In der Kirchgemeinde Turgi und Gebenstorf tobt seit Monaten ein Konflikt, der inzwischen in giftiger Atmosphäre geführt wird. Auf der einen Seite: die Kirchenpflege um Präsident Daniel Ric sowie Pfarrer Adam Serafin. Auf der anderen Seite: eine Gruppe von gemäss eigenen Angaben rund 50 Pfarreiangehörigen, die sich vor rund einem Jahr «in Opposition zur aktuellen pfarreilichen Situation» zusammengefunden hat.

Hauptvorwurf dieser Initiativgruppe: «Wir wehren uns dagegen, von einem konservativen, hierarchisch handelnden Pater und einer ebensolchen Kirchenpflege in vorkonziliare Zeiten zurückgeworfen zu werden.»

Dass der Konflikt an die Öffentlichkeit gelangt, hat mit der Aussage eines Seelsorgers aus Turgi zu tun. Die Zahl der Gottesdienstbesucher in der eigenen Kirchgemeinde steige, was darauf zurückzuführen sei, dass in der Liturgie am Wochenende strikt auf Eucharistiefeiern gesetzt werde, sagte er. Eucharistiefeiern zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass ihnen in jedem Fall ein Priester vorsteht.

«Man redete an eine Mauer»

In einer Stellungnahme antworten fünf Delegierte der «Initiativgruppe»: «Die Anzahl Gottesdienstbesucher mag vielleicht wirklich zunehmen – aber die strikten, ausschliesslichen Eucharistiefeiern ziehen auswärtige Katholiken an. Und Auswärtige tragen nicht zum Gemeindeleben bei.» Die Gruppe betont: «Natürlich sind Eucharistiefeiern unbestritten der liturgische Höhepunkt, seit dem Konzil jedoch längst nicht mehr die einzig mögliche Gottesdienstform.»

Bevor Pater Adam Serafin das Zepter übernahm, habe in Turgi und Gebenstorf grosse Vielfalt geherrscht: «Wir gestalteten zusammen Gottesdienste für und mit Familien, Wortgottesdienste mit Kommunionsfeiern, frohe Gottesdienste mit Kindern und Jugendlichen und vieles mehr. Und das nicht unter der Woche, sondern selbstverständlich an Wochenenden.» Viele Pfarreiangehörige wünschten sich diese Vielfalt wieder zurück. «Das wurde an einer öffentlichen Versammlung im vergangenen Oktober von einer grossen Mehrheit der Anwesenden auch vehement zum Ausdruck gebracht. Aber das interessierte schon da weder den Pater noch unsere Kirchenpflege, man redete an eine Mauer.»

Der Diakon und gewählte Gemeindeleiter von Turgi-Gebenstorf und Birmenstorf würde diesem Wunsch gern entsprechen und anstelle von Eucharistiefeiern besonders durch Aushilfen andere Formen von Gottesdiensten durchführen, was jedoch von Pater Adam und dem Kirchenpflegepräsidenten nicht zugelassen werde, so die Gruppe. Der Diakon sei an Gottesdiensten am Wochenende darum kaum mehr präsent.

Das strikte und ausschliessliche Beharren auf Eucharistiefeiern an den Wochenenden habe viele negative Auswirkungen und verursache erste Kollateralschäden, schreibt die Initiativgruppe weiter. Erstens finanziell: «Da Pater Adam nur die Hälfte dieser Eucharistiefeiern selber durchführt, werden für die andere Hälfte Aushilfen angestellt. Diese Aushilfen muss die Kirchgemeinde bezahlen.»

Zweitens seien Menschen, weil sie nicht gehört würden, «enttäuscht, frustriert, werden krank, ziehen sich zurück oder treten sogar aus der Kirche aus». Die Austritte erfolgten nicht wegen der Missbrauchsfälle in der globalen Kirche, sondern wegen der Situation vor Ort. «Wir wollen in Gebenstorf und Turgi wieder ein christliches Gemeindeleben, wie wir es seit Jahrzehnten gewohnt waren», lautet die Forderung der Initiativgruppe.

Priester: «Es gab nie ein Verbot»

Pater Adam Serafin sagt: «Ich habe keinem Seelsorger oder einer Gruppe bei uns untersagt, irgendwelche Anlässe durchzuführen, habe dies sogar angeregt.» Es fänden Gebetstreffen und Meditationen statt, die syrisch-orthodoxe Kirche nutze die Kirche regelmässig, letzten Sommer habe die reformierte Kirchgemeinde die Kirche für Anlässe genutzt. Und mit dem reformierten Pfarrer habe es einen Predigttausch gegeben. «Es hat nie ein Verbot von meiner Seite gegeben, das lässt sich schwarz auf weiss belegen. Das Einzige, wogegen ich mich gewehrt habe, ist die Abschaffung der wöchentlichen Messfeier, die der Gruppe ein Dorn im Auge ist.»

Und auch Kirchenpflegepräsident Daniel Ric äussert sich. «Das Gute an der momentanen Diskussion: Es wird in Turgi und Gebenstorf so intensiv wie noch nie über die Kirche und über Gottesdienste diskutiert. Was der Priester in seiner Predigt sagt, wird am Tag danach am Stammtisch diskutiert. Dass sich so viele Menschen nach Jahrzehnten theologischer Verflachung mit Inhalten beschäftigten, ist ganz im Sinne der Kirche.»

Die fünf Delegierten der Initiativgruppe hätten sich stets geweigert, der Kirchenpflege oder Pater Adam die Liste mit den vermeintlich 50 Pfarreiangehörigen zu geben. «Wir wissen nicht, in welchem Namen die Gruppe spricht», sagt Daniel Ric.

Was die Angst der Delegierten der Gruppe um die finanzielle Situation der Kirchgemeinde anbelange, lasse sich sagen, dass die Kirchgemeinde vorletztes und letztes Jahr dank sehr effizienter Organisation einen ahnsehnlichen Überschuss erzielt habe. «In allen Ländern der Welt ist es völlig normal, dass am Wochenende eine Messfeier stattfindet. Nur bei uns, im reichsten Land der Welt, soll dies ein finanzielles Problem darstellen?»

Er sei froh, «dass die Jünger Jesu damals nicht so eine strenge Trennung zwischen Auswärtigen und Einheimischen machten und die finanziellen Überlegungen nicht so stark ihre Glaubenspraxis dominierten, ansonsten wäre die Anzahl der Christen bei 11 verharrt und nicht auf heute 2,3 Milliarden angewachsen», so Ric.

Auch gegen die restlichen Vorwürfe wehrt er sich: «Es lässt sich schriftlich belegen, dass die Aussage, wonach irgendwelche Anlässe von der Kirchenpflege oder Pater Adam verboten wurden, eine Unwahrheit darstellt.» Jeder Seelsorger und auch sonst engagierte Gruppen hätten die Möglichkeit, Anlässe in der Kirche durchzuführen. «Nur können wir die Menschen nicht zwingen, an diese Anlässe zu gehen.» Eine Einschränkung des liturgischen Angebots der Messfeiern, damit alternative, von einzelnen Pfarreimitgliedern organisierte Gottesdienste oder Anlässe attraktiver werden, erachte er als falsch und gegenüber den Kirchgemeindemitgliedern als unehrlich.

«Keine Vorschläge der Gruppe»

Ausserdem lehnt es Ric ab, innerhalb der Katholischen Kirche von «Auswärtigen» zu sprechen. «Die Gruppe definiert als Auswärtige alle, die nicht seit Jahrzehnten im Dorf leben. Die Kirche soll aber offen für alle sein – ob nun Ausländer, Neuzugezogene oder auch Menschen, die in anderen Dörfern leben.» Eine solche Mentalität grenze Menschen aus.

An der von der Initiativgruppe erwähnten öffentlichen Versammlung habe es keine Abstimmungen gegeben, sagt Ric weiter. «Die Kirchenpflege hat im Vorfeld alle Kirchgemeindemitglieder gebeten, Ideen einzubringen. Von der Gruppe, die sich selbst Initiativgruppe nennt, kam trotz mehrfacher Aufforderung nie ein konkreter Vorschlag zur Belebung des Pfarreilebens.»

Alle Anlässe, von denen die Gruppe in Nostalgie schwelgend spreche, wären ohne Weiteres auch heute möglich. «Nur führen wir heute über alle Gottesdienstbesuche und Anlässe rigoros Statistiken, mit welchen sich anhand der Besucherzahlen ermitteln lässt, ob der Erfolg der Realität oder eigenem Wunschdenken entspricht.» Er gehe davon aus, dass dies die Gruppe zurückhält, Anlässe konkret durchzuführen.