Baden

Krematorium macht Überreste zu Geld – ist das rechtlich und ethisch vertretbar?

Das Krematorium Liebenfels in Baden: Die Recycling-Einnahmen haben sich im vergangenen Jahr verzehnfacht.

20'000 Franken nahm das Badener Krematorium letztes Jahr durch Recycling von Implantaten ein. Experten sind sich uneinig, ob die nichtmenschlichen Überreste dem Staat oder den Angehörigen gehören.

Was bleibt von einem Leichnam übrig, nachdem er kremiert wurde? Asche. Aber auch Gold, Silber, Palladium und Platin. Bei 700 Grad werden die wertvollen Rohstoffe im Brennofen aus Goldzähnen, Schmuck, Zahnkronen oder Implantaten freigesetzt. Krematorien in Solothurn und Zürich filtern diese Bestandteile aus der Asche und verkaufen sie an Recyclingfirmen, berichteten Medien diese Woche. Der Erlös fliesst in die eigene Kasse.

Edelmetall aus dem Körper der Toten zu Geld machen – ein lukratives Geschäft, da der Wert des Goldes, das jährlich allein auf Schweizer Friedhöfen vergraben wird, von Fachleuten auf vier Millionen Franken geschätzt wird. Aber auch eine umstrittene Praxis, die bei vielen Schweizer Krematorien auf Ablehnung trifft.

Wie geht das Krematorium Liebenfels in Baden mit nichtmenschlichen Überresten um? «Wir nehmen Implantate und grössere metallische Stücke manuell aus der Asche, bevor diese in die Aschemühle kommt», sagt Thomas Stirnemann, Werkhofchef und Betriebsleiter des Gemeindeverbands Krematorium der Region Baden. Die entnommenen Materialien gebe man an eine Recyclingfirma ab. Beim Krematorium Liebenfels ziehe man aber eine klare Grenze: «Kleine geschmolzene Stücke, beispielsweise von Zahnkronen oder Schmuckstücken, nehmen wir nicht heraus. Sie kommen mit in die Urne.»

Stirnemann ist überzeugt, dass jene Bestandteile in der Asche bleiben sollten. «Aus Pietätsgründen», wie er betont. Damit tut man es in Baden dem anderen Aargauer Krematorium, dem Krematorium Rosengarten in Aarau, gleich. «Wir recyceln grössere Implantate, aber keine Edelmetalle aus Zahnkronen», sagt Friedhofsleiter Hannes Schneider auf Anfrage.

Sprunghafter Anstieg im Erlös

Bis zu 40 000 Franken nimmt das Solothurner Krematorium jährlich durch den Verkauf von nichtmenschlichen Überresten ein; im Krematorium Nordheim in Zürich werden künftig gar weit über 100 000 Franken pro Jahr erwartet. Und beim Krematorium Liebenfels? «Der letztjährige Ertrag durch Recycling betrug bei uns etwa 20 000 Franken», sagt Thomas Stirnemann. Was für den Gemeindeverband einem «absoluten Quantensprung» gleichkommt: «In den Vorjahren hatten wir vielleicht einen Erlös von 1000 bis 2000 Franken, also rund zehnmal weniger.»

Warum dieser sprunghafte Anstieg? Die Recycling-Branche habe sich rasant entwickelt, viele Firmen würden heute auf den Markt drängen, erklärt Stirnemann. Dadurch finde die Wiederverwertung professioneller als noch vor ein paar Jahren statt. «Früher konnten wir nur die grossen Teile abgeben. Erst seit letztem Jahr liefern wir auch kleinere Materialien wie Schrauben oder Nägel an eine spezialisierte Firma.» Ergebnis: Besseres Recycling und ein äusserst hoher Betrag, welcher der Gesamtrechnung des Gemeindeverbands zugutekommt – und ihm einen massiven Überschuss beschert.

Stellt sich die Frage, was mit diesem Geld geschieht. Man sei als selbsttragender Eigenwirtschaftsbetrieb nicht an Gewinnen interessiert, betont Stirnemann. «Ich werde mit dem Vorstand diskutieren, ob wir einen Teil der Einnahmen an gemeinnützige Organisationen spenden.» Auch die Kremationsgebühren, durch die sich der Verband finanziert, fasst Stirnemann ins Auge. Rund 1700 Kremationen führte das Krematorium Liebenfels im letzten Jahr durch. Sprich: Pro Feuerbestattung gingen knapp 12 Franken aufs Konto des Gemeindeverbands. «Es ist also durchaus vorstellbar, dass wir die Gebühren mittelfristig um diesen Betrag vergünstigen können», so Stirnemann.

Erbrechtsexperte: «Wie Grabräuber»

Doch wer hat eigentlich Anrecht auf die Überreste eines Verstorbenen? Viele, darunter auch die Leiterin des St. Galler Krematoriums, vertreten die Ansicht, dass die Asche vollumfänglich an die Angehörigen gehen sollte, wie sie dem «Blick» sagte. Andere sind überzeugt davon, sowohl menschliche als auch materielle Überreste seien nach der Verbrennung Eigentum des Staats. Thomas Stirnemann meint: «Klarheit könnte erst ein Rechtsfall bringen. Grundsätzlich geht die allgemeine Lehrmeinung aber davon aus, dass es sich bei der Asche mit all ihren Bestandteilen um eine herrenlose Sache handelt.»

Anderer Meinung ist Marcel Moser von der Badener Anwaltskanzlei Eichenberger Blöchlinger Thurnherr & Partner. Der Experte für Erb- und Sachenrecht sagt: «Schmuckgegenstände und Edelmetalle sind klares Eigentum der Angehörigen.» Ohne vorhergehende Abmachung, dass die Edelmetalle verkauft werden dürfen, würden die Krematorien «wie Grabräuber» handeln. «Die Angehörigen geben den Schmuck den Toten zu einem bestimmten Zweck mit, sie bringen damit nicht zum Ausdruck, dass sie ihr Eigentum aufgeben möchten.»

Weniger deutlich sei die Sache bei Implantaten wie Goldkronen und Prothesen, erklärt Moser. «Hier könnte man den Standpunkt vertreten, dass die Erben ihre Ansprüche an diesen Dingen aktiv anmelden müssen.» Ein Präzedenzfall in dem Bereich sei absehbar, prognostiziert Moser. Er schlägt vor: «Um Streitfälle zu vermeiden, sollte vor jeder Kremation standardmässig vertraglich vereinbart werden, was mit den nichtmenschlichen Überresten geschieht.»

Dafür plädiert auch Christina Huppenbauer, Pfarrerin bei der Reformierten Kirche Baden. Aus theologischer Sicht hält sie den Verkauf von Edelmetall wie auch die Verwendung der Überreste von Prothesen zwar für unbedenklich. Aber: «Es ist nötig, neben den juristischen auch die ethischen Aspekte zu klären. Wer bekommt den Erlös? Sind die Angehörigen informiert und damit einverstanden? Oder hätten sie die Überreste allenfalls selber behalten oder verkaufen wollen? Auf diese Fragen müssen Antworten gefunden werden.»

Ähnlich wird es bereits in Zürich gehandhabt. Dort braucht es das Einverständnis der Angehörigen, damit die Asche gefiltert werden darf. Anders in Baden: Das Krematorium Liebenfels informiert die Angehörigen im Vorhinein nicht über die Wiederverwertung, wie Thomas Stirnemann sagt. «Bisher hat unser Vorgehen aber noch nie zu Streitigkeiten geführt.»

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