Kolumne
Weg damit: Eine Panikattacke an der Abfallsammelstelle

Baden-Balladen Nummer 71: Simon Libsig geht entsorgen.

Simon Libsig
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Die Abfallsammelstelle in der Gemeinde Neuenhof. (Symbolbild)

Die Abfallsammelstelle in der Gemeinde Neuenhof. (Symbolbild)

Bild: Beatrice Guarisco

Abfallsammelstelle. Am Samstagmorgen. Mit zusammengekniffenen Augen halte ich eine Weinflasche gegen die Sonne, ich drehe sie hin und her und versuche zu bestimmen, ob sie nun eher grün oder braun ist. Der Herr hinter mir wird langsam ungeduldig. Er räuspert sich. Dann kann er nicht mehr anders. «So, hopp, ine mit däm Siech», sagt er zu meinem Hinterkopf, während sich vorne auf meiner Stirn Schweisstropfen bilden.

Ich bin blockiert. Mehr noch. Ich habe Angst. Aus dem Nichts heraus. Wie angeworfen. Das Atmen fällt mir schwer. Ich bin überzeugt, dass ich nur noch ein paar Minuten zu leben habe, ich spüre, dass ich genau jetzt sterben werde. «Am Änd vom Tag», sagt der Herr hinter mir, «chömed sowieso all i die glich Tonne, do bini sicher.» Ich denke an meine Frau und die Kinder. Ich will sie anrufen. Aber mein Handy liegt im Auto. Und ich kann mich nicht bewegen. «Söll ich für sie entscheide?», fragt der Herr hinter mir, «ich hätt ebe no öppis vor hüt.»

Ja. Ich leider nicht mehr. Jetzt ist dann gleich alles vorbei. «Aazelle, Bölle schelle», beginnt der Herr hinter mir. Ich japse nach Luft. Ich wünschte, ich hätte viel mehr Zeit mit meinen Liebsten verbracht. Und wie viele Momente hatten meine Frau und ich, seit den Kindern, einmal nur für uns?

«D Chatz goht uf Walliselle...», höre ich den Herrn hinter mir, als wäre er weit weg...chund sie weder hei..»..die Weinflasche gleitet mir aus der Hand...» het sie chrummi Bei..»...die Weinflasche zersplittert am Boden...» piffpaffpuff!»..Scherben spritzen gegen mein Schienbein...wir haben uns beide erschreckt.

Der Mitarbeiter im orangen Gwändli, der gerade bei der Waage steht, schaut zu uns rüber. Nun lacht der Herr hinter mir auf. So könne man natürlich auch entsorgen. «Aber empfähle würd ich’s nöd.» Ich atme durch. Die Angst lässt ein wenig nach. Und das Gefühl wird stärker, dass ich wohl doch noch nicht «ehr- und redlich duss» bin.

Auf der Fahrt nach Hause gestehe ich mir ein, dass das eben eine waschechte Panikattacke war, auf der Sammelstelle. Beim Entsorgen. Und ich werde mir der Ironie bewusst. Ent-Sorgen. Und ich stelle mir vor, was wäre, wenn es tatsächlich solche Orte geben würde? Mit Öffnungszeiten und Mitarbeitenden, an denen man, beispielsweise am Samstagmorgen, ent-Sorgen könnte?

Dort gäbe es vielleicht Tonnen für Finanzprobleme oder Einsamkeit oder Überforderung. Für Schlafmangel oder Zukunftsangst. Und jeder fährt mit seinen gesammelten Sorgen vor und knallt sie in die Tonne.

«Was ladsch du hüt alles ab?» «Ah, nume es z chlises Sälbstbewusstsi, öppis wenigs a schlächtem Gwüsse, will ich gloge han, und die unusgfüllti Stürerchlärig. Und du?» – «Min Ex.»

Fast wünschte ich mir, es gäbe solche Entsorgungsanlagen. Natürlich bräuchte es für mich noch eine Tonne, in die alle Sorgen kommen, die man nicht so genau benennen oder definieren kann. Die «Ich-weiss-nöd-so-genau-werum»-Tonne. Denn manchmal weiss man es schlichtweg nicht. Ist es wegen des Jobs? Oder vielleicht doch wegen der Beziehung? Ist es eher grün oder braun?

Als ich nach Hause komme, bin ich regelrecht anhänglich. Ich knuddle die Kinder und umarme und küsse meine Frau, vielleicht einmal zu viel. Sie kriege ja kaum Luft, sagt sie, und schiebt mich zärtlich zur Seite. Sie habe übrigens noch eine Schwetti Karton im Keller gefunden, ich müsse nochmals hin.

Zum Autor: Simon Libsig, Poet (42), hat zuletzt den Krimi «Der Velodieb, der unters Auto kam» veröffentlicht. Seine Kolumne erscheint immer am ersten Donnerstag im Monat.

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