Integration in Baden

Kawthar und Daniel bleiben nach Schulschluss sitzen – um die Jugendlichen kümmern sich jetzt Senioren

Daniel Atanasov (17) ist vor sieben Monaten aus Mazedonien in die Schweiz gezogen. Seit August 2016 lernt er mit seinem Mentor Deutsch und wie man Bewerbungen schreibt: Er möchte einmal Hochbauzeichner werden.

Senioren helfen bei Integration

Daniel Atanasov (17) ist vor sieben Monaten aus Mazedonien in die Schweiz gezogen. Seit August 2016 lernt er mit seinem Mentor Deutsch und wie man Bewerbungen schreibt: Er möchte einmal Hochbauzeichner werden.

Eine Arbeitsgruppe des Seniorenrats Region Baden hilft Jugendlichen bei der Integration – eine Win-win-Situation.

Die beiden Jugendlichen Kawthar Khalil und Daniel Atanasov sitzen nach Schulschluss an den Schreibtischen im Schulhaus Pfaffechappe in Baden. Sie machen sich Notizen und hören ihrem Gegenüber aufmerksam zu. Was nach einer gewöhnlichen Nachhilfe-Lektion ausschaut, ist in Wirklichkeit das Mentoring der Integrations- und Berufsfindungsklasse (IBK) Baden. Dabei unterstützt eine rund 20-köpfige Arbeitsgruppe des Seniorenrats Region Baden spät immigrierte Jugendliche im Alter von 15 bis 17 Jahren, welche die IBK besuchen.

«Ich finde das Mentoring sehr gut, denn ich bin neu in der Schweiz», sagt Daniel Atanasov (17) in erstaunlich gutem Deutsch und fügt an: «Vor allem bin ich auf Hilfe angewiesen, wenn es ums Schreiben von Bewerbungen geht.» Der Mazedonier, der vor sieben Monaten mit der Familie in die Schweiz gekommen ist, möchte einmal Hochbauzeichner werden. Obwohl er über eine theoretische Vorbildung als Hochbauzeichner verfügt, hat er Mühe, eine Lehrstelle zu finden. «Viele Firmen, mit denen ich gesprochen habe, sagten mir, dass sie eine Person suchen, die der Sprache mächtig ist», sagt Heinz Peter Lacheta (78), der Atanasov seit August 2016 begleitet. «Jetzt sind wir vor allem daran, Deutsch zu lernen.»

«Hilft, Sozialkosten zu sparen»

Die Jugendlichen bei der Integration am neuen Lebensort unterstützen, ihnen beim Deutschlernen helfen, sie beim Gang zu den Ämtern begleiten oder ihnen bei der Suche nach einer geeigneten Ausbildung und Lehrstelle beiseitestehen: Das hat sich das Mentorenteam, das neben Senioren auch Interessierten offensteht, seit Projektstart im Jahr 2004 zum Ziel gesetzt.

«Die Zusammenarbeit zwischen den Schülern und den Mentoren klappt sehr gut, die Jugendlichen sind motoviert», sagt der Leiter Mentoring IBK Baden, Ernst Rohrbach. Der 69-Jährige, der selber Jugendliche unterstützt, spricht von einer Win-win-Situation: «Einerseits sind wir durch das Mentoring wieder mit der Jugend verbunden. Wir spüren, wo ihre Ängste liegen, was sie bewegt.» Andererseits leiste man einen Beitrag zur Integration, wenn man Zeit mit den Jugendlichen verbringe. «Das hilft auch, dass Sozialkosten gespart werden», sagt Rohrbach.

Seit das «Mentoring für Jugendliche, Baden» vor über zehn Jahren lanciert worden ist, hat es zahlreiche Preise gewonnen: 2005 erhielt es den Schweizer Integrationspreis, weitere Auszeichnungen folgten von der Zürich Versicherung und von der Josef- und Margrit-Killer-Schmidli-Stiftung. Nun ist es für den Publikumspreis des Silver Award 2017 nominiert, der vom Kanton Aargau verliehen wird. Damit werden alle zwei Jahre Projekte ausgezeichnet, die zur besseren Lebensqualität der Seniorinnen und Senioren im Kanton beitragen. Noch bis 4. Mai können Aargauerinnen und Aargauer abstimmen.

Kontakt bleibt oftmals bestehen

Annegret Keller, die seit sechs Jahren als Mentorin tätig ist, ist vom Projekt begeistert: «Es kommt sehr viel Dankbarkeit zurück. Einmal sagte eine meiner Schülerinnen, ‹lieber Gott, danke, dass du mir Frau Keller vorbeigeschickt hast.›» Der Kontakt mit den Jugendlichen bleibe nach Projektende oftmals bestehen. «Noch heute treffe ich mich mit einem meiner Schüler auf einen Kaffee. Wir schätzen den gegenseitigen Austausch», sagt die 66-Jährige. Keller wusste bereits früh, dass sie sich freiwillig engagieren will: Als sie noch als Lehrerin tätig war, hat sie immer wieder beobachtet, dass immigrierte Jugendliche Mühe haben, sich in der neuen Heimat zurechtzufinden und darum auf Hilfe angewiesen sind. «Die Eltern sprechen oft schlechter Deutsch als ihre Kinder und können sie dadurch kaum unterstützen.»

Wie Daniel Atanasov ist auch Kawthar Khalil froh, kann sie am Mentoringprojekt teilnehmen. Als die 16-Jährige vor eineinhalb Jahren mit ihrer Familie aus Syrien in die Schweiz geflohen ist, sei die Sprache das grösste Hindernis gewesen. «In dieser Hinsicht hat sie sehr grosse Fortschritte gemacht», sagt Khalils Mentorin, Stephanie Meier (52). Die Jugendliche nickt, lächelt scheu und sagt: «Mittlerweile sprechen wir viel miteinander. Das gefällt mir sehr gut.» Sie möchte einmal Fachfrau Kinderbetreuung werden. Dafür übt sie mit Meier fleissig Deutsch und sie besprechen, auf was man bei einem Bewerbungsschreiben achten muss.

«Dass die Zusammenarbeit zwischen Schülern und Mentoren optimal verläuft, ist auch den Lehrpersonen der IBK Baden zu verdanken», sagt Ernst Rohrbach. «Sie setzen sich mit besonderem Engagement für die Jugendlichen ein, auch in ihrer Freizeit.»
Für Kawthar Khalil und Daniel Atanasov hat sich das Büffeln mit den Mentoren in der Freizeit gelohnt: Beide dürfen in einen Betrieb schnuppern gehen.

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