Kunstaktion
Riklin-Brüder karren ihre «Zehn Gebote Vol. 2» zu Fuss von Zürich nach Bern – und machen Halt in der Region Baden

Mithilfe von Sackkarren werden die zehn Steintafeln der St. Galler Künstler Frank und Patrik Riklin über Spreitenbach und Niederrohrdorf in die Bundesstadt transportiert. Das steckt dahinter.

Sarah Kunz
Drucken
Teilen
Hier karren die Riklin-Brüder mithilfe von Freiwilligen aus der ganzen Schweiz die «Zehn Gebote Vol. 2» von Spreitenbach nach Niederrohrdorf.

Hier karren die Riklin-Brüder mithilfe von Freiwilligen aus der ganzen Schweiz die «Zehn Gebote Vol. 2» von Spreitenbach nach Niederrohrdorf.

Sarah Kunz

Du sollst nicht töten. Du sollst nicht stehlen. Du sollst Vater und Mutter ehren. Die zehn Gebote des Moses dürften jedem bekannt sein. Die neu-interpretierten Gebote der Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin kennen hingegen wohl nur wenige. Das soll sich jetzt ändern. Die beiden St. Galler haben im vergangenen Jahr in ihrer Heimatstadt direkt neben der Kathedrale zehn Sandstein-Tafeln mit Sprüchen versehen, die als «sinnhafter Kompass für die Gesellschaft der Zukunft» dienen sollen. Sätze wie «Trust insanity and question the conventional» (Vertrau dem Wahnsinn und stell das Konventionelle in Frage) oder «Venture into new territories and surprise yourself» (Wage Dich in neue Gebiete und überrasche Dich selbst) sollen zum Nachdenken anregen.

Nachdem die rund eine Tonne schweren Tafeln illegal im Zürcher Schanzengraben versenkt wurden und aufgrund eines Beschlusses des kantonalen Gewässerschutzes wieder geräumt werden mussten, werden sie jetzt von Zürich nach Bern transportiert. In der Bundesstadt sollen die «Zehn Gebote Vol. 2» dann prominent vor dem Museum für Kommunikation ausgestellt werden.

Hier haben die Künstler die Steintafeln geschaffen: In St. Gallen direkt neben der Kathedrale.

Hier haben die Künstler die Steintafeln geschaffen: In St. Gallen direkt neben der Kathedrale.

ZVG/MfK

Zehn Tafeln, zehn Tage, zehn Stationen. Keine leichte Aufgabe. Denn der Transport erfolgt zu Fuss. Und jede der Tafeln ist immerhin rund 100 Kilogramm schwer. Am Montagmorgen startete die Aktion in Zürich. Eine Gruppe von Helferinnen und Helfern karrten die Tafeln von dort aus nach Spreitenbach. Am Dienstag ging es weiter nach Niederrohrdorf, am Mittwoch nun nach Möriken-Wildegg. Am Freitag, 9. Juli, sollen die Gebote dann in Bern ankommen.

Ziel des Projekts: Zum Nachdenken anregen

Dienstagmorgen vor dem Gemeindehaus in Spreitenbach. 15 Personen haben sich eingefunden, darunter auch die Riklin-Brüder selbst. Unter ihnen eine Pfarrerin, eine Yogi, ein Student, sogar ein Schulkind. «Ich bin für die Motivation zuständig, falls jemand schlappmacht», sagt der 12-Jährige und lacht. «Dafür habe ich extra einen Joker-Tag in der Schule genommen.» Die Gruppe ist bunt durchmischt. «Ich finde die Gebote sehr zeitgemäss. Sie bringen unsere Werte voll auf den Punkt», begründet eine der Frauen ihre Anwesenheit. «Ich finde die Aktion einfach toll und will mich deshalb daran beteiligen», sagt ein anderer. Und alle finden: Es ist spannend zu sehen, wie die verschiedensten Menschen zusammenkommen, um gemeinsam etwas zu erreichen.

Die Schwergewichte gehen auf Reisen: Der Weg führt an diesem Tag von Spreitenbach über den Heitersberg nach Niederrohrdorf.

Sarah Kunz

Und genau darum geht es bei diesem Projekt. Der Transport soll zeigen: Wenn wir alle am gleichen Strang ziehen, schaffen wir das Unglaubliche. Die Kunstaktion soll damit die Verbindung schaffen zur Klimakrise und zu all den Schwierigkeiten, die auf unsere Gesellschaft zukommen. «Diese zu bewältigen, scheint im ersten Moment auch unmöglich», sagt Nico Gurtner vom Museum für Kommunikation. «Aber zusammen können wir es schaffen.»

Ziel des Transports ist also, einen neuen Zugang zu bekannten Problemen zu bieten und mithilfe der Tafeln eine Veränderung anzustossen. Denn letztlich seien es genau diese Gedanken, von denen sich die Gesellschaft in Zukunft leiten lassen soll. Für die Riklin-Brüder ist die Aktion die Essenz ihres ganzen Schaffens bislang, die Sprüche auf den Tafeln ihre Leitgedanken des Lebens. Die neuen zehn Gebote sollen zudem eine Ergänzung zu den ursprünglichen sein. Letztlich stecke aber kein religiöser Gedanke dahinter, sondern es handle sich um Sinnessprüche, die alle betreffen würden. Ähnlich sieht es auch ein anwesender Theologe: «Die Sprüche entsprechen den Wertvorstellungen unserer Zeit. Ausserdem ähneln die neuen Gebote auch in ihrer Darstellung den alten. Das finde ich eine schöne Verbindung.»

Mithilfe von Sackkarren werden die je 100 Kilogramm schweren Steintafeln geschoben.

Mithilfe von Sackkarren werden die je 100 Kilogramm schweren Steintafeln geschoben.

ZVG/MfK

Die Hälfte des Wegs wird es bergauf gehen

Bevor die Gruppe loszieht, verbinden sich einige die Hände, um Blasen vorzubeugen. Andere ziehen Handschuhe an, einer schnürt sich nochmals die Wanderschuhe und alle decken sich mit Proviant ein. Sie wissen: Vor ihnen liegt ein Kraftakt. Auch wenn es sich bei dem Weg von Spreitenbach nach Niederrohrdorf mit knapp sechs Kilometern um die kürzeste Strecke handelt, wird es doch eine der schwierigsten. Denn zwischen den Gemeinden liegt der Heitersberg, die Hälfte des Wegs führt bergauf.

Für die Anwesenden aber kein Grund für schlechte Laune. Im Gegenteil. Sie wirken aufgedreht, schwatzen euphorisch durcheinander, tauschen sich aus und lernen sich kennen. Einer kommt aus St. Gallen, andere aus Zürich, weitere von Bern. Kaum einer kannte Spreitenbach vorher, keiner wusste, dass eine Gemeinde namens Niederrohrdorf überhaupt existiert. Aber darum geht es schliesslich auch nicht. Es geht um die Erfahrung, um das Beisammensein, das gemeinsame Schaffen und um miteinander eine Veränderung anzuregen.

Die fleissigen Helferinnen und Helfer verbinden sich gegenseitig die Hände, um Blasen vorzubeugen.

Die fleissigen Helferinnen und Helfer verbinden sich gegenseitig die Hände, um Blasen vorzubeugen.

Sarah Kunz

Die Riklin-Brüder

Frank und Patrik Riklin gehen mit ihrem «Atelier für Sonderaufgaben» seit zwanzig Jahren der Frage nach, «inwieweit sich das Potenzial der Kunst erweitert, wenn sie den repräsentativen Rahmen verlässt und direkt in sozial-gesellschaftliche Realitäten eingreift». Bekannt wurden sie etwa durch ihre «Null-Stern-Hotels».

Aktuelle Nachrichten