Montagsporträt

Künstler Fredi Staub: «Erwartungen sind gefährlich»

Das Atelier von Fredi Staub ist voller eigenwilliger Kreationen. Bild: Roland Schmid

Das Atelier von Fredi Staub ist voller eigenwilliger Kreationen. Bild: Roland Schmid

Im Porträt: Mit 66 Jahren präsentiert Fredi Staub seine Kunst, die er seit über 40 Jahren macht, erstmals der Badener Öffentlichkeit.

Der Weg zu Fredi Staub führt zu einem der letzten Wohnhäuser am Waldrand auf der Badener Allmend. In der Architektur-Zeitschrift «Hochparterre» wurde es einst als «bewohnbare Skulptur am Waldrand» beschrieben. Alle Räume vom Keller bis zum Dachgeschoss sind mit Kunst bestückt. Der Blick schweift vom Wohnzimmer über die Lägern und in den parkähnlichen Garten, wo sich Weidensträucher sanft im Wind wiegen. Schwertlilien umranken eine Metallschlaufe aus Chromstahl.

«Ein Werk von meinem Papa», sagt Staub und lässt einen Moment seinen Blick auf dem Objekt ruhen. Er betreut bis heute den künstlerischen Nachlass seines Vaters Josef Staub, der 2006 im Alter von 75 Jahren verstarb. «Zu erleben wie ein gesunder und kreativer Mensch krank wird und eine Fähigkeit nach der anderen verliert, hat mich geprägt», sagt Fredi Staub und ringt einen Moment lang um Fassung.

Im Internet gibt es praktisch keine Einträge

Fredi Staub sucht die Öffentlichkeit nicht. Im Internet gibt es praktisch keine Einträge über ihn. Und die Ausstellung in der Galerie Anixis vom 27. September bis 27. Oktober 2019 ist seine erste seit 40 Jahren. Seit den Achtzigerjahren sammelt er Fundstücke und Gebrauchsgegenstände und fügt sie zu sogenannten «Assemblagen» zusammen. Das Atelier im Untergeschoss ist voll von seinen eigenwilligen Kreationen aus verschiedensten Materialien. Ins Auge sticht ein Exponat mit angelaufenen Silbergabeln. «Die hab ich in einer abgebrannten Gelateria in Sardinien gefunden», sagt Staub.

Was erwartet er von seiner aktuellen Ausstellung? «Nichts», sagt der auf den ersten Blick unscheinbar wirkenden Mann und rückt seine Brille zurecht, «wer grosse Erwartungen hat, wird oft enttäuscht. Erwartungen sind gefährlich.»

Den ersten direkten Kontakt mit der Kunst hatte Fredi Staub im Alter von drei Jahren, als er eine Tube Kadmium-Ölfarbe seines Vaters ass. «Ich musste sofort ins Spital, um den Magen auszupumpen», erzählt er und lacht. Seine Kindheit sei schön gewesen. «Mit zehn fuhr ich mit den Eltern nach Paris. Auf dem Dach unseres Deux-Chevaux waren ein paar von Papas Bildern angeschnallt, die er verkaufen wollte.» Die Malereien entstanden zu Hause auf dem Küchentisch. «Immer abends, wenn wir mit dem Essen fertig waren, nahm er seine Staffelei hervor.»

Fredi Staub hat die kreativen Gene seines Vaters geerbt. Er konzentrierte sich jedoch auf die Fotografie. An der Wand im Wohnzimmer hängen Schwarz-Weiss-Bilder von einer Reise durch die algerische Wüste. Seine künstlerische Laufbahn begann 1969 mit dem Vorkurs Gestaltung an der Kunstgewerbeschule Zürich, bei Harry Buser und Peter Jenny. «Es war eine sehr bewegte Zeit damals, mit den Unruhen und Protesten, auch an der Kunstgewerbeschule», erinnert er sich.

«Die einzige richtige Krise in meinen Leben»

Die danach begonnene Grafikerlehre brach der Heranwachsende nach zwei Jahren wieder ab. «Ausser dem Tod meiner Eltern war das eigentlich die einzige richtige Krise in meinen Leben», meint Staub im Rückblick, «ansonsten kam immer alles irgendwie auf mich zu.» Die Erfüllung fand er im Beruf als Möbel- und Antikschreiner, der ihn bis nach Kalifornien und in die Südsee führte. Dort fertigte der Handwerker für das von Spendengeldern finanzierte Dorf Tofamamao das gesamte Mobiliar. Später wechselte er in die Produktentwicklung von Ikea über und arbeitete zusammen mit internationalen Designern Prototypen für neue Kollektionen aus. Dieser Job führte ihn unter anderem nach Skandinavien, Osteuropa und Indonesien, wo er auch am Aufbau eines Betriebs für FSC- zertifizierte Teakmöbel mitwirkte.

Nach einer Südamerika-Reise, bei der er auch seinen in Chile lebenden Bruder Wolfgang und dessen Familie besuchte, fand Staub 2001 eine neue Tätigkeit bei der renommierten Galerie Hauser & Wirth in Zürich. Dort war er bis zu seiner Pensionierung vor zwei Jahren als Techniker für den Ausstellungsauf- und -abbau und andere Arbeiten zuständig.

Die Badenfahrt führte ihn nach Baden

In Baden wohnt der gebürtige Zuger mit Dietiker Wurzeln seit 40 Jahren mit seiner Lebensgefährtin Bernadette Schmidig zusammen. «Nach dem Besuch der Badenfahrt 1977 hat es uns den Ärmel reingenommen. Zwei Jahre später verlagerten wir unseren Lebensmittelpunkt von Dietikon hierher.» Vor elf Jahren kaufte das kinderlose Paar das Haus auf der Allmend und richtete darin seine persönliche Oase ein. Alles wirkt wie aus dem Ei gepellt. CDs und Bücher sind in Reih und Glied in Regalen eingeordnet, die Staub selber gebaut hat. Er bezeichnet sich als pingelig. «Meine Partnerin muss sehr viel Geduld und Verständnis mit mir haben», verrät er und schmunzelt dabei.

Seit der Pensionierung ist die Kunst, die er in der Galerie Anixis erstmals dem Badener Publikum präsentiert, zentral für ihn geworden. Aber nicht nur. «Ich gehe auch gerne segeln. Und vor kurzem haben wir angefangen, Tango zu tanzen. Fredi Staub liebt sein zurückgezogenes Leben und die Anonymität. Social Media sind ihm ein absoluter Gräuel. «Ich habe lieber drei richtige Freunde als 1000 auf Facebook», gibt er sich überzeugt.

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