Bildung

Keine Chancengleichheit: Kanti-Schüler wehren sich gegen Maturatests

Die Mehrheit der Kanti-Schüler will keine schriftlichen Maturitätsprüfungen.

Die Mehrheit der Kanti-Schüler will keine schriftlichen Maturitätsprüfungen.

An Aargauer Kantonsschulen soll trotz Coronavirus schriftlich geprüft werden. Manche Klassen hatten jedoch nie Fernunterricht. Die Chancengleichheit sei damit nicht gegeben, kritisieren Schülerorganisationen.

Der Aargau will den schriftlichen Teil der Maturitätsprüfungen an den Kantonsschulen im Gegensatz zu anderen Kantonen wie geplant durchführen: Dies gab Regierungsrat Alex Hürzeler (SVP) am Freitag bekannt. Zum Missfallen der Schülerorganisation der Kantonsschule in Baden, wie die Delegierte Renisa Lajqi mitteilt. «Wir sind der Meinung, dass es eine schweizweit einheitliche Lösung braucht. Alle betroffenen Schülerinnen und Schüler sollten die gleichen, fairen Chancen haben, ihren Abschluss zu machen.»

Die Kantone Zürich, Bern und Solothurn beispielsweise wollen die Prüfungen absagen. Der Bundesrat wird sich voraussichtlich morgen Mittwoch zur Frage äussern. Die Konferenz der Kantonalen Erziehungsdirektoren schlägt ihm vor, dass auf die mündlichen Prüfungen verzichtet werden soll, es den Kantonen aber auch erlaubt sein soll, auf die schriftlichen Tests zu verzichten.

Kanti Baden: «90 Prozent wollen keine Prüfungen»

Rund 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler der Kanti Baden seien der Ansicht, dass die Prüfungen nicht durchgeführt werden sollten, sagt Renisa Lajqi, und betont: «Unsere Forderung hängt keinesfalls mit Lern-Faulheit zusammen. Es geht uns um Chancengleichheit.» Und diese sei in mehrfacher Hinsicht nicht gegeben.

So seien einige Klassen in gewissen Fächern nicht einmal in den Genuss eines Fernunterrichts gekommen. Dadurch würden vollkommen unterschiedliche Voraussetzungen für die Abschlussprüfungen geschaffen. Chancengleichheit sei auch mittelfristig nicht gegeben, da in anderen Kantonen die Prüfung wegfalle und sich angehenden Studenten beispielsweise in Zürich nun besser auf den Numerus clausus vorbereiten können.

Wettingen: «Wir haben auch gesundheitliche Bedenken»

Widerstand bahnt sich auch an der Kantonsschule Wettingen an. Dort kursiert eine provisorische Version eines Briefs an Regierungsrat Alex Hürzeler. Kanti-Schüler Nicolas Camenisch: «Wir stehen im Austausch mit den Schülerorganisationen aller Aargauer Kantonsschulen und hoffen, ein gemeinsames Schreiben verfassen zu können.» Der Kanton Aargau lege laut Mitteilung grössten Wert auf die Qualität und die Gleichwertigkeit der Abschlusszeugnisse. «Wie genau es aber unter den jetzigen Umständen möglich sein soll, eine faire Prüfung durchzuführen, welche den hohen Qualitätsansprüchen gerecht wird, können wir uns nicht erklären», sagt Nicolas Camenisch. Die Qualität des Fernunterrichts sei nicht bei allen Klassen dieselbe gewesen. Erschwerend komme hinzu, dass es bereits vor der Schulschliessung Klassen gab, die noch nicht den ganzen prüfungsrelevanten Stoff durchgenommen hatten. «Da alle Schülerinnen und Schüler an einer Schule die gleichen Abschlussprüfungen schreiben, führt die Kombination dieser zwei Faktoren dazu, dass manche von ihnen doppelt gestraft werden.»

Die Schülerinnen und Schüler hätten aber auch gesundheitliche Bedenken, so Camenisch. «Selbst wenn die Abstandsregeln eingehalten werden können, führt der konstante Hintergedanke, dass man sich und seine Familie anstecken könnte, zu einem unnötigen Stress.»

Die Redaktion hat weitere kritische E-Mails erhalten – so von einer Schülerin im Namen der Klasse G4H der Neuen Kantonsschule Aarau. «Wir finden es eine Zumutung, dass wir seit Wochen hingehalten werden und nicht wissen, ob die Prüfungen stattfinden oder doch nicht. So wissen wir nie, woran wir gerade sind und werden von allen anderen Schulabschlussgängern am längsten zappeln gelassen.» 

Schlechtere Noten, aber besser gerüstet?

Dass die Maturaprüfungen im Aargau stattfinden – vorbehältlich der bundesrätlichen Zustimmung zum Vorschlag der EDK – sorgt aber auch für Lob, und zwar in der Politik. FDP-Grossrat Titus Meier twitterte: «Richtiger Entscheid. Nach dreidreiviertel Jahren an der Kanti folgen als krönender Abschluss die Maturitätsprüfungen.»

Ist es nun Vor- oder Nachteil, wenn man die Maturaprüfung ablegen muss? Betreffend Noten womöglich ein Nachteil. Franz Eberle, emeritierter Professor für Gymnasialpädagogik an der Uni Zürich, erklärte in der «NZZ am Sonntag»: «Ohne schriftliche Prüfung werden die Maturazeugnisse im Schnitt besser ausfallen. Ein Verzicht auf die schriftlichen Maturitätsprüfungen führt mit ziemlicher Sicherheit zu im Mittel höheren Maturitätszeugnisnoten.»

Mit Blick in die Zukunft kann es aber ein Vorteil sein, die Prüfung ablegen zu müssen. «Die Vorbereitung auf die Prüfung gibt den Maturandinnen und Maturanden den letzten Schliff», sagt ETH-Präsident Michael Hengartner.

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