Mellingen

Keiner will in den Vorstand: Mellinger Orts-SVP stellt ihren Betrieb ein

SVP-Mitglieder gäbe es in Mellingen viele, doch keiner will die Arbeit im Vorstand machen.Chris Iseli

SVP-Mitglieder gäbe es in Mellingen viele, doch keiner will die Arbeit im Vorstand machen.Chris Iseli

SVP-Mitglieder gäbe es in Mellingen genug doch niemand will in den Vorstand und keiner Präsident werden. Nun übernimmt die Bezirkspartei das Zepter.

Während die SVP national und kantonal Wahlerfolge feiert, ist die Ortspartei in Mellingen gezwungen, ihren Betrieb einzustellen. Obwohl sie im Reussstädtchen mit ihren knapp 40 Mitgliedern eine relativ grosse Partei ist, fanden sich keine SVPler, die den Aufwand als Vorstandsmitglied auf sich nehmen – geschweige denn das Präsidium übernehmen wollen.

Im Gegenteil: «Je mehr wir auf die Leute zugegangen sind und um ihr Interesse gerungen haben, desto mehr Arbeit befürchteten sie», fasst Ortspartei-Präsident Roger Fessler die letzten drei Jahre zusammen. Er hat das Amt bereits vor sechs Jahren übernommen; im Vorstand ist er seit 15 Jahren. «Als ich das Präsidium übernahm, hatte ich zwei drei Leute, die in den Vorstand kamen und mir den Rücken stärkten.

Wären wir nicht gewesen, hätte sich die Partei vielleicht schon damals aufgelöst.» Nach so vielen Jahren im Vorstand sei ein Wechsel immer gut, sagt er. «Als wir merkten, dass es weiterhin nur an mir und dem jetzige Vorstand hängt, haben wir der Realität ins Auge gesehen und einen Schlussstrich gezogen.»

Weil die Partei keine neuen Vorstandsmitglieder mehr findet, muss die Bezirkspartei bis auf weiteres das Zepter übernehmen. «Rechtlich ist die Ortspartei nicht aufgelöst», sagt Fessler, aber man befindet sich quasi im Standby-Modus. «Sollten sich zu einem späteren Zeitpunkt Leute für den Vorstand und das Präsidium finden, kann die Ortspartei reaktiviert werden.»

Verwurzelung nimmt ab

Fessler nennt zwei Gründe für das Desinteresse an einem Vorstandsamt: «Zum einen wollen sich die Leute nicht an fixe Termine binden, sondern flexibel bleiben, und zum anderen sind sie wegen der Mobilität nicht mehr so stark mit ihren Wohngemeinden verwurzelt wie früher.» Letzteres habe zur Folge, dass man sich weniger engagiert. «Da geht es den Ortsparteien nicht viel anders als den Vereinen.» Deshalb plädiert Fessler für eine Stärkung der Bezirkspartei.

Auch, weil in der Kommunalpolitik weniger die Partei als vielmehr die Vernetzung zähle. «Bei der Wahl eines Gemeinderats setzen die Einwohner eher auf ein gut bekanntes Gesicht als auf das Parteibüchlein.» Fessler betont, dass es auf kommunaler Ebene nicht darum gehen könne, immer die harte Parteilinie zu fahren. «Ziel muss es sein, die beste Lösung für das Dorf zu finden und da können ein SVPler und ein SPler durchaus die gleiche Meinung vertreten».

Was nun mit den knapp 40 verbliebenen Mellinger Parteimitgliedern geschieht, ist noch offen. Die Frage wird sich vermutlich auch an der Generalversammlung der Bezirkspartei vom 3. März noch nicht klären. Das Thema ist nicht traktandiert an der GV. Zwar sind die Mellinger eingeladen, doch auf Anfrage sagt SVP-Bezirkspräsidentin Annerose Morach: «Ich gehe nicht davon aus, dass wir bereits einen Beschluss fassen werden.» Sie betont aber, «wir wollen den Mitgliedern eine neue Heimat geben und werden das weitere Vorgehen besprechen und ein Übergangskonzept erarbeiten.»

Erfindergeist ist gefragt

Morach sind die Nachfolger-Sorgen der Ortsparteien der SVP bestens bekannt. Auch die Gemeinden am Rohrdorferberg haben sich in den letzten zwei Jahren neu organisieren müssen, nachdem Sandro Rossi, als Präsident der SVP-Rohrdorferberg nach Brugg gezogen war und sein Amt nicht wieder besetzt werden konnte. «Entsprechend kann ich Roger Fesslers Wunsch nach einer Stärkung der Bezirkspartei verstehen», sagt die Präsidentin und erklärt: «Wir als Bezirkspartei haben eine Dienstleistungsfunktion für die Ortsparteien und legen starkes Gewicht auf deren Autonomie.»

Mit anderen Worten: Man mischte sich auf dem gemeindepolitischen Parkett bisher nicht ein. «Weil wir uns aber bewusst sind, dass es für die Ortsparteien immer schwieriger wird, Mitglieder für das Amt des Präsidenten oder für den Vorstand zu finden, werden wir die Diskussion um einen Systemwechsel früher oder später führen müssen», sagt Morach und fügt an: «Es ist gut möglich, dass wir in absehbarer Zeit die Organisation und die Infrastruktur rund um unsere 20 Ortsparteien im Bezirk quasi neu erfinden müssen.»

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