. Und während der Schweizer Schachbund jedes Jahr 150 Mitglieder verliert, freut sich Karl Wilhelm über den Schach-Boom, den er beim Badener Nachwuchs ausgelöst hat. Jedes Mal wenn er irgendwo geehrt wird für seine Verdienste und ihm die zumeist älteren Herren anderer Schachverbände applaudieren, predigt er sein oberstes Schachgebot: «Es bringt nichts, für teures Geld einen russischen Grossmeister einzufliegen, der im Namen eures Schachvereins Turniere bestreitet und danach wieder verschwindet. Setzt auf die Jugend, investiert euer Geld in den Schachnachwuchs!»

Ich begehe einen Fehler, liefere einen Turm kampflos aus. Wilhelm ist gnädig, stellt die Figuren zurück. Der Verlust bleibt mir erspart, vorerst.

Bei Karl Wilhelm sind das keine leeren Worte. 1989 hat er sich gemeinsam mit Lilly – die seine Einladung in die Genickbrecher-Reihe damals angenommen hatte und seit 54 Jahren mit ihm verheiratet ist – ein Herz gefasst und 100 000 Franken in ein Jugendschachzentrum auf seinem Grundstück investiert. Der Nachwuchs kommt jede Woche, trainiert an den Schachtischchen, diskutiert über knifflige Stellungen. Einmal kam gar der russische Vize-Weltmeister Viktor Kortschnoi auf eine Partie vorbei. An den Wänden des Lokals hängen Fotos vom Aufstieg der 1. Mannschaft in die Nati A und Ehrungen an den dienstältesten Schachpräsidenten der Schweiz. Wilhelm steht zwischen den Schachtischchen und strahlt. Er ist zurecht stolz auf das, was er als Schachpräsident erreicht hat.

Nach 42 Zügen richtet Wilhelm den Blick siegessicher auf meinen König. Ich ziehe – dem nahen Ende entgegen.

Gut 2000 Schachpartien hat Karl Wilhelm an offiziellen Turnieren gespielt. Nebenher singt er seit 25 Jahren bei den Badener Sängern. Ein bisschen «mitenand» könne neben dem dauernden «gägenenand» im Schach ja nicht schaden. Aber, was ist es eigentlich, das ihn an diesem «gägenenand» so fasziniert? «Beim Schach gibts keinen Zufall, keine falsch pfeifenden Schiris, keine Ausreden. Ich habe die volle Kontrolle über meine Züge», sagt Wilhelm. Eine gute Schachpartie zu spielen, das sei für ihn wie ein schönes Bild zu malen: ein künstlerisches, hart erarbeitetes Vergnügen. Doch manchmal, da ist Schach auch eine Qual. So wie damals an der Schweizer Meisterschaft in Montreux vor 53 Jahren, als er antrat um den Aufstieg in die nächsthöhere Spielklasse zu schaffen. Ein ganzes Jahr lang hatte er sich vorbereitet, und dann im entscheidenden Moment einen dummen Fehlzug gemacht. «Fascht glätschet» habe er, als ihn der Gegner schachmatt setzte. So sei das halt, im Schach wie im Leben: Nicht jede Schlacht kann man gewinnen.

Ende Juni feierte Karl Wilhelm seinen 75. Geburtstag. Ein Enkel habe ihn gefragt, ob er sich vor dem Tod fürchte. «Nein», habe er geantwortet. «Aber vor dem Sterben.» Irgendwann aber geht alles zu Ende, das hat ihn das Brett, das ihm die Welt bedeutet, gelehrt. Bis es soweit ist, kämpft er weiter – mit strategischem Elan und mit Herzblut für eine der schönsten Sachen der Welt.

«Jetzt nur noch hinrichten», sagt Wilhelm und zieht vor. Ich wage einen letzten Fluchtversuch. Dann setzt er mich matt. 57 Züge lang habe ich überlebt. Immerhin, denke ich, und schüttle dem Badener Schachvater stolz die Hand.

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