Baden

Kurtheater-Architektin: «Das Neue mit dem Bestehenden verbinden»

Erstmal äussert sich Elisabeth Boesch zum Kurtheater-Umbau und sagt, wieso sie dem ursprünglichen Siegerprojekt nicht nachtrauert.

Es ist – nebst des neuen Thermalbades und des neuen Sekundarstufenzentrums – das grosse Bauprojekt der Stadt Baden: Der Um- und Neubau des Kurtheaters, für den vor eineinhalb Jahren der Spatenstich erfolgte. Zwar präsentiert sich an vielen Ecken erst der Rohbau, doch es ist beachtlich, was sich seit Ende April 2018 getan hat.

Erstmals gibt die verantwortliche Architektin Elisabeth Boesch von E. & M. Boesch Architekten aus Zürich vor Ort Auskunft über das Projekt und den Baufortschritt. Auf dem rund zweistündigen Rundgang wird eines klar: Für die Architektin – ihr Büro zeichnet auch für den Umbau des Kongresshauses in Zürich mitverantwortlich – ist das Kurtheater in Baden eine Herzensangelegenheit.

Daran ändert auch nichts, dass sie ihr einstiges Siegerprojekt Équilibre nicht mehr in der ursprünglichen Form umsetzen kann. «Es bringt nichts, diesem Projekt noch nachzuweinen. Vielmehr machen wir jetzt etwas Gutes aus dem angepassten Projekt», so Boesch.

Ist der Aufwand für etwas mehr Beinfreiheit gerechtfertigt?

Wir beginnen den Rundgang im neu angebauten Teil der Hinterbühne. Dieser bildete während Jahren das Piece de Résistance, wehrte sich doch ein direkter Anwohner bis vor Bundesgericht gegen die Vergrösserung der Hinterbühne – vergeblich. Elisabeth Boesch möchte auf den Rechtsstreit und die daraus resultierenden Verzögerungen nicht mehr eingehen.

Für sie ist klar, dass die Variante mit dem Anbau für das Theater die sinnvollste ist. «Die Rückwand der Hinterbühne wird dank den Fenstern optisch auch nicht mehr so wuchtig daher kommen, wie das vorher der Fall war.» Die Fassade als solches werde aber beibehalten. «Beim ganzen Umbau war es uns wichtig, das Bestehende mit dem Neuen zu verbinden», erklärt Boesch.

Ja, der erweiterte Bühnenturm habe – wie bei Theatern üblich – eine gewichtige Präsenz im Stadtbild. Doch im Zusammenspiel mit den eher verspielten Foyers auf der Südseite des Theaters würden zwei schöne, aber auch gegensätzliche Welten entstehen und aufeinandertreffen.

Auch Projektleiter Adrian Humbel, er begleitet uns ebenfalls auf dem Rundgang, ist von den Vorteilen der grösseren Hinterbühne überzeugt. «Nicht nur wird so ein moderner Theaterbetrieb ermöglicht. Die neuen Büroräumlichkeiten erlauben es uns auch, das Studiogebäude mit Ballettsaal abzureissen.» Dadurch entstehe ein attraktiver Zugang zum Kurpark, wovon letztlich auch die Anwohner profitieren würden, ist Humbel überzeugt.

Apropos profitieren: Für bis zu 16 Meter lange Lkws entstehen zwei neue Rampen, wo das ganze Theatermaterial aus- und wieder eingeladen werden kann. «Die Lkws müssen künftig nicht mehr mühsam wenden, was immer auch zu gefährlichen Situationen geführt hat», so Humbel.

In der obersten Etage der Hinterbühne entsteht ein Proberaum, der theoretisch auch Platz für kleine Produktionen und bis zu 50 Gäste bietet. In den weiteren Etagen entstehen Administrations- und Technikerräume sowie geräumige Künstlergarderoben und im Untergeschoss die dringend benötigten Lagerräume.

Alle Etagen werden künftig mit einem Warenlift verbunden sein. Doch nicht nur neue Wände wurden hochgezogen, sondern auch die ganze Bühnentechnik wird erneuert. «Die vergrösserte Hinterbühne erlaubt es künftig auch, die Bühne um die Fläche im hinteren Teil der Hinterbühne zu verlängern. Denkbar ist auch, im hinteren Teil Sitze aufzustellen, wodurch die Bühne von zwei Seiten eingesehen werden kann», erklärt Boesch.

In letzter Zeit ist Elisabeth Boesch bis zu drei Mal in der Woche in Baden, um die Bauarbeiten vor Ort zu begleiten. «Wenn man am Bestand baut, gibt es immer wieder Überraschungen.» So habe man quasi «am offenen Herzen» die Statik der bestehenden Mauern mit Stahlträgern verstärken müssen. Und auch die vielen feuerpolizeilichen Vorschriften würden einiges an Mehraufwand mit sich bringen.

Adrian Humbel ergänzt beim Thema Überraschungen: «Auf Beschluss des Einwohnerrates mussten wir ja eine Sitzreihe zugunsten mehr Beinfreiheit entfernen.» Diesen Entscheid setze man natürlich um. «Leider haben wir beim Entfernen des bestehenden Bodens im Theatersaal feststellen müssen, dass die betonierten Treppenstufen nicht den Plänen entsprechen und mit grossem Aufwand nachgefräst werden müssen. Man kann sich schon fragen, ob dieser enorme Aufwand für 5.5 Zentimeter mehr Beinfreiheit gerechtfertigt ist.»

Zur Erinnerung: Für die Entfernung der Sitzreihen sprach der Einwohnerrat 820 000 Franken gut. «Man kann nicht einfach eine Reihe rausnehmen und die restlichen Sitzreihen verteilen. Durch das Entfernen der einen Reihe ist die ganze Geometrie der Sitzreihen tangiert», so Humbel.

Die Überraschungen hätten zur Folge, dass die zeitlichen Reserven nun aufgebraucht seien. «Doch positiv formuliert, sind wir immer noch im Fahrplan – auch was die Kosten betrifft», so Humbel. «Im Frühling 202o wird das neue Theater der Theaterstiftung übergeben.»

Kleine Mengen von Asbest in den Wänden – aber keine Gefahr

Zurück auf der Baustelle, wir sind jetzt im Eingangsbereich. Hier wo früher ein Kunststoffbelag war, soll neu ein Bodenbelag aus Averser Quarzit entstehen. Die Treppe geht es hinauf zum ehemaligen Bölsterli-Foyer, das jetzt neu und vor allem grösser wird. Das Projekt Équilibre hätte eine Verbindung zwischen dem Sachsfoyer und diesem Foyer vorgesehen. Jetzt entstehen zwei getrennte Räume. «Schauen Sie nur aus dem Fenster. Man hat das Gefühl, man sitze direkt im Park», kommt Boesch ins Schwärmen.

Über das Foyer – dessen Name steht übrigens noch nicht fest – gelangen wir in den Zuschauerraum. An der Wand klebt ein Plakat «Vorsicht Asbest». Boesch beruhigt. «Es sind nur ganz kleine Mengen. Solange der Verputz nicht bearbeitet wird, besteht überhaupt keine Gefahr.» Und Humbel ergänzt: «Der schwach gebundene Asbest wurde während dreier Monate durch eine Fachfirma komplett entfernt.»

Über die Treppe gelangen wir ins Sachs-Foyer. Auf den ersten Blick fällt nur die nackte Decke auf. «Wir haben die Einfachgläser durch Zweifachgläser ersetzt, was eine bessere Isolation zur Folge haben wird», so Boesch. Weil die Zweifachgläser jedoch nicht so elastisch seien wie die alten Fenster, habe man die Statik des ganzen Foyers verstärken müssen.

An die Decke kommt später wieder eine Täferung aus Ulmenholz. «Neu wird die Decke perforiert sein, womit sie den Lärm besser schluckt und es so nicht mehr ganz so laut sein wird, wie das früher der Fall war», sagt Boesch.

Auf ein Bijou freuen sich die Architektin und der Projektleiter ganz besonders: «Wir haben zwar den alten Kronleuchter aus den 1950er-Jahren nicht mehr gefunden. Doch er wird anhand von vorhandenen Fotografien rekonstruiert und wird dem Foyer ein ganz besonderes Ambiente verleihen.»

Eigentlich wäre der Rundgang hier zu Ende, da schweift der Blick von Humbel nach draussen. «Was mich besonders freut, ist die Tatsache, dass wir dank der Spende von 300 000 Franken des Badenfahrt-OK auch den Aussenbereich des Theaters sanieren können. Wäre das nicht der Fall gewesen, wäre die Sanierung irgendwie nicht ganz abgeschlossen gewesen.»

Abgeschlossen ist derweil der Rundgang. Wo jetzt noch Staub und Bauschutt liegen, werden in weniger als einem Jahr Besucher und Theaterschaffende in den Genuss eines wunderschönen, modernen Theaters kommen – endlich.

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