Noch 1905 setzte sich der Wettinger Gemeinderat ausschliesslich aus Freisinnigen zusammen, liest man im Büchlein «Wettingen gestern und heute». Doch kaum war die CVP 1912 auf nationaler Ebene gegründet – damals noch als «Schweizerische Konservative Volkspartei» –, übernahm sie das höchste Amt in Wettingen: Der katholisch konservative Josef Huser ging 1913 als Ammann aus den Wahlen hervor. «Die Freisinnigen verloren alle Sitze», schreibt der Autor Heinrich Meng.

Als wäre es in Wettingen ein Gesetz, stellt die CVP ohne Unterbruch bis heute den Ammann und war seit Jahrzehnten mit zwei Sitzen im Gemeinderat vertreten. Am vergangenen Sonntag hat die CVP Wettingen nun erstmals ihren zweiten Sitz verloren. Mit hauchdünnem Vorsprung konnte Martin Egloff (FDP) seine Chance in einen Sieg verwandeln und holte 2536 der 4979 Stimmen.

CVP-Kontrahent Roland Michel blieb mit 2443 Stimmen und grosser Enttäuschung zurück. Das Resultat dürfte nicht nur in Politkreisen überrascht haben. Doch wie lässt sich dieser Sieg erklären, wo doch die CVP mit rund 25 Prozent Stimmenanteil nach wie vor die stärkste Partei ist, ja praktisch seit Beginn des 19. Jahrhunderts die Ammannpartei? Langjährige Wettinger Politiker wagen einen Erklärungsversuch.

Faktor eins: Wahlwerbung

Marcel Huggenberger, der von 1994 bis 2005 für die SP im Einwohnerrat sass und in seinen zwei letzten Jahren dessen Präsidium übernahm, zeigt sich vom Resultat sehr überrascht. «Die CVP hat sehr viele Werbeplakate von Roland Michel aufgestellt und war dadurch omnipräsent», sagt Huggenberger. Dass es trotzdem nicht gereicht hat, sei erstaunlich. «Ich halte das Ergebnis auch nicht für einen Zufall, obwohl es ein dünner Vorsprung war.»

Hansruedi Burkard, der bei der Gründung des Wettinger Einwohnerrats als SPler in die Exekutive gewählt und später Gemeinderat wurde, interpretiert die Werbewirkung zugunsten Martin Egloffs: «Er hat nach dem ersten Wahlgang sehr schnell mit einem neuen und auffälligen Werbeplakat reagiert und an Aufmerksamkeit gewonnen.» Daher überrasche ihn das Resultat nicht.

Altnationalrat Heiner Studer, der ab 1974 für die EVP im Einwohnerrat sass, 1986 Gemeinderat und von 1994 bis 2013 Vizeammann war, sieht mehrere Faktoren, die bei der Wahl am Sonntag mitgespielt haben. «Grundsätzlich haben Herausforderer, in diesem Fall Martin Egloff, bei einer Einzelersatzwahl immer die besten Chancen, sich den Sitz zu holen.» Hier habe Egloff Mut bewiesen und seine Chance genutzt. Geholfen habe ihm dabei seine Bekanntheit: «Egloff ist durch seine langjährige politische Tätigkeit aber auch bei den Sportvereinen in der Gemeinde besser vernetzt als Roland Michel.» Komme hinzu, dass die Familie Egloff in Wettingen sehr bekannt sei. «Das sage ich als jemand, der Roland Michel gewählt hat», betont Studer. Weil die Wettinger zwischen zwei sehr ähnlichen bürgerlichen Kandidaten entscheiden mussten, spielte dieser Faktor eine umso grössere Rolle.

Ein weiterer Faktor, den Studer nicht als einziger Wettinger Politbeobachter ins Feld führt, ist die Jahrzehnte dauernde, starke Dominanz der Wettinger CVP, die von der Bevölkerung teils nicht mehr goutiert werde. «In keiner anderen grossen Gemeinde hat es die CVP geschafft, so lange und so mühelos den Gemeindeammann zu stellen. Und im Herbst wurde mit Roland Kuster der nächste CVP-Mann konkurrenzlos ins Ammannamt gehoben.» Gleichzeitig stelle die Partei seit 47 Jahren den Präsidenten der Finanzkommission, was ein sehr einflussreicher Posten sei. Es gebe durchaus Wettinger, die diese selbstverständliche Dominanz heute hinterfragen würden. «Und da kam Martin Egloff wie gerufen.»

Predigt für die CVP

Noch Anfang der 90er-Jahre predigte der Pfarrer in Wettingen von der Kanzel herunter, man solle die CVP wählen, erinnern sich die ehemaligen Politiker. Nicht nur das: Bei vielen Alteingesessenen habe früher – und teils heute noch – ein Bewusstsein geherrscht, man sei kein echter Wettinger, wenn man nicht in der CVP ist.

Der ehemalige Grossrat Walter Hunkeler, der von 1974 bis 1995 für den LdU im Einwohnerrat sass, ist überzeugt: «Die langjährige CVP-Macht hat ein ungutes Gefühl entstehen lassen». Die Partei sei zwar nach wie vor die stärkste, jedoch habe sie nicht nur auf nationalem und kantonalem Boden Wähleranteile verloren, sondern auch in Wettingen. Hunkeler erinnert sich: «In meiner Anfangszeit hatte die Partei mit über 20 Sitzen praktisch die Mehrheit im Einwohnerrat.» Doch die Zeiten änderten sich. Bei den Gesamterneuerungswahlen 1981 kam die CVP auf einen Wähleranteil von 37,4 Prozent und 19 Sitze im Einwohnerrat. Heute hält die Partei noch 12 der 50 Einwohnerratssitze.

Hansruedi Burkard verweist auch auf die Leserbriefe, denen man einen gewissen Unmut entnehmen konnte. So war nicht nur in einem Pro-Egloff-Leserbrief der IG Wettingen der Appell zu lesen: «Das Übergewicht der CVP muss jetzt endlich korrigiert werden.»

Wahlherbst wird spannend

Nun hält die FDP mit ihren sieben Sitzen im Einwohnerrat nebst dem Gemeinderatssitz von Vizeammann Antonette Eckert einen zweiten Gemeinderatssitz. Nicht nur das: Egloff hat sich nicht irgendeinen Sitz geholt, sondern den Gemeinderatssitz des neuen Regierungsrats und ehemaligen Gemeindeammanns Markus Dieth.

Auch wenn die CVP nun einen Dämpfer einstecken musste: Es sei gut möglich, dass es sich nur um ein kurzes Intermezzo handle, sagen die Wettinger Alt-Politiker. Hunkeler: «Für die Gesamterneuerungswahlen im Herbst ist noch alles offen und es ist gut möglich, dass sich die CVP ihren zweiten Sitz zurückholt.» Dass dies das erklärte Ziel der Partei ist, liest man prominent auf ihrer Website: «An den Gesamterneuerungswahlen des Einwohnerrates und des Gemeinderates im Herbst dieses Jahres wird die CVP wieder mit einem hochkarätigen Kandidatenfeld am Start sein. Die Kandidatensuche läuft bereits seit einiger Zeit sehr erfolgreich.» Man darf also gespannt sein, welche Zugpferde die Partei im Wahlherbst ins Rennen schickt.