«Reiten, reiten, reiten. Und der Mut ist so müde geworden»: So steht es in Rainer Maria Rilkes «Cornet». Das Kurtheater Baden kann naturgemäss nicht reiten, dafür warten – auf den Umbau. Wann dieser beginnt, lässt sich derzeit kaum abschätzen, was die Situation für die künstlerische Leitung erschwert – schliesslich wird eine Spielzeit mit einer Vorlaufzeit von anderthalb Jahren geplant. Unterkriegen lässt sich Barbara Riecke, die künstlerische Leiterin, jedoch nicht. Dafür ist die Ausgangslage für die kommende Spielzeit einfach zu gut.

Die Saison 2013/14 bescherte dem grössten Mehrspartenhaus im Aargau mit einer durchschnittlichen Platzbelegung von 72 Prozent und über
17 000 Zuschauern in 55 kuratierten Vorstellungen einen Besucherrekord. Fünf Mal war der am Saisonbeginn stehende «Melnitz» ausverkauft; bloss darauf zurückführen lässt sich der Erfolg des Hauses aber nicht.

Die kommende, noch nicht gekürzte Saison 2014/15 steht unterm Motto «Ehrenrunde» – im alten Haus. Dieses will das Kurtheater so lange beibehalten, bis klar wird, wann die Umbau- und Sanierungsarbeiten beginnen. Wie zuvor schon setzt Barbara Riecke wiederum «auf Kontinuität und Zeitgenossenschaft». Ins Kapitel Kontinuität gehört beispielsweise die Tanzcompagnie Flamencos en route, die ihr 30-Jahr-Jubiläum mit «… y qué más» feiert und damit die Saison am 18. Oktober eröffnet.

Das Publikum trifft einerseits also auf vertraute Gäste etwa aus Biel-Solothurn, Tübingen, St. Gallen, Basel und Zürich, andererseits aber auch auf neue aus Osnabrück und Gera («Kassandra» nach dem Roman von Christa Wolf). Mit «Macbeth», «Ein Sommernachtstraum» und «Richard III.» zollt das Kurtheater Baden dem 450. Geburtstag von William Shakespeare gleich dreimal Tribut.

Bachkantaten für die Bühne

Weitere Klassiker sind mit Carlo Goldoni, Henrik Ibsen, Hugo von Hofmannsthal («Jedermann» als One-Man-Show) und Pierre Corneille vertreten; die zeitgenössische Dramatik zum Beispiel mit Katja Brunner, um nur ein Beispiel zu erwähnen. Die 23-jährige baldige Hausautorin am Theater Luzern zählt zu den angesagten jungen Dramatikerinnen. Für Riecke ist Brunner «eine junge Wilde, die gegen herkömmliche Meinungen antritt und eine sehr eigene Sprache ins Feld führt».

In «Von den Beinen zu kurz» thematisiert die Schweizerin eine Vater-Tochter-Beziehung, die nicht von einem traumatisierten Kind, sondern von einer übergrossen Liebe erzählt.

Gibt es Inszenierungen, die Barbara Riecke besonders am Herzen liegen? O ja. Peter Konwitschnys Musiktheater-Abend «O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit» zählt dazu. Wie vor Jahren schon sein Regiekollege Herbert Wernicke am Theater Basel («Actus Tragicus»), entdeckt nun auch Konwitschny Bachs Kirchenkantaten für die Bühne.

Heraushebens- und bedenkenswert ist für Riecke überdies eine Tanztheater-Produktion, für die bereits geprobt wird. Die Tänzerin und Choreografin Helena Waldmann, 2013 in Baden mit dem bewegenden Alzheimer-Stück «Revolver besorgen» zu erleben, erkundet in «Made in Bangladesh» die berüchtigten Sweatshops der Textilindustrie – und das mit einheimischen Tänzern. Das geliebte Junior Ballett Zürich wird ebenso in Baden gastieren wie das Ballett Basel unter Richard Wherlock. Neu wird die Compagnie Nicole Seiler dazustossen. Bei den Musiktheaterproduktionen sticht Purcells «King Arthur» ins Auge; bei Aufführungen für Schüler das Junge Theater Basel mit «Männer».

MADE IN BANGLADESH by HELENA WALDMANN

Spielplanpräsentation Kurtheater Baden, Mi 25. Juni, 18 Uhr. Eintritt frei.
Informationen www.kurtheater.ch