Die Weihnachtszeit eröffnet Kindern eine Welt des Zaubers und der Magie. Geschichten werden wahr, sobald der Samichlaus mit seinem Esel aus dem tiefen Wald marschiert. Die Krux: Der Bärtige meint es zwar gut, dennoch jagt der grosse Mann mit dem weissen Bart vielen Kindern einen Schrecken ein. So ergeht es manch lieben (Ur-)Grossmutter, die mit ihren grauen Haaren und ihrem runzligen Gesicht den einen oder anderen Enkel zum Weinen bringt.

Das muss nicht so sein: Im Regionalen Pflegezentrum Baden (RPB) treffen die jüngste und die älteste Generation regelmässig aufeinander. Für die Bewohnerinnen und Bewohner der Demenzabteilung RB im Haus Résidence ist der Besuch der Kinder von der Krippe Kolibri, die im RPB untergebracht ist, wie Weihnachten.

Die az war dabei, als sich sieben Zwei- bis Fünfjährige mit ihrer Gruppenleiterin Nathalie Bircher die Treppe hoch kämpften und in Richtung Stube der Betagten rannten. Bereits im Gang wurden die Knirpse mit offenen Armen und Beifall empfangen. Es war berührend: Einige Kinder drückten sich an die zahnlose Dame im blauen Kleid, andere gaben ihr die Hand. «Singed ihr es Liedli», fragte sie, worauf die Kleinen in Richtung Thomas Wälty rannten, der in seinem Rollstuhl sass und Löcher in die Luft starrte.

Als Wälty die Kinder sah, konnte er die Tränen nur ganz knapp unterdrücken. «Das ist eine sehr wohltuende Begegnung mit der Zukunft», sagte er und strahlte. Wie alt er ist, konnte Wälty nicht sagen. «Ich bin 1927 geboren», fügte er nach einer kurzen Denkpause an. Wälti leidet an einer leichten Demenz. «Er zieht die Kinder an», erklärte Stationsleiterin Sabrina Wiederkehr. Vor allem der zweijährige Raffael möge ihn besonders – und das beruhe auf Gegenseitigkeit. «Raffael erinnert ihn an seinen Urenkel, den er bis heute nur auf einem Foto zu sehen bekommen hat», gab Wiederkehr zu bedenken.

Die Kinder tanzten unbeschwert und sangen gemeinsam mit vereinzelten Bewohnern Lieder. «Ist sie nicht schön, die Energie, die in diesen Kindern steckt?», so Wälty. «Sie erinnern mich an meine Kindheit. Ich war auch einmal so lebendig.» Er habe für die Bäckerei Graf in Baden Brote verteilt. Ganz besonders in Erinnerung geblieben ist ihm die Generalmobilmachung im Jahr 1939. «Das waren furchtbare Zeiten.» Wälty lernte Maschinenschlosser und diente im Militär als Waffenmechaniker. Später habe er bei der BBC und beim Strassenverkehrsamt gearbeitet.

Wälty sagte, er sei per Zufall im RPB gelandet. «Als mein Mueti starb, konnte mich niemand mehr pflegen.» Es gehe ihm gut, aber die Kinder würde er nicht missen wollen. «Die Besuche sind eine schöne Abwechslung. Wenn sie kommen, ist alles so geheimnisvoll, wie an Weihnachten.» Auf die Frage, ob er einen Weihnachtswunsch habe, sagte Wälty mit Tränen in den Augen: «Dass endlich Frieden auf dieser Erde herrscht.»