Fislisbach

Karteikarten sind sein grosser Schatz

Guido August Holstein: Seine Sätze ranken sich um packende Wortschöpfungen.  Alex Spichale

Guido August Holstein: Seine Sätze ranken sich um packende Wortschöpfungen. Alex Spichale

August Guido Holstein beweist in seinem neuen Roman «Rheinufer», dass er ein begnadeter Fabulierer ist.

«Der Strom fliesst träge dahin. Auf seiner Wasseroberfläche helle Schatten. Nein, nichts Finsteres, auch keine Eisschollen, vielmehr im Lichte Schimmerndes, Glattes zwischen leichtem Gekräusel.» Mit diesen Sätzen beginnt der Roman «Rheinufer» von August Guido Holstein. Er liebt Wasser, ist im Sternzeichen Fische geboren, wohnt in – nomen est omen – Fislisbach und wird im März 80. «Zu dem Geburtstag, hab ich mir gedacht, muss doch literarisch ‹öppis› laufen.» Also war Holstein in die Tiefen seines Karteikarten-Archivs getaucht und hat aufgeschrieben, was fünf Männer sich bei ihren regelmässigen Treffen in einer Basler Quartierbeiz Wahres und weniger Wahres aus ihrem Leben erzählen.

Was aber haben die Karteikarten damit zu tun? «Seit ich denken kann, trage ich solche bei mir und notiere, was Mitmenschen mir an Erlebtem – und wohl auch an Erdachtem – zu berichten haben.» Für den ehemaligen Bez.-Lehrer, der zunächst in Seon und dann rund drei Jahrzehnte lang in Baden Deutsch, Geschichte, Französisch und Geografie unterrichtet hatte, bedeutet Schreiben Lebensqualität. Er hat mehrere Bände mit Lyrik veröffentlicht, weitere mit Kurzprosa, Erzählungen, 1992 seinen ersten Roman «Alptag» - und jetzt also mit «Rheinufer» den zweiten. «Vermutlich habe ich den Roman vor allem wegen Zarko Wujn, dem Cello-Lehrer meines Sohnes geschrieben. Ein war toller Typ, eine Art orientalischer Geschichtenerzähler. Entsprechend hatte ich von ihm viele Karteikarten angelegt.»

Im Roman trifft sich Zarko Celwuin im Wirtshaus «Mägd» im Basler St. Johann-Quartier regelmässig mit dem Buchhalter Paul Wettstein, dem Kunstmaler Robert Frank, dem Polizisten Arthur Staff und dem Lehrer Felix Holder. Die fünf erzählen sich aus ihrer Kindheit, von Begegnungen, spinnen Fäden zwischen Wirklichkeit und Fantasie. «Die Männer sind sich in der Realität nie begegnet. Ich aber habe aber jeden gekannt und hatte meine Notizen. Die Frauen in meinem Roman habe ich allerdings, mit zwei Ausnahmen, erfunden.» Die Namen der fünf «Stammtischler» hat Holstein verfremdet, ausser jenem vom Kunstmaler. Ein Ausschnitt aus einem Farbholzschnitt von Robert Frank – Blick vom Kleinbasler Ufer auf Rheinbrücke und Münster - ziert denn auch den Umschlag von «Rheinufer». Federführend im Roman, respektive in der «Mägd»-Runde ist der Lehrer.

«Anstatt, dass wir am Stammtisch bloss miteinander reden um des Redens willen wie so viele, zu zufällig ins Ohr hinein und wieder beim andern heraus, schlage ich euch vor, dass wir unser Leben in unsere Reden wickeln.»

Unschwer ist zu erkennen, dass Kaspar Holder weitgehend identisch ist mit dem Autor. Holstein ist Bürger von Basel, sowie seit kurzem auch von Fislisbach, ist in Zürich geboren, besuchte die Schulen – da sein Vater als Hotelier immer wieder anderswo ein Hotel übernahm – in Horgen, Walenstadt, Zürich, Neuenburg, Zürich. «In Basel habe ich das letzte Semester studiert und ich habe viele Verwandte und Freunde am Rheinknie.» Der Leser spürt: Holstein kennt diese, an Facetten und Traditionen reiche Stadt gut und er liebt sie. Aber im Roman schildert Kaspar unter anderem auch blumig seine Besuche in Zug, wo Guido August als Kind oft beim Vater seiner sehr früh verstorbenen Mutter weilte.

«Habe nichts abzuarbeiten»

«Psychologen meinten, ich hätte mit meinem Schreiben etwas abzuarbeiten – keine Rede davon. Es geht um das künstlerische Erzählen.» Holstein ist ein Fabulierer; seine Sätze ranken sich um packende Wortschöpfungen – auch wenn er Landschaften schildert.

«Nun die leicht gelappten Gestade mit den Nestern von Dörfern. Kirchturm-Spitzen, Wälderdunkel-Inseln, darüber Hängeweiten, schildartig, gebuckelt.»

Der Roman «Rheinufer» fliesst nicht, wie der Strom, dahin. Er nimmt verschlungene Wege, Poesie und Fantasie gehen darin Hand in Hand und ziehen den Leser in Bann. «Ich ergreife das Leben sprachlich, stelle es auch gerne humorvoll dar, sehe mich aber nicht als Unterhaltungsschriftsteller – nein, meine Geschichten sollen im Leser nachklingen.»

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