«Das Essen wird zum Mund geführt und nicht der Mund zum Essen», erklärt Katrin Künzle und legt dabei theatralisch ihren Kopf auf den Teller, um zu demonstrieren, wie man es am Tisch nicht macht. Sieben Kinder zwischen acht und zwölf Jahren schauen sie dabei mit grossen Augen an und kichern.

Sie alle sind eher unfreiwillig im Knigge-Kurs der «Trainerin für gute Umgangsformen», wie sich Künzle vorstellt, gelandet. Die Kinder kommen aus der Region, aus Mellingen oder Gebenstorf, aber auch von weiter her; ein Bub in Hemd und adrettem Gilet ist gar aus Deutschland. Keines der Kinder scheint begeistert davon zu sein, in den nächsten dreieinhalb Stunden zu lernen, wie man sich in verschiedenen Situationen korrekt verhält.

Etwas verschlafen trudeln sie im Konferenzraum des Hotels Du Parc in Baden ein und ergeben sich wenig motiviert ihrem Schicksal, in das sie ihre Eltern hineinmanövriert haben. Die Kinder müssen nach der Einführung von Katrin Künzle erklären, was sie vom Kurs erwarten. So richtig weiss das keines und deshalb wird wiederholt, was sie kurz zuvor im von Künzle vorgestellten Kursablauf gehört haben: Julia will lernen, wie man Besteck richtig hinlegt, Aurelio möchte am Abend seine Eltern korrigieren können, was auch Chanelle und Stefan möchten. Cecilia gibt ehrlich zu: «Ich weiss nicht, was ich heute lerne. Mami wollte, dass ich hierher komme.»

Broccoli-Drive ist Vergangenheit

Die Eltern, die ihre Kinder vorbeibrachten, trieb vor allem eines an: Die ewigen Kämpfe mit ihren Kindern am Tisch zu beenden und nicht immer darauf hinweisen zu müssen, wie sie sich beim Essen verhalten sollten. «Es herrscht heutzutage kein strenger Broccoli-Drive mehr», so nennt es Kursorganisatorin Künzle. Die Zeiten von strengen Regeln, die, wenn sie nicht befolgt werden, konsequent bestraft werden, sind vorbei. Die meisten Eltern wüssten eigentlich, was zu tun wäre, aber es ist nicht immer einfach, das umzusetzen. Ein Knigge-Kurs kommt da wie gerufen: «So kriegen die Kinder auch einmal von einem Profi erklärt, was sich gehört», so Künzle.

Bevor es mit den Regeln losgeht, lernen die sieben Kinder Freiherr Adolph Knigge kennen, «diesen altertümlich aussehenden Herr aus dem 17. Jahrhundert», wie ihn Künzle beschreibt, während sie ein altertümlich aussehendes Bild in die Höhe hält. Er sei ein grosser Menschenfreund gewesen, der sich fragte, warum es nicht möglich sei, dass alle respektvoll miteinander umgehen. Also schrieb er das Büchlein «Über den Umgang mit Menschen». Nach seinem Tod wurden seine Empfehlungen zu Regeln umgemünzt, die heute gar nicht mehr gross mit Knigge selbst zu tun hätten, erzählt Künzle schmunzelnd. Er hätte auch gar keine Empfehlungen für Tischmanieren abgegeben.

Werte im Fokus

Nun, hier im Kurs geht es nur vordergründig um die Person Knigge, viel mehr geht es aber um Werte wie Respekt, Höflichkeit und Anstand. Wie grüsst man richtig? Wer gibt zuerst die Hand? Wer bietet das Du an? Wie schnell muss man sich entschuldigen? Was sind Zauberwörter? Die Kinder müssen die Fragen erst selbst oder in Rollenspielen beantworten, bevor Künzle erklärt, was korrekt wäre. Die Kinder liegen mit ihren Lösungen oft richtig. Die spielerische und humorvolle Art, mit der die Trainerin den Kurs leitet, lässt sie schnell auftauen. «Auch wenn es heute eher eine ruhige Gruppe ist», wie die Knigge-Trainerin feststellt.

Ein Apéro und drei Gänge werden in diesem Kurs aufgetischt, Salat, Hauptmahlzeit und Dessert. Beim Apéro erklärt Künzle, wie im Stehen Glas, Teller und Serviette korrekt gehalten werden; und welche Themen sich zum Smalltalk eignen. In diesem Kinderkreis sind es zuerst Cumulus-Wolken, danach Videospiele, die das Gespräch dominieren. Kurz darauf geht es zum Salat. «Wir essen ihn nur mit Gabel und Brotstückchen, das Messer lassen wir weg», so Künzle. Auch dürfe das Brot nicht abgebissen, sondern müsse abgebrochen werden. Die Kinder lernen die richtige Haltung am Tisch und was Bestecksprache bedeutet. Künzle nimmt eine grosse Uhr hervor und sagt: «Wenn ihr Messer und Gabel in der Zwanzig nach Vier-Position auf den Teller legt, bedeutet das, dass ihr fertig mit Essen seid.»

Katrin Künzle bildete sich vor 15 Jahren zur lizenzierten Knigge-Trainerin aus, weil sie ihren Kindern ebenfalls bessere Umgangsformen beibringen wollte. Kurz darauf gründete sie die «Künzle Organisation». Mit acht weiteren Kursleitern bietet die Organisation inzwischen auch Kurse für Jugendliche, für Lehrstellensuchende, für Erwachsene und für Firmen an — und für verschiedene Ferienpass-Organisationen: «Die Wissensspanne der Kinder in meinen Kursen ist sehr breit», sagt sie. «Manche Kinder wissen bereits viel, andere müssen erst noch lernen, wie sie zum Beispiel Messer und Gabel richtig halten.» Die Rückmeldungen der Eltern nach den Kursen seien sehr positiv.

Die Überraschung bei den Kindern ist gross, als Künzle darauf aufmerksam macht, dass der Kurs schon bald zu Ende ist. Es hat offensichtlich mehr Spass gemacht als gedacht. Die Tochter der Redaktorin, die ebenfalls teilnehmen durfte, ist so motiviert, dass sie am Abend zu Hause Kellnerin spielt, den Tisch deckt, das Essen auftischt, die Serviette wie gelernt auf den Schoss legt, sich an Smalltalk-Themen versucht und dabei kerzengerade sitzt – als hätte sie zwischen Rücken und Stuhllehne eine Maus und zwischen Bauch und Tisch eine Katze, so wie sie es im Kurs gelernt hat. Die Mutter ist stolz und geniesst den Moment; im Wissen, dass es morgen wohl schon wieder anders aussehen wird.

Knigg-Kids: Knigge für Kinder, Hotel Du Parc Baden, Samstag, 23. März 2019.