Wenn die meisten noch in ihren Betten schlummern, steht sie bereits auf den Beinen: Um 4.30 Uhr heisst es für Lydia Bieri aus Turgi jeweils «aufstehen», von Montag bis Samstag, seit bald 25 Jahren. 1991 übernahm sie den Kiosk an der Bahnhofstrasse, gleich neben der alten Post. Seit wenigen Wochen nun deutet ein Aushang an der Verkaufstheke auf das Ende dieser Ära hin: Lydia Bieri, heute 74 Jahre alt, möchte ihren Kiosk verkaufen. «Ich habe mir den Ruhestand verdient», sagt sie.

Zwar hätten sich bereits Interessenten gemeldet, doch ob der kleine Laden als Kiosk weitergeführt wird, steht noch nicht fest. Dabei hat dieser Kiosk eine jahrzehntelange Geschichte. «Das war der Treffpunkt unserer Kindheit», sagt Lydia Bieri. «Hier kauften wir auch unser erstes ‹Bravo›.» Während Jahrzehnten führte der Tessiner Alvenzo Piragini den Laden – zu einer Zeit, in der Kioske noch als lukrative Geschäfte galten.

In den Siebzigerjahren begann Berti Luginbühl dort zu arbeiten; später aushilfsweise auch Lydia Bieri. Nach dem Tod Piraginis übernahm Bieri den Kiosk, Luginbühl behielt sie als Angestellte. Heute arbeiten insgesamt vier Frauen im Kiosk, davon drei Rentnerinnen. «Wir haben jeden Tag 13 Stunden geöffnet – zu viel für jemanden alleine», sagt Bieri.

«Da wir selber aus Turgi sind, kamen stets viele Bekannte wegen uns in den Kiosk», erzählt Luginbühl. Diese treue Stammkundschaft war in den ersten Jahren auch nötig: Wenige Jahre nachdem Lydia Bieri den Kiosk übernahm, wurde der gegenüberliegende Bahnhof umgebaut, ihrem traditionsreichen Kiosk wurde ein moderner Valora-Kiosk vor die Nase gesetzt.

«Ich bekam damals schon Angst», sagt Bieri. Mit der Zeit erwies sich der neue Konkurrent aber als nicht sehr bedrohlich. Der Bahnhofkiosk sei bei auswärtigen Pendlern beliebt, Bieri und Luginbühl profitieren aber vom Lokalbonus. «Ich höre auch oft von Kunden, dass sie extra bei uns einkaufen, weil sie kleine Private wie wir unterstützen wollen», sagt Bieri.

Das geänderte Konsumverhalten und die zunehmend spärliche Laufkundschaft in Turgi wurden für den kleinen Kiosk aber zunehmend zu einem Problem. «Früher haben wir jeden Tag 100 ‹Blick›-Zeitungen verkauft», sagt Luginbühl. «Heute sind es etwa 20.»

Vor allem die ABB-Arbeiter hätten frühmorgens Zigaretten und Zeitungen gekauft. Bieri öffnet den Kiosk weiterhin schon um 5.45 Uhr, obwohl heute weniger Arbeiter vorbeikommen. «In Turgi war früher einfach mehr los», sagt Bieri. «An der Bahnhofstrasse gab es Kleider- und Schuhläden, Cafés und Restaurants.»

Dass im naheliegenden Gebiet Geelig in Gebenstorf fünf Grossverteiler Läden eröffnet haben, bekam Bieri auch zu spüren. «Es sind viele Faktoren, die die Gewinnmarge von kleinen Kiosken immer mehr nach unten drücken.» Landesweit hat Valora vor Jahren schon hunderte Kioske aufgegeben. Viele von denen wurden von den ehemaligen Angestellten privat weitergeführt.

Dennoch gibt es Dinge, die sich bis heute gehalten haben: Groschenromane zum Beispiel werden gemäss Bieri rege gekauft. Absatzkönige seien nach wie vor Lotto-Lose und Süssigkeiten. Gummitierchen gibt es bei Bieri – wie seit je – schon ab 5 Rappen.

«Dank der nahen Schule kommen viele Kinder bei uns vorbei.» Es seien denn auch die Kunden, die Bieri am meisten vermissen werde. Und Luginbühl verrät: «Wir sind hier auch eine Art Seelsorger.» Und dies seien sie gerne. «Weshalb denken Sie, mache ich den Job schon so lange?»