Wettingen
«Kultur-Gärtlidenken muss aufhören»

Hansueli Trüb, der erste Kultursekretär in der Gemeindegeschichte Wettingens, verlässt die Bühne – ein Blick zurück und nach vorne.

Carla Stampfli
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Kultursekretär Hansueli Trüb hat die Wettinger Kulturszene stark mitgeprägt. Chris Iseli

Kultursekretär Hansueli Trüb hat die Wettinger Kulturszene stark mitgeprägt. Chris Iseli

Chris Iseli

Im Ausstellungsraum des Gluri-Suter-Huuses hängt noch der Duft der weissen Deckfarbe in der Luft. Die Wände wurden nach der letzten Ausstellung frisch gestrichen. Die Bilder für die nächste Ausstellung, «Plaudereien. Werke aus der Wettinger Sammlung treffen sich», stehen zum Aufhängen bereit. Der Wettinger Kultursekretär Hansueli Trüb lässt seinen Blick über die Bilder schweifen. Zu jedem weiss er etwas zu erzählen. Er hat bei der Ausstellung wesentlich mitgearbeitet. Bei der Vernissage Ende August wird er bereits pensioniert sein. Nach über 12 Jahren musste er sich am Montag von seinen Arbeitskollegen im Rathaus verabschieden, seinen Schlüssel abgeben, die letzten Dateien auf dem PC löschen und ein Interview geben.

Herr Trüb, in wenigen Stunden geben Sie im Rathaus Ihren Büroschlüssel ab. Was geht Ihnen in diesen letzten Stunden durch den Kopf?

Hansueli Trüb: Vieles, aber das Schönste: Es hat sich in den letzten 12 Jahren kulturell sehr viel bewegt in Wettingen. Bevor die Kulturkommission und meine Stelle als Kultursekretär geschaffen wurden, waren vor allem die Vereine in Eigenregie kulturell aktiv. Aber Wettingen war noch ein kulturelles Brachland.

Was meinen Sie mit «kulturellem Brachland»?

Der Gemeinde fehlte ein übergreifendes Konzept zur Förderung von Kultur, weil es kein gemeinsames kulturelles Bewusstsein gab. Im Auftrag der Gemeinde wurden 2003 eine Bestandesaufnahme und ein Konzept erstellt. Die Quintessenz war, dass Wettingen, um sich kulturell weiter zu entwickeln und aus dem Brachland etwas mit Eigenständigkeit und einem Bewusstsein zu schaffen, eine Kulturkommission und ein Sekretariat brauchte. Erst mit diesen Instrumenten konnte ab 2004 die Kultur in der Gemeinde gezielt gefördert und positioniert werden.

Neben der Kulturstadt Baden dürfte das ein schwieriges Unterfangen gewesen sein.

Sicher, es ist generell schwierig, als Agglomerationsgemeinde eigene Akzente zu setzen, da Kulturschaffende von Zentrumsgemeinden stärker angezogen werden. Aber wir haben damals gezielt nach Nischen gesucht. Veranstalter, die es so in der Region noch nicht gibt. Mit dem Figurentheater, den Kammerkonzerten, dem Kino Orient, der Galerie im Gluri-Suter-Huus oder den Klosterspielen haben wir das geschafft.

Abtretender Kultursekretär Hansueli Trüb

Abtretender Kultursekretär Hansueli Trüb

Chris Iseli

Mit den Wettinger Klosterspielen und dem Shakespeare-Klassiker «Viel Lärm um nichts» durften Sie vor zwei Jahren sogar einen richtigen Theaterskandal miterleben. Sie waren Regieassistent und Lichttechniker.

(Lacht) Ja, das war eine sehr spannende Diskussion. Persönlich finde ich es interessant, wenn Klassiker neu und frech inszeniert werden. Es gab aber Zuschauer, denen das Stück zu obszön war.

Das scheint bei einem Stück, in dem ein Mann auf einem Brunnen ejakuliert und kopuliert wird, durchaus verständlich.

Sicher, aber die Diskussion fiel dann sehr bieder aus. Einigen Leuten war das Stück zu vulgär, ohne dass sie es überhaupt gesehen hatten. Andere schienen sich darüber zu ärgern, dass man keine Laiendarsteller aus der Region engagiert hatte. Dabei war das Stück selbst für Profis eine Herausforderung. Letztlich gab es noch jene Kritiker, für die es einfach eine Geschmacksfrage war. Dass die Diskussion in jenem engen Rahmen geführt wurde, widerspiegelt nicht zuletzt den engen Geist, wie er in Wettingen hin und wieder zu spüren ist.

Einen engen Geist, wie meinen Sie das?

Ja, wenn beispielsweise die Diskussion um eine Kunstsammlung abgeklemmt wird mit dem Argument, Wettingen hat Wichtigeres zu tun, als Kunst zu sammeln, aber man die Bedeutung der Wirkung von Kunst auf den Menschen nicht erkennt.

Sie sprechen die gestrichenen Gelder für den Erwerb von Kunstwerken an, die der Einwohnerrat im vergangenen Herbst aus dem Budget gekippt hat.

Nicht nur, es ist auch noch ein Vorstoss auf politischer Ebene hängig, der darauf abzielt, jedes Jahr einige Werke zu verkaufen und so die Kunst zu Geld zu machen. Das geht aber nicht ohne vorgängige Bewertung der Sammlung. Und die angesprochene Streichung des Kredits ist auch eine 180-Grad-Wende, wenn man bedenkt, dass die Gemeinde ein Jahresbudget von 25 000 Franken für den Ankauf von Kunstwerken hatte. Dann wurde es auf 10 000 reduziert. Nun wurde letztes Jahr auch dieses Geld gestrichen. Da hat mir das Herz geblutet. Denn so kann sich die Sammlung nicht weiterentwickeln.

Fairerweise muss man aber sagen, dass das Kulturbudget seit Einführung der Kommission und des Sekretariats gestiegen und nicht gesunken ist.

Das stimmt natürlich. Trotzdem sollten Kultur wie auch Kunst nie stehen bleiben.

Wo hat Ihrer Ansicht nach Wettingen noch kulturellen Nachholbedarf?

Es gibt in Wettingen wenig Boden, auf dem sich Kultur entwickeln kann. Beispielsweise hiess es damals, als der Zentrumsplatz erneuert wurde, er solle auch ein kultureller Treffpunkt werden. Aber bis heute fehlt auf dem Zentrumsplatz die nötige Infrastruktur, um verschiedene Kulturveranstaltungen zu ermöglichen. Man hat die nötigen Anschlüsse damals einfach eingespart. Als ich meine Stelle angetreten hatte, wollte ich regelmässige Veranstaltungen auf dem Platz organisieren. Es hiess aber sofort, es dürfe nichts kosten, und die Kultur müsse sich selber entwickeln.

Würden Sie als Kultursekretär heute etwas anders machen?

Vielleicht hätte ich manchmal stärker auf meinen Forderungen beharren sollen, beispielsweise beim neuen Nutzungskonzept für das Gluri-Suter-Huus. Ich muss aber zugeben, dass ich ein Harmoniemensch bin und deshalb eher mal nachgebe oder den Kompromiss suche.

Tatsächlich fällt auf, dass die Sanierung des Gluri-Suter-Huuses nicht vom Fleck kommt.

Wir hatten bereits viel Geld und Arbeit in ein Konzept investiert, und die Sanierung wäre realisierbar gewesen. Dann hiess es, die Kindergärten würden nun doch noch im Haus bleiben. Letztlich sind die Räume nach wie vor suboptimal für Ausstellungen. Und ich hoffe, dass die Sanierung trotz Schulraumplanung bald ins Rollen kommt.

In welche Projekte hätten Sie gerne noch mehr investiert, sei es finanziell oder zeitlich?

Das Wettinger Fotoarchiv, das wir in den letzten Jahren aufgebaut haben, beinhaltet bisher nur Aufnahmen bis in die 1960er-Jahre. Die Lücke bis zur Gegenwart müsste man dringend füllen. Dafür haben wir für das kommende Jahr in einer ersten Tranche 9000 Franken im Budget beantragt. Die Kunstsammlung hätte dringend eine Expertise nötig, um zu ermitteln, welchen Wert die einzelnen Objekte heute haben. Auch dafür sind 6500 Franken budgetiert.

Angesichts der Sparbemühungen dürften diese Projekte einen schweren Stand haben. Wie kann Wettingen künftig Kultur fördern, ohne das Portemonnaie zu strapazieren?

Kulturförderung kostet immer. Aber das Gärtlidenken im Kulturbereich muss aufhören. Kultur sollte auch mit neuen Fördergremien überregional gefördert werden. So könnten möglicherweise zusätzliche Gelder freigeschaufelt werden.

Haben Sie konkrete Vorschläge für die Region Baden-Wettingen?

Wenn es beispielsweise um die Fördergelder geht, stellen Kulturschaffende in Baden und Wettingen oft dasselbe Gesuch. Da liesse sich Zeit sparen, wenn man diese Arbeit koordinieren würde. Gelder könnten gezielter gesprochen statt mit der Giesskanne verteilt werden. Gespräche in diese Richtung hatten stattgefunden, aber dann trat Daniela Berger als Badener Stadträtin zurück, und nun werde ich pensioniert. Ich kann nur hoffen, dass sich Stadtrat Erich Obrist und mein Nachfolger Stefan Meier weiter dafür einsetzen werden.