Beim Fahrplanwechsel im vergangenen Dezember hat SBB Cargo im Rangierbahnhof Limmattal ein neues Betriebskonzept eingeführt. Neu wird dreimal täglich rangiert statt nur nachts. Damit will SBB Cargo nicht nur effizienter arbeiten und die Auslastung der Bahninfrastruktur verbessern. Auch war die grosse Hoffnung bei SBB Cargo und der lärmgeplagten Bevölkerung in Spreitenbach und anderen betroffenen Gemeinden, dass dadurch der Lärm in der Nacht reduziert beziehungsweise in den Tag verlegt werden kann.

Doch nun zeigen Messungen, welche die SBB vor und nach der Umstellung vorgenommen haben, dass dies nicht der Fall ist. Die nächtliche Lärmbelastung ist nahezu gleich geblieben. Sowohl die Lautstärke, die Zahl der einzelnen Lärmereignisse wie auch deren Dauer haben sich kaum verändert. Dies obwohl nachts neu nur noch vier statt fünf oder gar sechs Stunden Vollbetrieb herrscht. «Wir können noch nicht sagen, weshalb die Lärmbelastung nicht deutlicher abgenommen hat», sagt Jon Bisaz, Leiter Produktion bei SBB Cargo.

Allerdings sei klar, dass sich der Güterverkehr nicht innert weniger Wochen in den Tag hineinverschieben liesse. «Detailhändler sind darauf angewiesen, dass die Produkte morgens angeliefert werden.» Dagegen seien Zement- und Holzlieferanten oder Schrotttransporte flexibel. «Dieser Güterverkehr soll langfristig tagsüber rangiert werden», sagt Bisaz. Dies wolle man unter anderem mit einer Preisdifferenzierung erreichen. «Die SBB werden auch weitere Messungen vornehmen, um zu sehen, wie sich die Lärmbelastung entwickelt», sagt Bisaz.

Mehr statt weniger Lärm

In der Bevölkerung lässt der Rangierlärm die Emotionen hoch gehen. Das war vergangene Woche an der Informationsveranstaltung in Spreitenbach einmal mehr spürbar. Spreitenbachs Gemeindepräsident Valentin Schmid (FDP) spricht sogar von einer Zunahme des Lärms, «denn mit dem neuen Konzept wird nun auch von Samstag auf Sonntag rangiert. Das hatten wir vorher nicht.» Grundsätzlich müsse man sagen, dass trotz Sanierungsmassnahmen, die bereits vor rund fünf Jahren vorgenommen wurden, und neuem Konzept der Lärm gleich geblieben sei. «Allerdings haben wir dazu keine vollständigen Messungen, sondern es ist vor allem das Empfinden der Bevölkerung.»

Wenn im Rangierbahnhof Limmattal die Güterzüge auseinandergenommen, neu rangiert und für die Weiterfahrt wieder zusammengesetzt werden, raubt das vielen Anwohnern den Schlaf. Sie hören, wenn die Wagen entkoppelt, wenn sie abgebremst werden, und sie hören das Knallen, wenn die Güterwaggons wieder aufeinanderprallen. Das Quietschen und Knallen ist so laut, dass der Lärm bei entsprechendem Wind vom Heitersberg zurückhallt und selbst jene weckt, die ihre Schlafzimmerfenster gegen den Heitersberg haben. «Uns spielt es keine Rolle, ob nachts 100 oder 200 Waggons aufeinanderprallen oder ob wir 100- oder 200-mal die quietschenden Bremsen hören. Denn wir sind schon nach dem ersten Quietschen wach», erklärte ein Betroffener die Situation. Zudem sind die ergriffenen Massnahmen, um den Bremslärm zu reduzieren, für die Bevölkerung nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Denn der Lärm, wenn die Kupplung beim Lösen unter die Waggons knallen, und das Aufprallen der Waggonpuffer, wenn die Wagen neu zusammengesetzt werden, sind gleich laut geblieben. Und, ob die neuen Bremssysteme an den Gleisen tatsächlich das Quietschen abdämpfen, lässt sich nicht sagen: «Es gibt keine Messungen, die einen wissenschaftlichen Vorher-nachher-Effekt belegen würden», sagt Daria Martinoni, Leiterin Netzwerkentwicklung Region Ost bei den SBB.

Einhausung als Lösung?

Für die meisten Spreitenbacher ist klar, dass es nicht reicht, die Rangierzeiten in den Tag zu verlegen. Auch Lärmschutzwände würden kaum helfen, wie die SBB ausführen, dafür ist der Rangierbahnhof mit seinen 54 Gleispaaren zu breit. Gemeindepräsident Valentin Schmid sieht die einzige Lösung in der Einhausung des Rangierbahnhofs. So weit wollen die SBB bisher nicht gehen. Allerding erklärt Jon Bisatz: «Wir testen derzeit einen Güterzug mit automatischen Kupplungen. Dank diesen würden sich zwei Lärmquellen erheblich reduzieren lassen. Einerseits würden die Kupplungen beim Lösen nicht mehr unter die Waggons knallen; andererseits würden sie das Aufeinanderprallen der Waggon-Puffer abdämpfen.» Schmid traut dieser Lösung nicht wirklich. «Von den rund 20 000 Waggons, die täglich in der Schweiz verkehren, gehört nur eine Minderheit der SBB Cargo.» Es sei daher fraglich, ob die Besitzer der übrigen Waggons bereit seien, so viel Geld in die Hand zunehmen, nur damit die Bevölkerung in Spreitenbach oder Dietikon ruhiger schlafen könne. Er wie auch die übrigen betroffenen Gemeinden Dietikon, Geroldswil und Oetwil setzen deshalb auf das Bundesamt für Verkehr (BAV). Dieses hat die SBB aufgefordert, weitere Lärmmessungen vorzunehmen. Die SBB haben diese bereits beim BAV eingereicht. Das BAV prüft diese und wird den Betroffenen mitteilen, ob die zulässigen Grenzwerte eingehalten oder überschritten werden. In letzterem Fall müssten die SBB zwingend weitere Lärmsanierungsmassnahmen ergreifen.