Baden
Kühne Flieger, passionierte Tüftler und tödliche Crashs

Eine Ausstellung im historischen Museum zeigt die Aargauer Pioniere der Lüfte m mit fliegenden Kisten. Der Absturz drohte ihnen jederzeit und trotzdem konnten sie nicht davon lassen. Einer von ihnen war Hans Schmid. Vor 100 Jahre stürzte er Tode.

Max Dohner
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Weichen werden manchmal auch in der Luft gestellt: Baden-Wettingen hatte mal alle Voraussetzungen, zum Kloten oder Dübendorf der Schweiz zu werden. Dann aber stürzte ein Pionier tödlich ab, Hans Schmid. Das erste Opfer der Schweizer Aviatik, vor genau hundert Jahren. Seine Geschichte, eingebettet im Traum der Region vom Fliegen und im Traum aller, ist in Baden Thema einer Ausstellung, die am Samstag eröffnet wird.

Es war die typische Mischung, die Menschen um- und weitertreibt: Geldnot, Rekordsucht und Tüftelei, beflügelt von der Kühnheit, Träume wahr zu machen. Hans Schmid war 32 Jahre alt, als er am 14. Oktober 1911 in Bern zum zweiten Rekordflug startete. Ein Volksheld. Die Leute konnten ihn während diverser Schauflüge bewundern. Im Juli war Schmid von Dübendorf nach Wettingen ins Klosterbrühl geknattert. Bei der Landung ging der Propeller zu Bruch, wurde aber von der BBC-Modellschreinerei an Ort und Stelle repariert, worauf Schmid kaltblütig zurückflog. Finanziell aber stand der Vater von fünf Kindern vor dem Ruin. Seine Frau Margaretha, Wirtin im Restaurant Sternen von Wettingen, sagte noch zur Köchin: «Entweder bin am Ende dieses Tages die allerreichste Frau oder die ärmste.»

Ein paar hundert Franken für einen Flug

Dieser Tag begann gut: Das Preisgeld für den Tages-Streckenrekord hatte Schmid bereits gewonnen: ein paar hundert Franken für einen Flug, der 30 Minuten und 55 Sekunden dauerte. Nun wollte Schmid, am Nachmittag, noch den Preis für den Höhenrekord holen. Kurz nach dem Start sprang das Steuerungsseil aus der Rolle; die Blériot liess sich nicht mehr steuern und stürzte ab. Schmid wurde das erste Todesopfer der Schweizer Luftfahrtgeschichte, das hundertste bis dahin weltweit. Fliegerkameraden begannen, für Margaretha und die fünf Halbwaisen zu sammeln.

Schmids Tod aber war noch nicht das Ende der Aviatik in Baden-Wettingen. Es gab andere tollkühne Männer in fliegenden Kisten.

Etwa Hans Suter, ein Militärpilot. Zunächst fetzte er mal das Kreuz auf dem katholischen Kirchturm von Wetzikon weg – das Militär zahlte, nicht ohne am Schneid des Piloten Gefallen zu finden. Danach flog Suter mit seiner Devoitine eine Showschlaufe über dem Schartenfels, warf einer holden Pfarrerstochter ein Tüchlein ab und unterquerte die Hochbrücke – das Militär hörte sich den Polizeibericht wieder mit Behagen an und tat keinen Wank. Suters Husarenstück ist weder in einem Flugbuch noch im Badener Stadtarchiv dokumentiert – entflog gewissermassen in die Sphäre der Sage.

Technischer Genius und Mythos

So hatte damals alles eine Melange von technischem Genius und Mythos, von Überschwang und Zerbrechlichkeit. Beides beleuchteten zeitgenössische Autoren, je nach ihrem Wesen: ein Gabriele d’Annunzio das Pathos, ein Franz Kafka die Fragilität des Winzlings Mensch in seinen hüpfenden Kisten. Auf beides legen auch die beiden Ausstellungsmacher jetzt in Baden Wert: Eugen Meier, der ehemalige Wettinger Bezirksschullehrer, und Cesco Peter, der Wettinger Künstler und Bildhauer.

Meier, 1922 geboren, kannte Schmid nicht mehr persönlich, hingegen seine Nachfahren. Er erlebte als Junge die Turner, die Aereoplane einen Hang raufschleppten und anschliessend in die Luft wuchteten. Aber auch die Gondel von August Piccard, die am birnenförmigen Ballonsack hing, als der Knabe vom Garten hochblickte zwischen Lägern und Sulzberg. Meier hatte jede Nacht den gleichen Traum: «Ich war nicht mehr in meiner Kammer, unendlich weit entfernt von meinen Eltern, allein im kalten Weltall.» Fliegen kann von höllischer Schönheit sein. Ikarus hat es erlebt, als er der Sonne zu nahe kam. Bertrand Piccard indes will gerade der Sonne nahe sein, um dank ihrer Energie rund um den Erdball zu fliegen. Von Ikarus bis Piccard ist der Bogen der Ausstellung gespannt.

Kunst und Fliegerei

Wer auf den Geist des Fliegens Wert legt, der ist bald bei der Kunst: Malerei, Plastik, Musik und Film. Dafür sorgte Cesco Peter: «Uns ging es darum, die Kunst und die populäre Kultur jener Zeit als Umfeld in der Szenografie und mit der Objektwahl zu dokumentieren.» Technisches stehe nicht im Vordergrund: «Die Ausstellung hat eine halluzinatorische Dimension», sagt Peter, «wenn es um die reliquienartigen Flugzeugtrümmer und Hinterlassenschaften Schmids geht oder um die Fliegerskulpturen des Badener Bildhauers Hans Trudel.» Ausgangspunkt für Cesco Peters Gestaltung war das futuristische Gemälde von Robert Delauny «Hommage à Blériot», 1914 entstanden.

Es waren Einzelne, aber nicht nur, die das Fliegen in Baden-Wettingen an die Schwelle eines aviatischen Zentrums brachten. Es war – und das zeigt die Ausstellung von Cesco Peter und Eugen Meier –, ein Netz von Flugbegeisterten. Zum einen gab es eine Szene von Velo- und Motormechanikern, die gleichzeitig an flugtüchtigen Kisten dokterten, vergleichbar mit der Garagenszene von IT-Tüftlern in Kalifornien. «Es handelte sich um eine Voliere», sagt Eugen Meier mit schöner Metaphorik.

BBC-Bwron schmiedet Pläne

Dazu gab es Unternehmer wie Charles Brown von der BBC, der die Leute nicht nur auf seinem Einrad verblüffte, sondern Pläne schmiedete, in Baden Flugzeuge zu bauen. Brown erwarb einen Flieger von Otto Lilienthal, der zehn Jahre in Baden stand, ehe ihn Brown dem Deutschen Verkehrsmuseum vermachte. Es gab vom Fliegen gepackte BBC-Lehrlinge wie Wullschleger und Peyer, die in einer Privattrotte einen Dreidecker bauten. Es gab eine fiebrige Segelfluggruppe, die sich nach dem «Verrat» eines Mitglieds, das von Wettingen nach Baden gegangen war, aufspaltete, ein Klassiker in der Region.

Könnte man sich Baden-Wettingen, wenn es anders gekommen wäre, vorstellen wie Zürich-Kloten heute, mit benachbarter AirbusIndustrie? «Das wäre», sagen beide Ausstellungsgestalter, «eine zu grosse Zuspitzung». Aber glattweg ausschliessen können sie es nicht.

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