Die Entscheidung fiel am Schluss deutlich: Mit 125 Ja zu 45 Nein bei der reformierten und 121 zu 47 bei der katholischen Kirche stimmte die Turgemer Bevölkerung für einen Teilrückweisungsantrag und somit gegen die kommunale Unterschutzstellung der beiden Kirchen. Robert Landis, Präsident der Bürgerlichen Vereinigung Turgi, hatte vonseiten der reformierten Kirche den entsprechenden Antrag gestellt.

Bei der Katholischen tat dies Kirchenpflegepräsident Daniel Ric «aus konfessioneller Solidarität», wie er sagte. «Ich finde unsere Kirche schön, doch der Bau ist heute für unsere Pfarrei relativ gross.» Zudem fände er es problematisch, einen erst 60-jährigen Bau unter Schutz zu stellen. «Das wäre eine unnötige Einschränkung für meine Nachfolger. Wir sind ein bürgerlicher, freiheitlicher Staat», sagte er und erinnerte daran, dass auch sakrale Bauten immer wieder durch neue ersetzt würden. Selbst dort, wo heute der Petersdom in Rom steht, sei vorher eine 1000-jährige Kirche gestanden.

Robert Landis bekräftige seitens der reformierten Kirche, dass ein kleiner Neubau intelligenter wäre und in etwa gleich teuer käme wie eine Renovierung. «Die reformierte Kirchgemeinde Birmenstorf-Gebenstorf-Turgi braucht nicht drei Gottesdienstkirchen», sagte er und rief die anwesenden Stimmberechtigten auf: «Lassen Sie zu, dass die Kirchgemeinde den Bau erstellen kann, der ihr auch nutzt.» Er brachte zudem Zweifel an die beiden unabhängigen Gutachten, die den Gemeinderat von der Schutzwürdigkeit der Kirchen überzeugt hatten. «Die Kirche wird in keiner relevanten Dokumentation erwähnt, es waren keine bedeutenden Architekten am Werk.» Die Kirchen in Birmenstorf und Gebenstorf stünden zudem unter kantonalem Denkmalschutz und erhielten deshalb «substanzielle Beiträge für Renovierungen». Ein rein kommunaler Schutz in Turgi hingegen brächte kein Geld, lediglich Kosten und Einschränkungen.

Kirchen seien ein Markenzeichen

Vonseiten der Befürworter für den Denkmalschutz stach Ruedi Dietiker heraus. Als Architekt sass er vor 30 Jahren in der Nutzungsplankommission – und stellte die Kirchen damals nicht unter Schutz, weil keiner damit rechnete, dass eines Tages jemand auf die Idee kommen könnte, eine Kirche abzureissen. In seinem Votum an der Gemeindeversammlung hob er hervor, dass ein kommunaler Substanzschutz nicht zu grossen Einschränkungen führen würde. «In der geschützten Spinnerei wird auch nicht mehr gesponnen», sagte er als Beispiel. Die Pfarrhäuser würden zudem nicht unter Schutz gestellt, auf dem Areal seien also weitere Entwicklungen möglich. Darüber hinaus seien die beiden gegenüberstehenden Kirchen ein Markenzeichen Turgis.

Seine Ehefrau Elsbeth erinnerte dann, wie die Turgemer in den 50er-Jahren Geld für den Bau einer eigenen reformierten Kirche gesammelt hatten, da die beiden anderen Gemeinden eine Kirche in Turgi offenbar nicht mitfinanzieren wollten. «Das war ein Faktor für die Bildung einer eigenen Dorfidentität.»

Guido Bertozzi seinerseits griff den damaligen Einsatz der Turgemer für die Kirche auf, sagte aber, dass eine Unterschutzstellung vom Geist her genau das Gegenteil bedeuten würde, nämlich eine Bevormundung.

Gemeindeammann Adrian Schoop (FDP) lobte die «sehr gute Diskussion», die sich über gut eine Stunde zog. Der Gemeinderat verstehe die Befürchtungen von Teilen der Bevölkerung, dass ein Teil der Identität verloren gehen könnte, respektiere andererseits die Handlungsfreiheit der Eigentümerschaft. Ein rein kommunaler Substanzschutz sähe der Rat deshalb als angebracht. «Im Grundsatz geht es darum, die Zeitzeugen unserer Geschichte zu bewahren.» 18 Objekte stehen derzeit auf der Liste der geschützten Bauten. Ohne die beiden Kirchen kommen neu auf diese Liste die Eisenbahnbrücke über die Limmat, die Treppenanlage im Gebiet Gut, zwei Wohnhäuser aus der Wende zum 20. Jahrhundert und das alte Feuerwehrhaus an der Bahnhofstrasse.

Geschossigkeit wird überprüft

Die «aussergewöhnliche und ausserordentliche Gemeindeversammlung», wie es Gemeindeammann Schoop betonte, zog sich insgesamt über dreieinhalb Stunden. Das nationale Medieninteresse war gross, schliesslich kann der Entscheid in Turgi wegweisend sein für weitere Kirchen im ganzen Land. Bis spät wurden noch Details der neuen Bau- und Nutzungsordnung (BNO) debattiert. In den letzten fünf Jahren hatte der Gemeinderat diese erarbeitet. Sie soll die Entwicklung der Gemeinde für die nächsten 15 Jahren steuern und die aktuelle BNO von 1996 ersetzen. Die Bauzonen wurden dabei nicht komplett umgekrempelt, sondern punktuell angepasst und präzisiert. Hervorzuheben ist eine künftige Verdichtung im Areal südlich des Bahnhofs, wo auch der Kanton durch die Zuganbindung einen Entwicklungsschwerpunkt sieht. Dort sollen über das gesamte Areal hindurch leicht höhere Gebäude erlaubt sein, an wenigen Stellen sogar bis zu achtgeschossige Bauten.

Adrian Schoop hob zwar hervor, dass dies «nur unter der Erfüllung strenger Vorschriften» und eines entsprechenden Gestaltungsplans erfolgen könne. Den anwesenden Stimmberechtigten war dies aber offenbar doch zu wenig: Sie befürchten, dass ein hoher Bau den Zuglärm auf die andere Seite des Bahnhofs zurückschallen könnte. Mit 86 zu 82 stimmten sie so knapp für einen Teilrückweisungsantrag. Der Gemeinderat muss punkto Zulässigkeit von achtgeschossigen Bauten nochmals über die Bücher. Bei anderen Detailanträgen setzte sich der Gemeinderat aber mit grosser Mehrheit durch. Die BNO wurde schliesslich – mit den Änderungen – mit 162 Ja- zu 5 Neinstimmen angenommen. 180 Stimmberechtigte waren an der Gemeindeversammlung am Donnerstag anwesend.