Geri Müller hat schon schweizweit für Schlagzeilen gesorgt. So hat der Nationalrat der Grünen öffentlich zugegeben, gelegentlich Cannabis zu rauchen. In aller Munde war er auch, als er Vertreter der radikalislamischen Organisation Hamas in Bern empfangen hatte. Ein gefundenes Fressen für die Medien: Vom kiffenden, langatmigen Nationalrat, der gerne Grundsatzdebatten lostritt, bis hin zum antisemitistisch angehauchten und antiamerikanisch ausgerichteten Politiker, der die Schweizer Neutralität gefährdet, ist in der Presse zu lesen. Von CVP-Politiker Kurt Schmid, Präsident des aargauischen Gewerbeverbandes, wurde er in einem Rededuell des Regionaljournals SRF im Nationalratswahlkampf als wirtschaftsfeindlich bezeichnet.

Nichtsdestotrotz: Geri Müller stösst in Baden auf Akzeptanz. Wie Gespräche mit Personen aus diversen politischen Lagern zeigen, gilt er als volksnaher Politiker, der Anliegen der Wirtschaft wie auch der sozial Schwächeren vertritt.

Doppelmandat steht unter Kritik

Auf grosse Kritik stösst, dass er bei einer Wahl zum Stadtammann am Nationalratsmandat festhalten will. Der Rücktritt von SP-Nationalrätin Ursula Wyss, die sich auf die Arbeit in der Berner Stadtregierung konzentrieren will, dürfte Kritiker bestätigen. Doch Müller selber hätte keine Bedenken mit einem Doppelmandat. Wie er im Interview mit der Aargauer Zeitung vom 7. Dezember erklärt hat, würde er aber die zahlreichen Mandate in Verbänden niederlegen: «Ich wäre zeitlich nicht belasteter als heute. Es ist für Baden nur von Vorteil, wenn der Ammann vernetzt ist.»

An Müllers Zeitrechnung wird gezweifelt: «Die beiden Ämter lassen sich zeitlich nicht miteinander vereinbaren. Eines davon müsste er vernachlässigen», sagt Serge Demuth, Präsident der SVP Baden. Auch SVP-Nationalrat Hans Killer, der selber fünf Jahre lang das Amt des Gemeindeammanns mit seiner parlamentarischen Tätigkeit verbunden hat, ist der Auffassung, dass ein solches Doppelmandat problematisch sein könnte. «Wer ein Nationalratsmandat seriös ausüben will, braucht dazu 50 Prozent der Arbeitszeit. Ich gehe davon aus, dass der Stadtammann ein grösseres Pensum als 50 Prozent hat.»

Vernetzung soll von Vorteil sein

Anders sieht das SP-Nationalrat Cédric Wermuth. Dies, obschon er am 7. November gegenüber der az geäussert hat, dass viele Nationalräte aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit ihr Mandat mit einem Minimaleinsatz ausüben würden, was unserös sei. «Das Amt des Stadtammanns hat aber im Unterschied zu einem Job im Privatsektor eine Reihe von Überschneidungen», betont Wermuth. Verschiedene Stadtpräsidenten seien Mitglieder des Parlaments, unter anderem Hans Stöckli (ehemals Biel) und Thomas Müller (Rorschach). «Die Anliegen der Städte sind zunehmend von der Bundespolitik tangiert. Ich habe Vertrauen, dass Müller das sogar zum Vorteil von Baden nutzen kann.»

Für SP-Ständerat Hans Stöckli, vormals Nationalrat und Stadtpräsident von Biel, ist das gleichzeitige Ausüben des Amtes eines Stadtammanns machbar. Aber: «Man muss die Priorität auf das Stadtpräsidium legen. Weiter muss man gerne viel arbeiten, über Erfahrung in der Gemeindearbeit verfügen sowie gute Mitarbeiter und eine gute Organisation haben. Man sollte auch in der Lage sein, beide Arbeitsorte täglich zu erreichen.» Die Verbindung der beiden Aufgaben könne sinnvoll für die Gemeinde sein, wenn man sich im Bundesparlament für spezifische urbane Anliegen einsetze. «Unter diesen Voraussetzungen kann auch Geri Müller dieses neue Amt erfolgreich ausüben», ist Stöckli überzeugt.

Alexander Grauwiler, Geschäftsleiter der Volksschule Baden, sieht in der Vernetzung Vorteile. «Von seinem kantonalen und nationalen Überblick und Wissen konnte ich bisher nur profitieren.» Dennoch werde Müller seine Prioritäten neu ordnen müssen. «Müller ist ein sehr beschäftigter Mann.» Oberflächlich habe er ihn noch nie erlebt. «Er arbeitet sehr gründlich, weil er überall mit Herzblut mit dabei ist.» Es werde sicher schwierig für ihn, Abstriche zu machen.» Dass Müller als Vizeammann seine grünen Ansichten vertritt, kann Grauwiler nicht bestätigen.

Nur gute Argumente überzeugen

«Ich schätze die Zusammenarbeit mit ihm. Wir haben viele Diskussionen geführt», sagt Grauwiler. Müller habe sehr profilierte Ansichten. Man brauche gute Argumente, um ihn zu überzeugen. «Als grün erlebe ich ihn höchstens, weil er etwa unkonventionelle Ideen hat. Damit belebt er die politische Landschaft.» Dass Müller – wie die «WOZ» behauptet – langatmig sei und Grundsatzdebatten lostrete, bestätigen weder Grauwiler, Demuth noch Wermuth. Laut Killer seien seine Reden zwar umfangreich: «Ich habe ihn aber als engagierten und meinungsfesten Politiker kennen gelernt, der sich im Umwelt- und im Auslandbereich engagiert.» Demuth: «Langatmige Voten hält Müller nicht. Politisch ist er mir bisher durch seine einseitigen Stellungnahmen in Sachen Nahostkonflikt und seine Nähe zu gewissen Palästinenserorganisationen aufgefallen.»

Der kleine Bauskandal

Vor Jahresfrist sorgte Geri Müller in Baden für Schlagzeilen. Grund war der Umbau in seinem Altstadthaus, der über den bewilligten Umfang hinausgegangen war. Dafür setzte es eine Busse der Baubehörde ab. Dennoch wurde Müller problemlos wieder in den Nationalrat gewählt.

Der grün-linke Hintergrund hinderte Müller nicht daran, seinen liberalen Geist in Baden kundzutun – in seiner Rede am Badener Neujahrsempfang. Auch im Interview mit der az äusserte sich Müller keineswegs wirtschaftsfeindlich. Die Wirtschaft habe für ihn einen hohen Stellenwert. Als Vizeammann pflegt er bereits heute Beziehungen zu ABB, Alstom und Axpo. Und Baden soll attraktiv für innovative Firmen werden und die Branchenvielfalt Arbeitsplätze sichern, steht in seiner Wahlbroschüre. Wichtig ist dem dreifachen Vater die Bildung. Laut Grauwiler hat Müller sogar einen einzigartigen Überblick über die gesamten Schulstufen – vom Kindergarten bis hin zum Schulabgänger, der eine Lehre absolviert.