Turgi
Kirche soll abgerissen werden – Gutachten kommt zu anderem Schluss

Die reformierte Kirchenpflege in Turgi will das Gotteshaus abreissen und neu bauen. Nun kommt aber ein unabhängiger Gutachter zum Schluss, dass die Kirche in gutem Zustand ist. Der Gutachter wirft der Kirchgemeinde sogar Irreführung vor.

Pirmin Kramer
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Die reformierte Kirche in Turgi sollte eigentlich abgerissen werden - nun kommt Gutachten zu anderem Schluss (Archivbild).

Die reformierte Kirche in Turgi sollte eigentlich abgerissen werden - nun kommt Gutachten zu anderem Schluss (Archivbild).

Patricia Schoch

Am 24. Dezember, wenige Stunden vor Heiligabend, erhielt die reformierte Kirchenpflege einen Brief. Der Inhalt: zwei Gutachten, die sich mit der Schutzwürdigkeit und dem bautechnischen Zustand der Kirche in Turgi befassen. Die Kirchenpflege würde sie gerne abreissen und durch einen Neubau und Wohnungen ersetzen; der Gemeinderat aber sistierte das Baugesuch und gab die Gutachten in Auftrag, nachdem in einer Petition ein Abbruchverbot gefordert wurde.

Reformierte Kirchgänger fordern, das Gotteshaus nicht abzureissen

Die beiden Untersuchungsberichte liegen dem «Badener Tagblatt» nun vor. Bei allem Interpretationsspielraum, den sie bieten, lässt sich doch zusammenfassen: Es war keine frohe Botschaft, welche die reformierte Kirchenpflege der Gemeinden Birmenstorf, Gebenstorf und Turgi zu Weihnachten erhalten hat.

Als Argument für einen Abbruch hatte sie den schlechten baulichen Zustand des 1960 gebauten Gotteshauses vorgebracht. Eine Sanierung käme zu teuer, ein Neubau sei ökologisch und ökonomisch die sinnvollste Variante. Im Gutachten zum baulichen Zustand heisst es nun aber, diese Aussagen seien «schlichtweg falsch, irreführend und absolut unzutreffend». Insgesamt erscheint dem Verfasser, «dass die reformierte Kirche Turgi und das zugehörige Pfarrhaus sich in einem Zustand befinden, der ohne Weiteres rechtfertigt, die Bauwerke zu sanieren respektive weiter zu nutzen», heisst es wörtlich. Die Liegenschaft befinde sich generell in einem für ihr Alter guten bis sehr guten Zustand. «Der Sachverhalt der irreführenden Informationen der Kirchgemeinde kann nicht ausgeschlossen werden», lautet der letzte Satz des Untersuchungsberichts.

Im zweiten, 40 Seiten umfassenden Gutachten sind im Kapitel zur Schutzwürdigkeit einige Sätze angefettet, welche die Wichtigkeit der Kirche untermauern. «Die reformierte Kirche ist Ausdruck und Zeuge einer besonderen historischen Situation überkommunaler Bedeutung.» Oder: «Der Situations- oder Lagewert ist hoch einzustufen, und in architektonisch-baukünstlerischer Hinsicht ist die Kirche als wichtiger Zeuge mit lokaler Bedeutung zu werten.» Die Architekten hätten eine überzeugende Lösung für das kleine, trapezförmige Grundstück gefunden. Die Umsetzung sei mit bemerkenswerter architektonischer Sorgfalt erfolgt.

Welche Bedeutung kommt den beiden Gutachten zu? Wie geht es weiter in der bereits seit Jahren andauernden Debatte um den Kirchenabbruch? Turgis Gemeindeammann Peter Heiniger sagt: «Das Gutachten zur Schutzwürdigkeit endet nicht mit einer ganz konkreten Forderung. Die beiden Gutachten helfen uns aber mit Gewissheit weiter, weil sie von einem unabhängigen Experten erstellt wurden.» Der Gemeinderat habe die Gutachten der Kirchenpflege zur Stellungnahme unterbreitet und warte nun auf die Antwort. «Danach wird der Gemeinderat entscheiden, ob das Baugesuch veröffentlicht wird, oder ob aufgrund der Schutzwürdigkeit eine sogenannte Planungszone erhoben wird.» Ob die Kirche abgerissen werden kann oder nicht, sei «anschliessend abhängig vom weiteren Verlauf». Keine Auskunft gab Heiniger zur Frage, wie viel die Gutachten kosteten.

«Finanzielle Sackgasse droht»

Für Kirchenpflegepräsident Albert Lehmann ist klar: «Es gibt keinen Grund, die Kirche nicht abzureissen. Welche Schlussfolgerungen man aus den Gutachten zieht, ist letzten Endes Interpretationssache.» Der Gemeinderat sollte sich jetzt endlich ein Herz fassen und den Weg für eine neue Kirche und die zusätzlichen zwölf Alterswohnungen frei machen, fordert er. «Die Mitglieder der Kirchgemeinde und ein grosser Teil der Bevölkerung stehen hinter dem Neubau. Turgi hat meines Wissens kein Konzept für Wohnen im Alter. Mit der neuen Kirche erhält die Gemeinde Turgi gratis ohne eigenes Zutun zwölf kostengünstige Alterswohnungen.»

In einem Brief an die Mitglieder der Kirchgemeinde schreibt Lehmann: «Die Interpretation der Kirchenpflege ist eindeutig, dass der Gewinn für die Öffentlichkeit immens grösser ist, wenn in Turgi eine neue Kirche mit zusätzlichen Alterswohnungen entsteht.» Die Kirchenpflege könne nicht zu einem Vorgehen gezwungen werden, hinter dem sie nicht stehen könne. «Eine Unterschutzstellung würde finanziell in eine Sackgasse führen.»

Debatte um Turgemer Kirche: Abbruch – oder ein Fall für den Denkmalschutz?

Die reformierte Kirche in Turgi soll abgerissen und neu gebaut werden: Diesen Entscheid fällten die Mitglieder der reformierten Kirchgemeinde Birmenstorf, Gebenstorf und Turgi am 26. März 2013. Gegen diesen Entscheid regte sich Widerstand, und im Juli reichten 379 Abbruch-Gegner beim Gemeinderat eine Petition ein. Die Forderung: Planungsstopp auf dem Areal und Kirchen-Abbruchverbot. Die Kirchenpflege führte trotzdem einen Architekturwettbewerb durch und kürte im Januar 2014 das Projekt der «ds. Architekten» aus Basel zum Sieger. Befürworter des umstrittenen Projekts ist unter anderem Christoph Weber-Berg, Präsident der Reformierten Landeskirche Aargau. Im April 2014 reichte die Kirchenpflege das Abbruchgesuch ein, das der Gemeinderat Turgi zwei Monate später vorläufig sistierte: Er wollte abklären lassen, ob das Gotteshaus aus dem Jahr 1960 unter Denkmalschutz gestellt werden muss. Nun liegen zwei Gutachten vor. (pkr)