Wettingen
Kloster Wettingen gewährt Einblick ins Leben der Mönche

Die Klosterführung öffnet die Tore zu Kunstschätzen und gewährt Einblicke ins Leben der Zisterziensermönche, die einst das Kloster Wettingen bewohnten. Das Wettinger Kloster ist das besterhaltene mittelalterliche Kloster weit und breit.

Tabea Baumgartner
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Voller Faszination für die Gemälde, Fresken und Stuckaturen in der Klosterkirche lauschen die Besucher dem Klosterführer.

Voller Faszination für die Gemälde, Fresken und Stuckaturen in der Klosterkirche lauschen die Besucher dem Klosterführer.

Christoph Küng

Ein Gemurmel hallt dumpf durch den Kreuzgang. Mattes Licht dringt durch die Glasscheiben. Das Gemurmel schwillt an, als ob die Mönche ein Gebet sprechen würden. «Ich lade Sie ein, mir in die Kirche zu folgen», sagt eine klare Stimme. Klosterführer Alfred Hämmerli öffnet das schwere Holztor und gewährt Einlass. Ehrfürchtig schreiten die rund 90 Personen in die Kirche – sie alle nahmen am Sonntagnachmittag an der öffentlichen Führung durch das Kloster Wettingen teil.

Kreuzgang als Friedhof

Der Kreuzgang lädt zum Verweilen ein. Mit Neugierde mustern einige Besucher die detailreichen, frisch restaurierten Glasfenster. «Wenn die Mönche frei hatten, wandelten sie im Kreuzgang, lasen hier die Schriften oder liessen sich die Haare schneiden», berichtet Alfred Hämmerli. Er weist auf die Inschriften auf dem Boden: «Hier war ein Friedhof», erklärt er. «Die Gräber unter den Füssen sollten jeden daran erinnern, dass irgendwann das letzte Stündlein schlägt.»

Die tragische Seite des Mönchslebens eröffnet Hämmerli den Zuhörern mitten in der Klosterkirche: «Im Kloster wurde kein Raum geheizt, abgesehen vom Kalefaktorium», sagt er. «Daher lag die Lebenserwartung der Mönche um die 30 Jahre.» Ein Raunen geht durch die Reihen. Im geschnitzten Chorgestühl aus Eichenholz sitzend, friert es einen an die Füsse, Mitte April. Wie mögen die Mönche das im tiefsten Winter ausgehalten haben?

Am Sonntag lauschten rund 90 Besucher den Ausführungen des Klosterführers über die Glasfenster im Kreuzgang des Klosters Wettingen.
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Blick in den Kreuzgang des Klosters Wettingen mit den frisch restaurierten Glasfenstern, deren das älteste aus dem Jahre 1280/1285 stammt.
Ostparite der Kirche vom Kreuzganggarten aus
Alfred Hämmerli hat als Bauingenieur an der Restaurierung des Klosters Wettingen mitgewirkt. Am Sonntag führte er rund 90 Besucher durch die Klosteranlage.
Das kunstvoll geschnitzte Chorgestühl aus Eichenholz wurde in den Jahren 1601-1604 errichtet; zahlreiche Fresken zieren das Gestühl. Weil Eichenholz widerstandsfähig ist, dürfen die Besucher das Gestühl bis heute benutzen.
Das kunstvoll geschnitzte Chorgestühl aus Eichenholz wurde in den Jahren 1601-1604 errichtet; zahlreiche Fresken zieren das Gestühl. Weil Eichenholz widerstandsfähig ist, dürfen die Besucher das Gestühl bis heute benutzen. Über den Köpfen der Zuhörenden thronen die Heiligenreliefs.
Das kunstvoll geschnitzte Chorgestühl aus Eichenholz wurde in den Jahren 1601-1604 errichtet; zahlreiche Fresken zieren das Gestühl. Weil Eichenholz widerstandsfähig ist, dürfen die Besucher das Gestühl bis heute benutzen. Über den Köpfen der Zuhörenden thronen die Heiligenreliefs.
Voller Faszination für die Gemälde, Fresken und Stukkaturen in der Klosterkirche lauschen die Besucher dem Klosterführer. Im Hintergrund das Sanktuarium.
Blick durchs Chorgestühl ins Sanktuarium, in der Mitte die Lesekanzel aus dem Jahre 1613, wo sich der Vorsänger die Graduale und Manuale zur Lesung vorbereitet hatte.
Die Staute des Heiligen Petrus hält in der Hand rechts im Bild einen Schlüssel – der schwarze Schlüssel soll dazu gedient haben, Sünder wegzusperren.
Bevor die Besucher über diese Treppe in die Mönchszellen gelangten, die heute als Mediothek genutzt werden, erläutert Alfred Hämmerli den Stukkaturenschmuck im Seitenflügel der Mönchskirche.
Bevor die Besucher über diese Treppe in die Mönchszellen gelangten, die heute als Mediothek genutzt werden, erläutert Alfred Hämmerli den Stukkaturenschmuck im Seitenflügel der Mönchskirche.
„Die Zisterzienser waren auf eine gute Art konservativ“, sagte Alfred Hämmerli – sie haben um 1600 ein bewährtes Kreuzrippengewölbe gebaut, obwohl dies längst aus der Mode war. Die Räumlichkeiten unter dem Kreuzrippengewölbe werden heute als Mediothek der Kantonsschule Wettingen genutzt

Am Sonntag lauschten rund 90 Besucher den Ausführungen des Klosterführers über die Glasfenster im Kreuzgang des Klosters Wettingen.

Christoph Küng

Zum ersten Mal im Gemäuer

«Es ist spannend, von einem fachkundigen Führer etwas über das Leben im Kloster zu erfahren», sagt Carlos Hebeisen-Takahama aus Killwangen. Mit seiner Familie habe er das Kloster schon öfter von aussen gesehen, drinnen waren sie noch nie. Seit Vreni Gisler an den Klosterspielen mitgewirkt hat, hegt sie eine Faszination für das Kloster Wettingen. «Ich komme aus Neuenhof – da muss man doch etwas über die Geschichte des Klosters wissen», sagt Gisler. Wer zum ersten Mal seinen Fuss ins Kloster Wettingen setzt, glaubt sich in einem Irrgarten wiederzufinden – es ist jedoch gleich aufgebaut wie andere Zisterzienserkloster. «Das Wettinger Kloster ist das besterhaltene mittelalterliche Kloster weit und breit», sagt Alfred Hämmerli – die Klostergeschichte reicht 785 Jahre zurück.

Schulranzen statt Mönchskappe

Seit der kantonalen Klosteraufhebung im Jahre 1841 leben keine Mönche mehr im Haus: Stattdessen wurden die Räumlichkeiten als Seminar und später als kantonale Mittelschule genutzt. Wo einst die Mönche wandelten, strömen heute 1100 Schüler ein und aus.

Religion war das Mass aller Dinge

Vor rund 20 Jahren wurde das Zisterzienserkloster saniert – Hämmerli war als Bauingenieur massgebend an den Restaurationen des Kulturdenkmals mitbeteiligt und kennt die Klosteranlage in- und auswendig. Er möchte den Menschen die Anlage näherbringen und ihnen das Leben der Mönche verständlich machen. «Leider zeigt die Geschichte oft nicht auf, wie die Menschen damals gelebt haben, was ihre Mentalität und ihre Präferenzen waren», sagt der Klosterführer. Die Religion beispielsweise sei im Mittelalter das Mass aller Dinge gewesen. «Heute wird Religion als das Hinterletzte betrachtet; das Geld steht an oberster Stelle.» Er sagt es mit Nachdruck. Die Besucher werden einige Denkanstösse mit nach Hause genommen haben.

Öffentliche Führungen durch das Kloster Wettingen finden im Sommerhalbjahr an einem Sonntag pro Monat statt. Treffpunkt jeweils um 14.30 Uhr im Kreuzgang. Nächste Führungen: 20. Mai, 17. Juni, 8. Juli, 19. August, 30. September. Keine Anmeldung erforderlich.

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