Region Baden
«Konkurswelle kommt ab Herbst»: Aargauer Veranstaltungstechniker blicken in eine düstere Zukunft

Trotz Aufhebung der 1000er-Grenze leiden die Veranstaltungstechniker der Region Baden. Normalität dürfte wohl erst Mitte 2021 einkehren.

Andreas Fretz
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«Dass die 1000er-Grenze fällt, bringt uns wenig bis gar nichts»: Matthias Hösli, Geschäftsleiter vom Veranstaltungstechniker Megatron.

«Dass die 1000er-Grenze fällt, bringt uns wenig bis gar nichts»: Matthias Hösli, Geschäftsleiter vom Veranstaltungstechniker Megatron.

AZ-Archiv

In knapp einem Monat sind Veranstaltungen mit mehr als 1000 Personen wieder erlaubt. Diese Woche hat der Bundesrat die Kriterien für die Bewilligungen bekannt gegeben. Ist das der Befreiungsschlag für die von der Coronakrise arg gebeutelte Veranstaltungsbranche? Mit den Firmen Megatron aus Mellingen und Spörri aus Vogelsang gibt es in der Region zwei Unternehmen, die in der Veranstaltungstechnik tätig sind. Doch obwohl die 1000er-Grenze aufgehoben wird, bleiben die Aussichten düster.

«Dass die 1000er-Grenze fällt, ist vor allem erfreulich für die Sportvereine», sagt Megatron-Geschäftsführer Matthias Hösli. «Der Sport hat eine Lobby. Aber uns bringt das leider wenig bis gar nichts.» Ins gleiche Horn stösst Mirko Spörri, Inhaber der Spörri Veranstaltungstechnik: «Die Lockerung bedeutet nicht, dass wir jetzt wieder genug Arbeit haben. Ob die Grenze unter oder über 1000 liegt, spielt für uns im Gegensatz zum Sport keine grosse Rolle.»

Das Problem: Die Angst und die Unsicherheit bei den Veranstaltern ist nach wie vor riesig. «Niemand plant einen grossen Event, wenn er befürchten muss, dass er von den Behörden kurzfristig abgesagt werden kann und man trotzdem die Kosten tragen muss», sagt Hösli. Das unternehmerische Risiko sei generell zu hoch, zudem lassen sich viele Events mit den Restriktionen nicht rentabel durchführen. Die Folge: Den beiden Firmen wurden diese Woche Aufträge für Weihnachtsfeiern und die Fasnacht entzogen.

Umsatzeinbruch von rund 90 Prozent

Die Coronapandemie hat die Veranstaltungstechniker in den umsatzstärksten Monaten des Frühjahrs und Sommers mit voller Wucht getroffen. Messen und Konzerte wurden abgesagt, Generalversammlungen und Dorffeste verschoben. Mirko Spörri rechnet in diesem Jahr mit einem Umsatzverlust von 80 bis 90 Prozent. Er sagt: «Jeder Rappen zählt. Zum Glück haben wie eher viele kleine statt wenige grosse Kunden.» Auch Hösli spricht von einem Auftragsrückgang um 90 Prozent. Megatron hat das Glück, als Partner der Umweltarena Spreitenbach die Grossratssitzungen durchführen zu können. Allgemein seien im Bereich der Politik noch am ehesten Aufträge zu ergattern, sagt Hösli.

Dennoch: Beide Firmen mussten schon früh sämtliche Mitarbeitenden bis auf Weiteres in Kurzarbeit schicken. Bei Megatron sind zehn Leute beschäftigt, entlassen wurde noch niemand. Für die Firme Spörri arbeiten noch fünf Personen, zwei Teilzeitmitarbeitenden wurde zu Beginn der Pandemie gekündigt. Sowohl Hösli wie auch Spörri gehen davon aus, dass die schwerste Zeit für die Wirtschaft noch bevorsteht: «Wenn Mitte September die Hilfe für direkt und indirekt von der Corona-Krise betroffene Selbstständige und Kleinunternehmer endet, kommt die Konkurs- und Kündigungswelle.»

Diese Einschätzung deckt sich mit der Meinung der Experten des weltweit führenden Kreditversicherers Euler Hermes. So dürfte ab dem Herbst überall auf der Welt die Konkurswelle einsetzen, die sich dann über das gesamte erste Halbjahr 2021 fortsetzt. Die Prognose: Insgesamt dürften die Konkurse hierzulande im Zuge der Coronapandemie in den zwei Jahren bis 2021 um insgesamt 15 Prozent auf etwa 5680 Fälle ansteigen.

Weinende Mitarbeiter am Sitzungstisch

Spörri macht keinen Hehl daraus, dass die letzten Monate eine starke psychische Belastung waren; er erzählt von Meetings, bei denen die Mitarbeitenden weinend am Sitzungstisch sassen. «Als Chef muss ich den Mitarbeitenden Sicherheit vermitteln, aber wer gibt mir Sicherheit?», fragt Spörri. «Die Belastung für mich ist massiv.»

Ein grosses Problem bleiben Fixkosten wie Miete, Versicherungs- oder Leasinggebühren. Etwas Hoffnung bietet dagegen die Digitalisierung. Der Trend geht Richtung Online- und Streaming-Events. «Für unsere Firma ist das kein ganz neues Feld, aber die Konkurrenz in diesem Bereich ist gross», sagt Hösli. Für die Uni Basel konnte Megatron einen solchen Event organisieren. «Aber diese Aufträge sind punkto Personal- und Materialaufwand nicht vergleichbar mit einem physischen Event», sagt der Geschäftsleiter.

Der Blick in die Zukunft ist wenig verheissungsvoll. Hösli rechnet damit, dass es bis Mitte des nächsten Jahres schwierig bleibt. «Die Unsicherheit führt dazu, dass niemand etwas plant. Zumal grössere Anlässe eine Vorlaufzeit von einem halben Jahr benötigen.» Spörri denkt gar, dass frühestens im Herbst 2021 wieder Normalität einkehrt.

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