BT-Kolumne

Lausereien – oder warum wir Smalltalk brauchen

Wenn sie nicht an Smalltalk oder gar einem Flirt interessiert ist, dann können auch Blumen nichts ausrichten.

Wenn sie nicht an Smalltalk oder gar einem Flirt interessiert ist, dann können auch Blumen nichts ausrichten.

Kolumnistin Simona Hofmann über sinnloses Gelaber oder über die Notwendigkeit des Smalltalks.

Diese Kolumne ist komplett sinnfrei. Aber nicht sinnlos. Sie ist den urmenschlichen Ritualen gewidmet.

Sinnfreies Gerede ist wichtig für zwischenmenschliche Beziehungen und ersetzt die gegenseitige Fellpflege: Menschen führen Smalltalk, Affen zupfen sich die Läuse aus dem Fell.

Der Austausch von Floskeln hat eine hohe soziale Bedeutung. Um einen tieferen Sinn geht es dabei für einmal nicht: Die Dialoge dienen (laut Wissenschaftern) der Sozialpflege. Anständiges Benehmen, Begrüssungsrituale: Diese Formen der interhumanen Kommunikation bedeuten, ähnlich einem gegenseitigen Primaten-Lausen, eine freundliche Geste dem Anderen gegenüber.

Natürlich sitzen wir nicht im Kreis und kratzen uns kleine Hautschüppchen vom Rücken, vielmehr fallen belanglose Bemerkungen, die für sich kaum etwas besagen, mit denen wir aber unser Interesse am Gegenüber und dessen Leben zum Ausdruck bringen.

Tiefere Bedeutung und Intelligenzgrad der Fragen sind praktisch irrelevant. Offene W–Fragen halten den Dialog am Plätschern. Hinzu kommen Gesten, um das persönliche Wohlbefinden des anderen zu erhöhen, ein männliches High-Five-Händeklatschen oder das gebräuchliche Küsschen links, rechts, links, aus dem Mantel helfen, Überreichen des Gastgeschenks oder Anbieten eines Welcome-Drinks. Jedenfalls sind Worte bei diesen «Putzgesprächen» laut Verhaltensbiologen Nebensache.

Klatsch und Tratsch, aktuelle und nicht tiefer reflektierte Nachrichten bieten reichhaltige Gelegenheiten für Smalltalk, welcher übrigens auch eine entscheidende Rolle beim Flirten spielt. Der Flirt hat folgende Choreografie:

Erstens: Blickkontakt

Zweitens: Lächeln

Drittens: Einnehmen einer koketten Körperhaltung.

Viertens: Aufeinanderzugehen und erste verbale Annäherung.

Dabei kommt es beim Eröffnungssatz erstaunlicherweise nicht auf Genialität an. Wichtig für diese belanglose, aber subtil zielgeführte Unterhaltung ist die Stimmmelodie. Bei Kindern und Pflegebedürftigen wird durch eine überspielt hohe, leise und weiche Stimme Wärme und Zuneigung vermittelt.

Ein tiefes, sanftes, einschmeichelndes «Hallo» mit Anheben der Augenbrauen verrät dabei eine ganz andere Botschaft als ein knappes «Hoi» ohne Blickkontakt. Auch unangemessen häufiges Lachen deutet auf Flirten hin.

Dann folgen die nächsten Stufen im menschlichen Balztanz: Vermindern der Körperdistanz, vermeintlich zufällige Berührungen und ein harmonischer Gleichtakt der Bewegungen.

Da wir erst vor kurzem aus dem Primatenstand hinausgewachsen sind, lasst uns miteinander Unsinn plaudern, zu Beginn zumindest. Tiefgründige Gespräche, Lausereien und intime Fellpflege folgen automatisch.

Also los, laust euch!

Die Badener Bewegungsschauspielerin und Regisseurin (35) Simona Hofmann ist seit 2005 auf Tournee im In- und Ausland mit eigenen Theaterkreationen und Engagements.

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