Niederrohrdorf

Krawalltour endet mit Gefängnis — zwei der drei Schweizer waren bereits auf Bewährung

Zwei der drei Schweizer müssen hinter Gitter.

Zwei der drei Schweizer müssen hinter Gitter.

Ein umgekippter Smart und Fusstritte gegen einen Polizisten: Eine Nacht in Niederrohrdorf hinterlässt Spuren. Die Beschuldigten wollten Einsprache erheben — sie entschieden sich dann aber doch dagegen und akzeptierten ihre Strafe.

Drei junge Schweizer mussten sich vor dem Bezirksgericht Baden für eine Nacht im Februar 2018 verantworten, die ziemlich aus dem Ruder lief. Sie waren damals durch Niederrohrdorf gezogen und fanden sich nun vor Gerichtspräsidentin Gabriella Fehr wieder, weil sie gegen den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Einsprache erhoben hatten.

Die Beschuldigten kamen ohne Anwalt, aber mit einem bereits mehr oder weniger beträchtlichen Vorstrafenregister. Zur Zeit ihrer Krawalltour waren zwei der Anwesenden auf Bewährung.

In der besagten Nacht waren die Beschuldigten um 4.50 Uhr angetrunken in Niederrohrdorf unterwegs, als sie zuerst mit einem Palettenrolli lautstark durch die Strassen zogen. Nachdem sie den Rolli beim Libellenkreisel zurückliessen, zogen sie weiter in die Mellingerstrasse, wo sie einen parkierten Smart auf die Seite kippten.

Carrosserieschäden und eine zerbrochene Scheibe waren die Folge. Sachschaden rund 5000 Franken. Als Nächstes machten sich die Beschuldigten an einer Sitzbank zu schaffen, kippten sie um und beschädigten die Rückenlehne. Um vor den einrückenden Patrouillen der Stadt- und Kantonspolizei zu fliehen, entwendeten sie Fahrräder.

Gegen Polizisten getreten, bis dieser zu Boden fiel

Doch sie liessen sich in Gewahrsam nehmen, ausser Samir (alle Namen geändert), der sich zu Fuss eine Verfolgungsjagd mit einem Polizisten lieferte. Auf den Ausruf «Halt, Polizei» reagierte er nicht. Als der Polizist ihn am Arm zu packen bekam, schlug Samir mit den Armen wild um sich und trat mit den Füssen gegen den Polizisten, bis er sich losreissen konnte.

Erneut bekam der Polizist den Flüchtigen zu fassen. Im Laufe der Rangelei fiel Samir rückwärts in eine Baustellenabschrankung, später trat er erneut gegen den Polizisten, bis dieser ebenfalls zu Boden stürzte und Schürfwunden und Prellungen an Knie und Schienbein erlitt. Ein zweiter Polizist bekam den Flüchtigen schliesslich zu fassen.

Alle Beschuldigten kamen in Untersuchungshaft. Auf der Tour durch Niederrohrdorf waren sie gemäss Strafbefehl der Staatsanwaltschaft wegen Sachbeschädigung, Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte sowie Widerhandlung gegen das Strassenverkehrsgesetz verurteilt worden.

Samir (20), der eine Lehre abgebrochen hatte und dem die zweite Lehrstelle gekündigt worden war, war zu einer Freiheitsstrafe von 80 Tagen unbedingt und einer Busse von 500 Franken verurteilt worden. Aufgrund der unsicheren Bewährungsaussichten könne im vorliegenden Fall nur eine Freiheitsstrafe genügen, um die beschuldigte Person von der Begehung weiterer Verbrechen oder Vergehen abzuhalten, so die Begründung.

Nach nur drei Monaten auf Bewährung bereits nächstes Delikt

Samir war bereits im November 2017 wegen mehrfachem Diebstahl, mehrfacher Sachbeschädigung und mehrfachem Hausfriedensbruch zu einer bedingten Geldstrafe von 100 Tagessätzen à 30 Franken verurteilt worden. Zwei Jahre Bewährung habe er damals gekriegt, stellte die Gerichtspräsidentin fest, aber nur drei Monate habe er es bis zum nächsten Delikt durchgehalten.

Ob er den Strafbefehl für einen Scherz hielt, wollte Gabriella Fehr wissen. «Ich nahm ihn ernst», entgegnete Samir zögernd, und fuhr fort, dass die Aktion in Niederrohrdorf leichtsinnig und nicht geplant war. Wie bei den anderen Beschuldigten waren auch bei ihm die Erinnerungen an jene Nacht, in der offenbar viel Bier und Gin getrunken wurde, bruchstückhaft bis inexistent. Vor Gericht entschuldigte er sich beim Polizisten, der ja nur seine Arbeit ausgeführt habe, für die Schürfungen und Prellungen.

Auch Oliver (20), hat schon einiges auf dem Kerbholz. Vor und nach der Niederrohrdorfer Nacht kam es zu Übertretungen gegen das Betäubungsmittelgesetz, mehrfachem Diebstahl, Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Nichtanzeigen von Funden. Nach einem ersten erfolglosen Versuch hat er im August 2019 seine zweite Lehrstelle angetreten. Von der Staatsanwaltschaft wurde er zu sechs Monaten bedingt sowie zu einer Busse von 600 Franken verurteilt.

Wichai (22), nach zwei abgebrochenen Lehren erwerbslos, hatte unmittelbar vor den Taten in Niederrohrdorf noch eine Cannabiszigarette geraucht. Bereits 2016 wurde er zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt, die Bewährung lief noch. Nun kassierte er von der Staatsanwaltschaft eine unbedingte Geldstrafe von 50 Tagessätzen zu je 30 Franken sowie eine Busse über 300 Franken.

«Warum Einsprache, wenn sie zu allem Ja sagen?»

Gerichtspräsidentin Fehr war nach der Befragung einigermassen überrascht, dass die drei Beschuldigten die Strafbestände akzeptierten. «Warum erheben sie Einsprache, wenn sie zu allem Ja sagen?», wollte sie wissen. Fast machte es den Eindruck, als hofften die Beschuldigten, vor Gericht Antworten auf ihre Gedächtnislücken zu finden.

Stattdessen bot Fehr ihnen an, die Einsprachen zurückzuziehen und die Strafen zu akzeptieren, um Geld bei den Verfahrenskosten zu sparen. Nach kurzer Denkpause willigten die drei Beschuldigten ein. Samir gab Fehr mit auf den Weg: «Nutzen Sie die Zeit im Gefängnis.» Und: «Sie müssen unbedingt eine Ausbildung machen.»

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