Baden
Kinderkrippen-Webcams werden zum Politikum

Einwohnerrat Luca Wälty (team) will vom Stadtrat wissen, wie dieser zu Webcams und Fotoblogs in Kindertagesstätten steht. Sozialpädagoge Wälty selber hält von diesen Angeboten nicht viel beziehungsweise bezweifelt deren Nutzen.

Martin Rupf
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Webcam-Aufnahme der Spielecke in der Kita «Hoi Börzel».

Webcam-Aufnahme der Spielecke in der Kita «Hoi Börzel».

Zur Verfügung gestellt

Anfang März machte die «Schweiz am Wochenende» öffentlich, dass in den beiden Badener Kinderkrippen «Hoi Börzel» und «Hoi Gömper» je eine Internet-Kamera installiert ist, mit der Kinder in einer Spielecke gefilmt werden. Geschäftsleiterin Barbara Bochsler sieht das Webcam-Angebot als Dienstleistung für die Eltern. «Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Eltern am Anfang noch Trennungsschmerz haben und deshalb das Angebot der Webcam gerne nutzen.»

Was Bochsler als Innovation bezeichnet – auf einem Fotoblog werden zusätzlich Kinderfotos, jedoch ohne vollständigen Namen gezeigt –, wirft aber unweigerlich Fragen des Datenschutzes auf. Auf Anfrage dieser Zeitung, ob gegen die Webcam Beanstandungen eingegangen seien, gab es von der Fachstelle Familie bei der Stadt Baden keine Auskunft. Und auch der Krippenpool – bei diesem sind auch Bochslers Krippen angeschlossen – hat sich nicht mit dieser Frage befasst.

Das wird er aber wohl bald tun müssen. Denn Einwohnerrat Luca Wälty (team) stört sich an dieser passiven Haltung und hat beim Stadtrat eine Anfrage zum Thema Datenschutz in Kindertagesstätten eingereicht. «Als ich den Artikel über die Webcam und den Fotoblog gelesen habe, sind bei mir spontan Zweifel über den Nutzen dieser Instrumente aufgekommen.» Der ausgebildete Sozialpädagoge sieht aber nicht nur keinen Nutzen, sondern erachtet es vielmehr als höchst problematisch, dass Kinderfotos für jedermann einsehbar auf der Kinderkrippen-Website aufgeschaltet werden. «Das ist eigentlich wie ein offenes Facebook und bietet jedermann Einblick in den Krippenalltag. Ich bin überzeugt, viele Erwachsene wären nicht damit einverstanden, dass man Fotos von ihnen – aufgenommen während ihrer Arbeit oder in der Freizeit – auf einer solchen Plattform publizieren würde», sagt Luca Wälty.

Luca Wälty, Einwohnerrat Baden (team): «Marketing sollte nicht über das Wohl der Kinder gestellt werden.»

Luca Wälty, Einwohnerrat Baden (team): «Marketing sollte nicht über das Wohl der Kinder gestellt werden.»

zvg

Wälty: «Keine Auskunft erhalten»

Zusammen mit CVP-Einwohnerrätin Beatrice Bürgler gelangt er nun mit einer Anfrage an die Stadt. «Die Krippenplätze sind beim Krippenpool angeschlossen und von der Stadt mitfinanziert. Ich finde es deshalb zwingend, dass sich die Stadt zu dieser Thematik äussert und Stellung bezieht und nicht einfach abwartet, wie sich die Thematik entwickelt.» Wälty habe sich mit einer Anfrage bei der zuständigen Abteilung für Kinder, Jugend und Familie diesbezüglich eine Auskunft erhofft – leider vergebens.

Da die Geschäftsstelle des Krippenpools im Auftrag der Gemeinden Baden, Ennetbaden, Wettingen und Obersiggenthal zuständig für die Betriebsbewilligung der Krippen ist, erhoffen sich Wälty und Bürgler vom Stadtrat Antworten auf folgende Fragen:

  • Wird durch das Veröffentlichen von Bildern mit Kindern und das Betreiben einer Webcam in einer Kindertagesstätte das Recht am eigenen Bild der Kinder verletzt?
  • Welche Kriterien bezüglich Datenschutz und Schutz der Integrität der Kinder werden bei der Bewilligung und der Überprüfung der Betriebsbewilligung berücksichtigt?
  • Wie steht die Stadt Baden beziehungsweise die Geschäftsstelle Krippenpool als Bewilligungsbehörde für Kindertagesstätten zu den Veröffentlichungen von Fotos mit Kindern auf den Websites der Kindertagesstätten?
  • Welchen pädagogischen Mehrwert für die Kinder sieht der Stadtrat beim Betreiben von Blogs und Webcams in Kindertagesstätten?
  • Welche Gefahren und Chancen sieht der Stadtrat bei der Nutzung von Neuen Medien in Kindertagesstätten?
  • Welche Massnahmen sieht der Stadtrat vor, um Betreiber von Kindertagesstätten und deren Kunden für die Gefahren von Neuen Medien in Kindertagesstätten zu sensibilisieren?

Kameras gegen Trennungsschmerz?

Unabhängig, wie eine allfällige Antwort des Stadtrats ausfallen könnte, macht Wälty keinen Hehl daraus, dass er vom Angebot der Webcam und auch den Blog-Fotos nicht viel hält: «Selbst wenn die Fotos dem Marketing dienlich sind, sollte dieser Effekt nicht über das Wohl beziehungsweise die Persönlichkeitsrechte der Kinder gestellt werden.» Auch der Verband Kinderbetreuung Schweiz «Kibesuisse» empfehle seinen Mitgliedern, bei der Gestaltung von Websites nur neutrale Fotos oder Fotos von Werbeagenturen zu benützen.

Weiter erachtet Wälty Webcams als ungeeignetes Instrument, um – wie von der Krippenleiterin ins Feld geführt – den Trennungsschmerz zu überwinden. «Wenn der Trennungsschmerz tatsächlich so ausgeprägt ist, sollte man sich vielleicht grundsätzlich fragen, ob es Sinn macht, sein Kind in eine Krippe zu schicken», sagt Wälty.