Im Sommer 2020 feiert die Gemeinde Wettingen ein Fest, das es so seit Jahren nicht mehr gegeben hat: Das grösste Dorf im Kanton verwandelt sich anlässlich seines 975-Jahr-Jubiläums für zehn Tage in eine Festmeile.

Bei der Präsentation im letzten Dezember informierte das Organisationskomitee nicht nur über das Konzept und das Motto, sondern stellte auch eine innovative Idee vor: dass das Fest bargeldlos werden soll. Beim sogenannten «Cashless»-System erhalten Besucher einen Datenträger – etwa eine Karte oder ein Bändeli –, den sie an einer Ladestation mit einem Betrag aufladen können. Bei einer Konsumation wird der Datenträger an ein Bezugsterminal gehalten, wobei der Betrag von der Karte abgebucht wird. Ist das Guthaben aufgebraucht, kann der Datenträger wieder an den Stationen aufgeladen werden.

Bereits bei der Präsentation des bargeldlosen Zahlungssystems ging ein Raunen durch das Publikum, Fragen bezüglich Funktionsweise und Bedienbarkeit tauchten auf. Nun äussert sich auch die Wettinger Einwohnerrätin Sylvia Scherer (SVP) dazu. «Ich finde es toll, dass Wettingen ein Volksfest feiert.» Jedoch, sagt sie, könne sie sich nicht vorstellen, dass ein bargeldloses System funktionieren soll – und für ein solches Fest das Richtige sei. Sie fordert die Organisatoren auf, die Idee zu verwerfen.

«Stehe nicht hinter den Plänen»

Ihre Begründung: «Mit dem digitalen Bezahlsystem werden sich verschiedene Bevölkerungsgruppen sehr schwertun. Dies betrifft auch ältere Einwohnerinnen und Einwohner», sagt sie und fügt an: «Die Personen also, die dafür gesorgt haben, dass Wettingen zu dem Dorf geworden ist, in dem wir heute gerne leben.» Man erschwere somit gewissen Besuchergruppen die Teilnahme am Fest. «Das stimmt nicht mit dem Ziel überein, dass das Fest die Einwohnerinnen und Einwohner aller Generationen unterhalten möchte.» Auch als Präsidentin der katholischen Frauengemeinschaft St. Sebastian, die rund 250 Mitglieder zählt, – wovon ein wesentlicher Anteil aus älteren Seniorinnen besteht – könne Sylvia Scherer «absolut nicht hinter den Plänen stehen».

Drei Gründen führte zu Verzicht

Auf Anfrage dieser Zeitung zeigt sich, dass die Forderung von Scherer offene Türen einrennt: Wie OK-Präsident Paul Koller sagt, habe man beschlossen, auf die Einführung zu verzichten. «Unser Ansatz war, einen Nutzen für die Vereine und die Besucher von ‹Atmosphäre› zu generieren.» Eine Umsetzung wäre mit organisatorischen und technischen Massnahmen umsetzbar, erklärt er. Gleichzeitig war man sich bewusst, dass ein bargeldloses Zahlungssystem Herausforderungen mit sich bringt.

Drei Gründe haben den Ausschlag gegeben. «Was passiert beim Ausfall des Systems?», fragt Koller. Jeder Betreiber müsste jederzeit auf Bargeld umstellen können. «Das bedeutet zusätzlichen Aufwand für die Vereine.» Zweite Problematik sei die Bedienbarkeit – der Punkt also, den Sylvia Scherer kritisiert. Es müssten viele Ladestationen und Mitarbeiter eingesetzt werden, die den Besuchern beim Aufladen des Datenträgers helfen. Damit könnte die Problematik zwar entschärft werden, jedoch könnte es auch zu Warteschlangen vor den Stationen führen. Ausserdem sei diese Massnahme sehr personalaufwendig, sagt Koller. Zu guter Letzt sei ein bargeldloses System mit Kosten verbunden. «Wir möchten die Vereine entlasten und nicht mit Zusatzkosten belasten.» Speziell für kleinere Festbeizen sei das Kosten-Nutzen-Verhältnis unattraktiv, fügt er an.

Fazit: Die Besucher können an der 975-Jahr-Feier mit Bargeld bezahlen. Ob sie dabei wie heute im Alltag auch die Kreditkarte einsetzen können, bleibt den Betreibern überlassen: «Diese Dienstleistung kann jeder Verein für sich selber in Angriff nehmen», sagt Koller. Die Organisatoren selber sehen aus Kostengründen von einer flächendeckenden Einführung ab.

«Fest soll für alle zugänglich sein»

Zu Diskussionen Anlass sorgt auch, dass für die Feierlichkeiten Eintritt verlangt wird. «Das Jubiläum muss für alle zugänglich sein, insbesondere für Familien», so Einwohnerrätin Sylvia Scherer. Aber auch sonst könne es nicht sein, dass jemand Eintritt bezahlen müsse, um an Feierabend kurz einen Freund in einer Festbeiz zu besuchen und gemütlich etwas zu trinken. Die Finanzen sollten so eingesetzt werden, dass das Fest auch ohne Eintritt durchgeführt werden könne. «Weniger ist manchmal mehr, also einen Gang herunterschalten und behutsam die Finanzen einsetzen», wünscht sich Scherer. «Ich glaube, es würde ansonsten die ‹Atmosphäre› ein wenig vergiften.

Auf die Kritik angesprochen, sagt Koller: «Wir bieten den Besuchern für den Eintrittspreis vieles.» So auch im Bereich Kultur und Unterhaltung. Alle Veranstaltungen wie Open-Air-Konzerte, Theater, Bühnenauftritte, künstlerische Darbietungen auf dem Festareal seien im Preis inbegriffen. Ebenso genügend sanitäre Anlagen, medizinische Betreuung und die Sicherheit. «Die Polizei wird unter anderem nicht nur patrouillieren. Sie wird mit grossem personellen Aufwand einen Aussenposten betreiben», so Koller. Zudem sei die Zufahrt mit dem öV aus der Region kostenlos.

Die Preise sind wie folgt festgelegt: Ein Tagespass kostet 10 Franken, ein Festpass 40 Franken (im Vorverkauf bis 31. Dezember 35 Franken). «Und speziell für Familien: Besucher unter 16 Jahren, bezahlen keinen Eintritt», so der OK-Präsident.

Das 975-Jahr-Jubiläum findet unter dem Motto «Atmosphäre» vom 14. bis 23. August 2020 auf der Zentralstrasse, Zirkuswiese und dem «Margeläcker»-Areal statt.