1968 ist eine Chiffre für eine Zeitenwende, ein Katalysator für verschiedenste gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen. 50 Jahre nach den Revolutionen der westlichen Jugend ging man im «Royal» mit audiovisuellen Dokumenten auf Spurensuche: Wie kam es zur Eruption und was sind ihre Nachwirkungen?

In fast jedem Film, der in den 1968er spielt, gibt es sie: die Bilder von Protesten auf den Strassen, Kommunen und langhaarigen Hippies an ausufernden Rockkonzerten. Sodann zoomt die Kamera heraus und die bewegten Aufnahmen verkleinern sich zu flimmernden Fernsehbildern in einem holzverkleideten Fernsehkasten in einem bieder eingerichteten Wohnzimmer, darin Familien, langhaarige Studenten und Mini-Jupe tragende Freundinnen, die gespannt den medialen Ereignissen folgen. An dritter Instanz sind wir selbst, die diese Bilder betrachten, die aber auch die Betrachtenden betrachten. Schliesslich war (und ist) 68 auch ein massenmediales Phänomen, das von Anfang an die Vorstellungen und Erinnerungen an diese Zeit mitprägten.

Ästhetik des Wandels

Unter dem Titel «Erlebte Schweiz – 1968 im Fernsehen» schaute man am vergangenen Donnerstag im ehemaligen Kino Royal keine bunt aufbereiteten Dokus, sondern Originalsendungen jener Zeit, die die Schweizerinnen und Schweizer allabendlich konsumierten. Drei Filmblöcke zeigten Wochenschauen und Jahresrückblicke aus der Zeit vor, um und nach 68 und machten auf eindrückliche Weise sichtbar, wie umfassend und vielschichtig der Wandel war: War die Nachkriegsschweiz geprägt von einer Ästhetik der wohlgeordneten Masse, die nach Bern an die eidgenössische Heerschau strömten, scheint in den 68er Jahren ein Aufbrechen dieser Masse sichtbar. Mehr noch als die visuellen Veränderungen von Kleidung, Frisuren, Wohnräumen und Freizeitgestaltung überrascht in den Originalsendungen jedoch die Sprache der Fernsehkommentare, die ihrerseits deutlich macht, wie sehr der Wandel auf grundlegenderen Veränderungen in Denken und Einstellungen fusst.

Überforderte Institutionen

Zwischen den Filmblöcken sprach Fabian Furter, Historiker und Ausstellungskurator von «Schweiz 1968», mit dem ehemaligen Gross- und Einwohnerrat Peter Kamm und dem Journalisten Urs Tremp, über die Stellung der Schweiz in dieser bewegten Zeit. «Wir neigen dazu, die Ereignisse von 1968 heute durch eine Globalisierungsbrille zu sehen. Tatsächlich hatte jedes Land eine stark nationale Prägung», erklärte Urs Tremp. In der Schweiz gab es keinen Vietnamkrieg, der die Lager spaltete, hier waren Themen wie das erst 1971 erkämpfte Frauenstimmrecht, die sexuelle Selbstbestimmung und Studienreformen heiss diskutiert. «Wenn es ein verbindendes Element gab, so lag dies darin, dass die Zahl der Studierenden explosionsartig zugenommen hatte. Dies bedeutete eine Überforderung der Institutionen, eine räumliche Knappheit sowohl an den Universitäten, wie an kulturellen Räumen», erklärt Tremp. Die Nachwirkungen der 1968er werden heute wieder nüchterner betrachtet: «Es war eine Zeit der Experimente. Viele Forderungen waren ideologisch verklärt und mussten revidiert werden.», erzählt Tremp. Und doch: 1968 war in der Schweiz immer auch verknüpft mit Forderungen nach kulturellen Räumen für Jugendliche. Dass an diesem Abend überhaupt im Royal über 1968 diskutiert werden konnte, ist aller Wahrscheinlichkeit nach selbst eine Hinterlassenschaft jenes 68er-Geistes.