Bergdietikon
Die 40-jährige «Leidensgeschichte» kommt bald an ihr Ende – Kanton genehmigt Gestaltungsplan für das Land Rai

Auf dem rutschigen Bergdietiker Hang sollen 120 neue Wohnungen entstehen. Nun hat der Kanton Aargau den Gestaltungsplan für das Land Rai genehmigt. Ein historischer Entscheid nach vier Jahrzehnten Kampf, Kosten und Kühen.

David Egger
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Im Vordergrund liegt das Land Rai, links das Zentrum Bergli mit Tankstelle und Volg, in der Mitte der Ortsteil Baltenschwil, rechts die Überbauung Honerethof, im Hintergrund Dietikon und das rechte Limmattal.

Im Vordergrund liegt das Land Rai, links das Zentrum Bergli mit Tankstelle und Volg, in der Mitte der Ortsteil Baltenschwil, rechts die Überbauung Honerethof, im Hintergrund Dietikon und das rechte Limmattal.

Bild: Severin Bigler

Ein Erbe der Gletscher, geschmolzen vor rund 10'000 Jahren. Ein Seufzen, beschwerlich steil ist der Anstieg dem Raibächli entlang. Aber da steht ein Bänkli am oberen Ende vom Land Rai. Gute Aussicht auf den Honeret in seinem Waldkleid. Und auf die Bergdietiker Industrie, die 1868 ihren Anfang nahm mit der Strickgarnzwirnerei ­Froehlich am Reppischknie im Wiesental. Es ist kaum vorstellbar, wie hier noch 1952 fast alles Wiese war. Aber so zeigen es die alten Karten. Rund 500 Einwohner zählte das Dorf damals, gleich viel wie hundert Jahre zuvor.

Aber nichts ist ewig. Die Zürcher ­kamen den Hoger hinauf, der Boom begann: 800 Einwohner waren es 1960. Zehn Jahre später: 1100. Und 1980: 1700! Geht das ewig so?

Mitnichten. Jetzt wollte die Gemeinde die Entwicklung selber steuern. Darum sicherte sie sich zwischen 1980 und 1988 für rund 7 Millionen Franken Teile des letzten grösseren Baugebiets und entzog das Land Rai der Spekulation. Ob sie sich damit gewissermassen selber verspekulierte? Ansichtssache.

Hier war noch 1952 praktisch alles Wiese: Aussicht auf die Bergdietiker Industrie und den Honeret.

Hier war noch 1952 praktisch alles Wiese: Aussicht auf die Bergdietiker Industrie und den Honeret.

Severin Bigler

1993: «Ri-Rai-Rutsch» ist Siegerprojekt des Ideenwettbewerbs

1981 beschloss die Gemeindeversammlung, den Raihoger «wieder» dem Baugebiet zuzuteilen, wie der «Limmattaler» im April 1981 berichtete. Wer dort bauen wolle, müsse aber «zuerst dem Gemeinderat und danach der Gemeindeversammlung im Sinne einer Erschwerung einen Gestaltungsplan vorlegen». Geschrieben hatte den Bericht die Dietiker Reporter-Legende Erich Eng. Mit dem Mofa tuckerte er an die Anlässe, und während er auf deren Beginn wartete, zog er an seiner Brissago – so erzählen es die, die ihn noch erlebt haben. Er ahnte wohl, dass er das Land Rai noch lange begleiten wird.

So auch 1990. Da genehmigte die Gemeindeversammlung 230'000 Franken für geologische Untersuchungen im Land Rai sowie für einen Ideenwettbewerb.

Die Sache verursachte mehr Aufwand als erwartet. Im Sommer 1991 gab die Gemeindeversammlung darum weitere 950'00 Franken frei. Zu diskutieren gab das nicht. Das Ja war klar; nur ein Satz im «Limmattaler Tagblatt».

Die Architekten hatten wohl Humor: «Ri-Rai-Rutsch» nannten sie ihr Siegerprojekt. Es war nun 1993 – her mit dem Gestaltungsplan! 600'000 Franken sollte die Gemeindeversammlung dafür bewilligen. Aber es kam anders. «Bergdietiker gegen Gestaltungsplan Rai» schrieb Erich Eng auf der Titelseite vom «Limmattaler Tagblatt».

Titelseite vom Limmattaler Tagblatt am 16. Juni 1993

Titelseite vom Limmattaler Tagblatt am 16. Juni 1993

David Egger / Limmattaler Zeitung

«So vieles versucht, gehofft und so oft ­gescheitert»

Der Kredit für die geologischen Untersuchungen und den Ideenwettbewerb war überschritten worden. Statt 325'000 Franken resultierten Kosten von 407'850 Franken.

«Mehrere Votanten kritisierten die Kostenüberschreitung vehement und fanden, sie könne nicht akzeptiert werden»,

berichtete Erich Eng. Auch die Begründungen von ­Vizeammann Armin Sommer änderten daran nichts. «Nach längerem Hin und Her» lehnte eine Zweidrittelmehrheit die Kreditabrechnung ab.

Die Geologen hatten geurteilt, dass das Gebiet zwar überbaut werden könne, aber nur mit kostspieligen Aufwand. Mit 144 Nein zu 99 Ja rutschte an der Versammlung 1993 auch der Kredit für den Gestaltungsplan bachab. Im Vorfeld kursierten im Dorf Flugblätter für ein Nein.

«Die Versammlung dauerte bis nach Mitternacht. Unschön war, dass gegen 40 Stimmberechtigte diese nach der Ablehnung des Kredites für den Gestaltungsplan Rai verliessen»,

schrieb Erich Eng.

«Wir haben so vieles versucht, gehofft und sind so oft ­gescheitert», sagt heute Paul Meier, der von 1994 bis 2009 im Gemeinderat sass, von 2006 bis 2009 als Gemeindeammann.

Einer von vielen Akteuren in der Geschichte vom Land Rai: Paul Meier sass von 1994 bis 2009 im Bergdietiker Gemeinderat, von 2006 bis 2009 als Gemeindeammann. Hier ist er auf einem Bild aus dem Jahr 2009 zu sehen.

Einer von vielen Akteuren in der Geschichte vom Land Rai: Paul Meier sass von 1994 bis 2009 im Bergdietiker Gemeinderat, von 2006 bis 2009 als Gemeindeammann. Hier ist er auf einem Bild aus dem Jahr 2009 zu sehen.


Bild: Jürg Krebs

Die nächste Hoffnung kam im November 1995. Von einem «neuen Anlauf im Rai», dieser «Leidensgeschichte», schrieb Erich Eng. Die Gemeinde- versammlung bewilligte 98000 Franken, um einen Gestaltungsplan zu entwerfen. Nur zwei Gegenstimmen. Sogar Gegner von 1993 gaben dem Gemeinderat gute Noten.

Das Land Rai wurde noch genauer vermessen. Resultat: Das ganze Gebiet zu bebauen, ist kaum oder nur längerfristig mit grossem Sanierungsaufwand möglich. Von 1,5 bis 3 Millionen Franken war die Rede.

«Die Geologen sprachen von einem Rutschgebiet. Dieser geologische Bericht schlug bei uns wie eine Bombe ein»,

sagt heute Pius Achermann – er war ab 1992 im Gemeinderat, ab 1994 als Gemeindeammann; bis 2005.

Auch Pius Achermann wird das Land Rai nie vergessen. Er war von 1992 bis 2005 Gemeinderat, ab 1994 als Gemeindeammann. Hier ist er auf einem Bild aus dem Jahr 2010 zu sehen.

Auch Pius Achermann wird das Land Rai nie vergessen. Er war von 1992 bis 2005 Gemeinderat, ab 1994 als Gemeindeammann. Hier ist er auf einem Bild aus dem Jahr 2010 zu sehen.



Daniel Winter

1997, Übungsabbruch: Die Arbeiten am Gestaltungsplan endeten, die zuständige Kommission wurde aufgelöst. Im Finanzvermögen nahm die Gemeinde Abschreibungen vor, da das Land kaum mehr zum ursprünglichen Kaufpreis verkauft werden konnte. Die Gemeindeversammlung nahm einen entsprechenden Abschlussbericht zur Kenntnis. Die zu bebauende Zone war inzwischen verkleinert worden, das südliche Gebiet fiel weg, dort wäre eine Bebauung am schwierigsten gewesen. Verkaufsbemühungen waren erfolglos. Die Kühe, die auf dem Land Rai weiden, können das noch lange tun.

Land Rai: Heute den Kühen, morgen den Menschen.

Land Rai: Heute den Kühen, morgen den Menschen.

Severin Bigler

Den Preis für das Land mehr als halbiert

2007 die nächste Hoffnung. Die Gemeinde und weitere Grundeigentümer einigten sich, das Land günstiger anzubieten. 2008 sagte die Gemeindeversammlung und nach einem Referendum auch das Volk in einer Abstimmung Ja zu einem Vorvertrag mit der Implenia Development AG. Preisschild: 9,75 Millionen Franken. «Ziel von Implenia ist es, im Herbst 2010 mit den Bauarbeiten beginnen zu können», berichtete die «Limmattaler Zeitung».

Der nächste Rückschlag. Die Implenia erarbeitete ein Projekt und merkte: Die Hangsicherungsmassnahmen werden 5 bis 7 Millionen Franken kosten. 2011 ging die Gemeinde- versammlung deshalb mit dem Landpreis auf rund 4 Millionen Franken runter.

2015 hatte die Gemeindeversammlung über eine Teilzonenplanänderung zu befinden und sagte Ja. Doch wieder gab es ein Referendum. Vor der Urnenabstimmung kursierte die «Land-Rai-Ziitig», deren Layout dem Mitteilungsblatt der Gemeinde – die «Bergdietiker Ziitig» – nachempfunden war. Werbung für ein «Nein zum Renditebunker». Aus Sicht der Anstösser war der Widerstand verständlich, war doch eine mehrjährige Bauerei zu erwarten.

Weniger verständlich und leider nicht Ausdruck fairen demokratischen Vorgehens war der ‹Abstimmungskampf›», blickt Gerhart Isler zurück, der von 2010 bis 2017 Gemeindeammann war. Die Gegner siegten: 694 Nein, 493 Ja. Für sie war klar: Das Volk hat sich «klar für ein massvolles Wachstum» und gegen «masslose Renditeprojekte» ausgesprochen.

Führte Bergdietikon durch eine politisch besonders kampflustige Zeit: Gerhart Isler war von 2010 bis 2017 Gemeindeammann. Hier ist er auf einem Bild aus dem Jahr 2017 zu sehen.

Führte Bergdietikon durch eine politisch besonders kampflustige Zeit: Gerhart Isler war von 2010 bis 2017 Gemeindeammann. Hier ist er auf einem Bild aus dem Jahr 2017 zu sehen.



Severin Bigler

Marschhalt, Planungsüberprüfung. Das zu Grunde liegende Projekt wurde überarbeitet; unter anderem verkleinert. Dann ging es schnell. 2019 winkte die Gemeindeversammlung die Teiländerung der Nutzungsplanung durch, 2020 sagte auch der Regierungsrat Ja. Im November 2020 genehmigte der Gemeinderat den neuen Gestaltungsplan.

Im Februar 2021 hat nun auch der Kanton den Gestaltungsplan abgesegnet.

«Viele kreative Puzzlestücke ­haben zu einer breiten Akzeptanz geführt»,

sagt der heutige Gemeindeammann Ralf Dörig. Mehr Pragmatismus und weniger Emotionen, das sei eines dieser Puzzlestücke. Rund 2900 Einwohner hat Bergdietikon heute.

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