«Es ist still hier», sagt er. «Ja, das haben Kirchen und Friedhöfe so an sich», sagt sie. Mit diesen Worten beginnt das Stück «Gift», präsentiert vom «Kurtheater ausser Haus». Wir befinden uns in der reformierten Kirche in Baden, das zahlreich erschienene Publikum hat eben auf den Kirchenbänken Platz genommen und ist jetzt, mit dem Auftreten der beiden Schauspieler ins Scheinwerferlicht, verstummt. Ein Friedhof ist der Schauplatz der Geschichte. Es sind Gedächtnisorte, Friedhof und Kirche. Verbindet sie zu Beginn des Stücks die Stille, so steht sie symbolisch für das lange Schweigen über die Vergangenheit der beiden Figuren.

Die beiden einzigen Figuren des Stücks sind ein Mann und eine Frau, die sich nach zehn Jahren auf dem Friedhof treffen, auf dem sie damals ihr Kind begraben haben. Der tragische Tod steht zwischen den beiden und führte damals zur Trennung, seither haben sie sich nicht mehr gesehen. Sie warten darauf, dass jemand kommt und ihnen die anstehende Umbettung des Grabes erklärt. Doch niemand kommt. Die physische Aufwühlung der Erde, so wird bald deutlich, trägt dagegen lange verschollene Erinnerungen an die Oberfläche.

Das Leben als schieres Funktionieren

Bereits die ersten Wortwechsel zwischen von Bock und Pietz setzen den Ton für die Schwere der Geschichte. Die Dialoge sind durchgängig dicht, verlangen vom Publikum einiges an Konzentration und von den Schauspielern die ganze Palette an Emotionen: Wut, Zynismus, Reue und Trauer, aber auch Zuversicht und Verletzlichkeit. Sie, die Mutter, hat den Tod ihres Sohnes nie verkraftet. Sein Fehlen ist für sie so schmerzhaft, dass sie zwar weiterlebt, doch das Leben fühlt sich seitdem an wie ein Simulieren, ein schieres Funktionieren.

Er hingegen hat sich damit abgefunden, hat wieder geheiratet und wird noch einmal Vater werden. Dass er nach einem so tragischen Schicksalsschlag einfach weitermachen kann, das kann sie ihm nicht verzeihen. In einem entscheidenden Chiasmus kulminiert ihre Wut, ihre Eifersucht, ihr ganzes Scheitern, als sie ihm unterstellt, er habe schon immer geglaubt, «dass man das eigene Leben, das eigene Leiden in der Hand hat», obwohl man in Wahrheit natürlich nichts in der Hand habe.

Überzeugend und berührend

Die Stärke des Stücks liegt in diesen Dialogen, den wiederholten Versuchen miteinander zu sprechen, ohne sich gegenseitig zu verstehen; die die komplexe und realistische Psychodynamik eines ehemaligen Paares, das ihr Kind verloren hat, nachzeichnen. «Beim Proben des Stücks haben wir uns immer wieder gefragt, was wäre, wenn Menschen im Publikum sitzen, denen das widerfahren ist? Die Vorstellung wurde zum Gradmesser, wie wir zu spielen haben», erzählte Schauspielerin Katharina von Bock in der anschliessenden Publikumsdiskussion. Gelungen ist dies ihr wie auch Pit Arne Pietz auf ebenso überzeugende wie berührende Art und Weise.

Das preisgekrönte Stück stammt von der niederländischen Theaterregisseurin Lot Vekemans und wurde nach der Regie von Felix Prader und der Dramaturgie von Uwe Heinrichs aufgeführt.