Die Reaktionen auf den Artikel «Big Brother in der Krippe» in der «Schweiz am Wochenende» vom 4. März sind kontrovers: «Es ist wohl eher naiv zu denken, dass da keine Kinderfilmchen gespeichert werden», schreibt jemand in den Online-Kommentaren. «Nur weil das die Krippe selber nicht tut, müssen sich irgendwelche Pädophile noch lange nicht daran halten».

Diese Meinung spiegelt sich auch in der Online-Umfrage wieder: Rund 80 Prozent sehen das Filmen der Kleinkinder kritisch. Es gibt jedoch auch andere Stimmen: «Hört doch auf mit dem überbewerteten Datenschutz», schrieb jemand anderes. «Ein Flughafenmitarbeiter ist auch immer videoüberwacht. Wen kümmerts?»

«Ich finde den Wirbel um die ganze Sache übertrieben», sagt Barbara Bochsler, Geschäftsführerin der Kinderkrippen «Hoi Gömper» und «Hoi Börzel». «Es ist eine Dienstleistung, welche die Eltern nutzen können oder auch nicht. Das Ganze hat überhaupt nichts mit Überwachung zu tun. Es sind nur wenige Eltern, die dieses Angebot nutzen. Diese haben ein Login und dürfen selber entscheiden, ob ihr Kind gefilmt wird oder nicht. Negative Reaktionen habe ich gar keine erhalten. Wenn, dann hatten die Leute eher Mitleid, dass alles so negativ dargestellt wurde», sagt sie.

Im Gegensatz zu «Hoi Börzel» und «Hoi Gömper» hat der Verein ABB-Kinderkrippen in keiner seiner 18 Krippen Kameras installiert. Jeannette Good, Geschäftsführerin des Vereins, sieht die ganze Sache eher kritisch. Das Thema Video-Livestream wurde schon intern diskutiert, jedoch sagt sie: «Wir wollen das nicht. Das Problem ist, dass man ja auf solchen Videoaufnahmen auch andere Kinder als die eigenen sieht. Auch die Mitarbeitenden wären davon betroffen.» Ihrer Meinung nach sei das Recht der Kinder auf Privatsphäre unumstösslich.

Eine Frage des Vertrauens?

Bochsler begründet die Installation der Webcam damit, dass sie einerseits eine zusätzliche Dienstleistung anbieten und andererseits den anfänglichen Trennungsschmerz lindern wolle. «Diese zwei Gründe erscheinen mir etwas dürftig, um eine fixe Kamera zu installieren», sagt Verena Stauffacher, Fachpsychologin für Kinder und Jugendliche.

Dass es Eltern schwerfallen könne, sich vom Kind zu trennen, sei für sie verständlich. Für sie stellt sich dabei folgende Frage: Was brauchen diese Eltern, um Vertrauen in die Arbeit der Kita aufbauen zu können? «Umgekehrt müssen auch die Kinder lernen, sich im neuen Umfeld sicher und wohl zu fühlen.» Doch bemerken Kinder, in diesem Fall bis Zweijährige, die gefilmt werden überhaupt etwas von der Kamera? «Ich denke nicht», sagt Stauffacher. «Kinder in diesem Alter sind sehr im Moment verhaftet.»

Man könne auch, wenn man als Eltern das eigene Kind in der Kamera sehe, gar nicht alle äusseren Umstände beurteilen, fügt sie an. «Wenn man zufälligerweise über die Webcam das eigene Kind weinen sieht, weiss man ja nicht, was der Grund dafür ist. Man kann den jeweiligen Kontext nicht erfassen.» Die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Mitarbeitenden der Kita sei in diesem Fall zentral, sagt sie. Ob eine Webcam wirklich dazu beitragen könne, das Vertrauen zwischen den Beteiligten zu fördern, scheine ihr fraglich.

Jeannette Good stellt in ihren Kinderkrippen keine Zunahme von Misstrauen gegenüber den Kitas fest: «Natürlich gibt es ab und zu besorgte Eltern. Unsere Mitarbeitenden nehmen sich jedoch Zeit, eventuelle Ängste mit den Eltern zu besprechen und auf diese einzugehen.» Sollten die Eltern jedoch das Bedürfnis haben, Einblick in den Alltag der Krippe zu erhalten, biete die Krippen des Vereins Besuchstage an, so Good.

Sicherheit auf dem Webportal

Barbara Scheuner, Dozentin im Studiengang Informatik an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) hat das Studierendenprojekt mitbetreut, das an der Umsetzung der Webcam in den Kinderkrippen «Hoi Gömper» und «Hoi Börzel» beteiligt war.

«Hundertprozentige Sicherheit gibt es nie», bestätigt sie auf die Frage hin, ob das Portal eventuell gehackt werden könnte. «Wichtig dabei ist vor allem, dass die betroffenen Eltern und Mitarbeitenden einbezogen werden und zum Beispiel im Umgang mit Passwörtern geschult werden.»

Der eigentliche Auftrag des Projektes sei allerdings die Entwicklung eines neuen Webportals und die Zusammenführung zweier Websites gewesen, erklärt Barbara Scheuner. Die Einbindung einer Webcam hingegen sei ein Zusatzauftrag gewesen.

«Die Studierenden haben der Kundin einige Umsetzungsmöglichkeiten unterbreitet und verschiedene Vorschläge präsentiert, wobei die Sicherheit immer thematisiert wurde», so Scheuner. «Bei solchen Projekten entscheidet aber der Kunde immer selbst, was er haben möchte. Er trägt damit auch die Verantwortung für seinen Webauftritt.»

Das Projekt hat sogar einen Informatik-Wettbewerb gewonnen: Es erhielt den «Finnovation 2016»-Preis. «Die Studierenden gestalteten eine attraktive Website, die von den Mitarbeitern der Kita einfach editierbar ist. Mit zusätzliche Features wie beispielsweise einem Livestream für die Eltern soll die Kita den Kundenservice erhöhen,» schreibt die Fachhochschule Nordwestschweiz auf ihrer Website.

Barbara Bochsler verteidigt die Webcams in ihren Kinderkrippen: Man wolle damit nur mehr Transparenz schaffen. «Es sind kleine Momente des Tages, welche die Kamera offenbart. Das Vertrauen der Eltern ist auf diese Weise erst recht vorhanden.»