Region Baden

Katholiken: Zahl der Kirchenaustritte sinkt, Eintritte nehmen zu

Auch die katholische Pfarrei in Baden verzeichnete letztes Jahr Kirchenbeitritte.

Auch die katholische Pfarrei in Baden verzeichnete letztes Jahr Kirchenbeitritte.

Als eine Reihe von Missbrauchsskandalen die katholische Kirche durchschüttelte, gaben viele ihren Austritt. Seither sinkt die Zahl der Austritte Jahr für Jahr. Die Statistik lässt auf eine Trendwende schliessen. Experten zweifeln.

«Die Zahl der Kirchenaustritte steigt dramatisch»: Schlagzeilen wie diese gab es in den vergangenen Jahren zuhauf. Für den Bezirk Baden lassen neuste Zahlen nun auf eine Trendwende schliessen.

Im Jahr 2010, als eine Reihe von Missbrauchsskandalen die katholische Kirche durchschüttelte, gaben noch 1154 Personen in der Region ihren Austritt. Seither sinkt die Zahl der Austritte Jahr für Jahr – auf 806 im Jahr 2013 beziehungsweise 799 im Jahr 2014.

Gleichzeitig steigt die Zahl der Neueintritte in die katholische Kirche – im Bezirk Baden von 27 im Jahr 2013 auf 47 im Jahr 2014.

Marcel Notter, Generalsekretär der Römisch-Katholischen Landeskirche des Kantons Aargau, sagt: «Die Kircheneintritte nehmen im ganzen Kanton seit drei Jahren kontinuierlich zu, von 82 auf 118 und zuletzt 141. Das mag nach wenig klingen, prozentual betrachtet ist die Steigerung jedoch bemerkenswert.»

Franziskus-Effekt?

Als Grund für das angebliche Ende des Exodus aus der Kirche erwähnt Marcel Notter den sogenannten «Franziskus-Effekt». Nicht nur im Vatikan herrsche seit dem Amtsantritt des neuen Papstes im März 2013 ein neuer Wind, auch hier sei eine Aufbruchstimmung spürbar.

«Die Art und Weise, wie Papst Franziskus auf die gewöhnlichen Leute zugeht, kommt an, auch in der Schweiz.» Die Unberechenbarkeit und die Überraschungen in seinen Äusserungen wecken Hoffnung, glaubt Marcel Notter. «Die Menschen fühlen sich ernst genommen.» Hinzu komme die grosse Arbeit, die in den einzelnen Pfarreien vor Ort geleistet werde.

Baden erwartet volle Kirche

Badens Stadtpfarrer Josef Stübi pflichtet ihm bei. Er spricht von einer «positiv veränderten kirchlichen Atmosphäre», an der mit Gewissheit Papst Franziksus einen Anteil habe. «Franziskus sagt, was er denkt, und tut, was er sagt – das kommt bei den Menschen, gerade auch bei Jugendlichen, sehr gut an», sagt Josef Stübi.

Am diesjährigen Osterfest in der katholischen Kirche in Baden erwartet er sehr viele Besucher, wie schon letztes Jahr, als das Gotteshaus in der Osternachtfeier praktisch voll besetzt war.

Er habe das Gefühl, dass sich die katholische Kirche – trotz mancher Schwierigkeit – auf einem guten Weg befinde und die Akzeptanz in der Bevölkerung ganz allgemein besser sei als auch schon.

An Ostern beispielsweise werde er auch zwei Erwachsene taufen. Er stelle fest, dass in jüngerer Zeit vermehrt Menschen aus sozusagen «religiös luftleerem Raum» Interesse am katholischen Glauben bekunden und schliesslich nach recht intensiver Begleitung durch die Taufe der Kirche beitreten. «Da hat sich etwas geändert», sagt Josef Stübi.

Forscher: Exodus aus Kirche hält an

Ist es in den vergangenen Monaten tatsächlich zu einer Trendwende gekommen? Gibt es einen quantitativ spürbaren «Franziskus-Effekt»?

«Nein, im Gegenteil, der Exodus hält an», sagt Arnd Bünker, Leiter des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts, einer Forschungsstelle, die von der katholischen Kirche der Schweiz getragen wird.

Arnd Bünker erklärt: «Die Zahl der Austritte ist nach wie vor sehr hoch, gerade im Vergleich zu den Neueintritten – auch in der Region Baden, wie die neusten Zahlen zeigen.» Es sei nach wie vor eine starke Entfremdung der Menschen von der Kirche zu beobachten. Die Zahl der Neueintritte bewege sich auf einem zu tiefen Niveau, als dass von einer Trendwende die Rede sein könne.

Der relative Rückgang der Austrittszahlen nach dem Skandaljahr 2010 lasse sich durch das Ausbleiben grösserer kirchlicher Negativ-Schlagzeilen erklären, sagt Arnd Bünker.

Zugleich sei schweizweit ein stabiler bis steigender Sockel an jährlichen Austritten festzustellen. Das sei mit der zunehmenden Zahl von Kirchenmitgliedern zu erklären, die sich von der Kirche entfremdet hätten. «Die Zahl der Neueintritte ist dagegen noch zu niedrig, um eindeutige Ursachenzusammenhänge festzustellen.»

Meistgesehen

Artboard 1