Baden

Kultur-Stipendium: Interne Vergabe wirft Fragen auf

«Ich habe mir kurzzeitig überlegt, der Kommission später beizutreten» – Christoph Brünggel, Künstler.

«Ich habe mir kurzzeitig überlegt, der Kommission später beizutreten» – Christoph Brünggel, Künstler.

Die Stadt Baden finanziert einem Mitglied der Kulturkommission einen halbjährigen Kairo-Aufenthalt.

Bis Ende Juli konnten sich Kulturschaffende mit Bezug zu Baden für ein halbjähriges Atelier-Stipendium in Ägyptens Hauptstadt Kairo bewerben. Bezahlt wird es von der Stadt, mit einem Beitrag von monatlich 2000 Franken an die Lebenshaltungskosten. Einen einmaligen Beitrag an die Reise leistet die Städtekonferenz Kultur, die das Atelier in Kairo betreibt.

Die Kulturförderung der Stadt Baden hat das Atelierstipendium inzwischen vergeben: An den bildenden Künstler und Musiker Christoph Brünggel (36), der in Zürich und Brugg lebt. Er wird somit von August 2017 bis Januar 2018 in Kairo wohnen. Sein Bezug zur Region: Vor seinem Studium der Musik und Medienkunst an der Hochschule der Künste in Bern besuchte er die Kantonsschule Wettingen. Seither ist er als Kulturschaffender in Stadt und Region präsent: Seine bildnerischen Arbeiten waren etwa in Ausstellungen im Trudelhaus zu sehen.

Und: Seit 2016 ist Brünggel Mitglied der Kulturkommission der Stadt Baden. Zu den Aufgaben dieser Kommission gehört es, die längerfristige Ausrichtung der Badener Kulturförderung zu definieren – also ausgerechnet derjenigen Behörde, welche nun das Stipendium vergeben hat. Stefanie Heimgartner (SVP), Präsidentin des Einwohnerrates, bezeichnet die Vergabe dieses Stipendiums als höchst ungeschickt. «Ich habe grundsätzlich Mühe damit, dass Stipendien vergeben werden. Dass in diesem Fall ein Mitglied der Kulturkommission profitiert, riecht nach Vetterliwirtschaft. Und dies in Zeiten, in denen die Stadt Baden sparen müsste.»

Ist es nicht problematisch, dass ausgerechnet ein Mitglied der Kulturkommission von den Fördergeldern profitiert? Suzette Beck, Leiterin der Kulturförderung: «Da sehe ich keine Problematik. Unser Entscheid basiert auf qualitativen Kriterien und der Einschätzung, ob sich die bewerbende Person für einen Aufenthalt in Kairo eignet.» Christoph Brünggel habe bereits vor seinem Engagement in der Kulturkommission Interesse an einem Stipendium-Aufenthalt signalisiert. Für die Kulturförderung sei klar gewesen, dass eine Bewerbung von ihm genauso geprüft werde wie von anderen Kunstschaffenden auch. «Das Stipendium Kairo geht an Christoph Brünggel, weil seine Arbeit qualitativ überzeugt und er dort seine von der Archäologie inspirierte Arbeitsweise vertiefen kann», sagt Beck.

Gemäss Informationen des Badener Tagblattes war Brünggel der einzige Künstler, der sich für das Stipendium bewarb. Auch Stadtrat Erich Obrist (parteilos), Vorsteher des Ressorts Kultur, steht hinter der Wahl. Ein in der Region Baden verwurzelter junger Künstler mit einem beachtlichen Leistungsausweis erhalte den Atelieraufenthalt des Schweizerischen Städteverbands. «Brünggels erste Anfrage hat sich gekreuzt mit seiner Berufung und Wahl in die Kulturkommission. Wir sind überzeugt, dass der Aufenthalt in Kairo sein Werk qualitativ weiterbringt und letzten Endes auch die Kulturkommission vom geweiteten Blick profitieren kann.» Ihn wegen der Vergabe des Ateliers nicht in die Kommission zu wählen, wäre eine verpasste Chance gewesen, so Obrist.

Brünggel erklärt, er habe sich kurzzeitig überlegt, der Kommission später beizutreten, weil sich Anfrage und Berufung in die Kommission kreuzten. Nach Gesprächen mit Suzette Beck habe er sich aber entschieden, der Kommission frühestmöglich beizutreten, um den Künstler Paul Takacs in seinem Amt ablösen zu können.

In seiner Arbeit setzt Brünggel moderne und traditionelle Materialien ein. Der Kontrast von geordnet-konstruierten und chaotisch-organischen Formen charakterisiere sein aktuelles Schaffen, schreibt die Stadt in ihrer Mitteilung zur Vergabe des Stipendiums. Relikte archaischer Art fänden in seinem Werk wiederholt Eingang, so beispielsweise Holzobjekte aus den Alpen, die Teil der Überlebensstrategie von Menschen waren. «Kairo bietet dem Künstler ein geeignetes Feld, um seine von der Archäologie inspirierte Arbeitsweise zu vertiefen.»

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