Zwar ist die Familie Mehar muslimschen Glaubens. Doch die drei Kinder werden auch dieses Jahr wieder Ostern feiern und sich auf die Suche nach Osternestern machen. Das Beispiel zeigt, wie sehr die Familie in die hiesige Gesellschaft und Kultur integriert ist – und das, obwohl sie eigentlich gar nicht mehr hier leben dürfte.

Der Reihe nach: Das Schicksal der Familie Mehar sorgte vor zwei Jahren für grosse Anteilnahme – und auch Kritik am Schweizer Asylverfahren (Lesen Sie hier).

Ende 2014 flüchtete Mutter Nazia Mehar im Alter von 36 Jahren zusammen mit Mohammed (damals 12), Zohaib (10) und Malika (9) aus Pakistan. Anfang 2015 – nach einer beschwerlichen Reise über den Iran, die Türkei, Griechenland und Italien – kam die Familie in der Schweiz an.

Als Fluchtgrund gab die Mutter die Sorge um das Leben ihrer Kinder an. Nachdem der Mann von Nazia Mehar verschwunden war, wohnte sie zusammen mit der Erstfrau ihres Mannes in der gleichen Wohnung. Immer wieder sei es zu Übergriffen dieser Frau, aber auch durch deren Sohn gekommen. Er habe Nazia gedroht, ihre Kinder umzubringen.

Trauriger Höhepunkt sei dann ein Angriff auf den Schulbus ihrer Kinder gewesen, der beschossen wurde. Nach diesem Ereignis stand für Nazia Mehar fest, Pakistan zu verlassen. Die Polizei zu Hilfe zu holen, kam für sie nicht infrage, da diese äusserst korrupt sei und zudem der Sohn ihres verschwundenen Ehemannes sehr einflussreich sei.

Der Schock vor zwei Jahren

Seit Sommer 2015 lebt Familie Mehar in Ennetbaden. Die drei Kinder integrierten sich schnell, schlossen Freundschaften, pflegten die gleichen Hobbys wie Schweizer Kinder und lernten schnell die deutsche Sprache. Umso grösser war der Schock, als die Familie im Sommer 2016 den Entscheid erhielt, die Schweiz verlassen zu müssen, «weil keine asylrechtlich relevante Verfolgungssituation vorliegt», so das Bundesverwaltungsgericht.

Für Mutter Nazia war damals schon klar: «Eine Rückkehr kommt für uns nicht infrage: Wir sind stark in der Schweiz verwurzelt. Meine Kinder fühlen sich hier zu Hause und wir können uns nicht vorstellen, nach Pakistan zurückzukehren.»

Dass die Familie heute immer noch in der Schweiz lebt, «liegt daran, dass sie keine Papiere hat – und selbst die pakistanischen Behörden nicht in der Lage sind, solche aufzutreiben», sagt Maria Paz Olave.

Die Juristin aus Ennetbaden unterstützt die Familie zusammen mit anderen Frauen aus der Gemeinde. Die Ennetbadenerin Cathryn Lehmann war es, die zusammen mit anderen Frauen den Verein «Flüchtlinge in Not» gründete, um die Familie zu unterstützen.

Unvergessen etwa das Benefizkonzert, bei dem Hunderte von Personen ihre Solidarität mit der Familie Mehar bekundeten. Für Lehmann war damals schon klar: «Als eine Frau, die in Pakistan kaum einmal allein das Haus verlassen durfte, hat sie sich ganz allein auf diese gefährliche Reise gemacht.

«Wir danken euch von Herzen für die Hilfe»

«Wir danken euch von Herzen für die Hilfe»

Video vom Benefizkonzert, das 2016 für Nazia Mehar und ihre Kinder organisiert wurde. 

Der Leidensdruck muss ungemein hoch gewesen sein.» Für sie ist das Schicksal von Nazia und ihren Kindern nicht nur ein asylrelevantes, sondern hier gehe es auch um Solidarität mit Frauen, die gerade in Ländern wie Pakistan die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft seien.

Am Ausland-Turnier nicht dabei

Was die beiden Frauen besonders beschäftigt, ist der Umstand, «dass wir Kinder im gleichen Alter haben wie Nazia. Unsere Kinder dürfen von einer Zukunft träumen; Pläne schmieden. Nazias Kinder haben diese Möglichkeit nicht.»

Spricht man mit den drei Kindern über ihre Situation, spürt man davon aber wenig. Im Gegenteil: Die drei sprechen mit den gleich leuchtenden Augen über ihre Freunde, Hobbys und Sportaktivitäten, wie dies Schweizer Kinder tun.

Mohammed besucht die 2. Sek in Baden und macht sich bereits Gedanken über seine berufliche Zukunft. «Ich würde gerne etwas Handwerkliches oder Technisches machen. Ich habe auch schon für eine Elektroniker-Lehre geschnuppert.»

Dabei erwähnt er stolz, dass er im Deutsch einen Notenschnitt von 4,3 habe, in Geschichte eine 4 und in Biologie gar eine 5. Der einzige Haken: Selbst wenn Mohammed eine Lehre machen wollte, wäre ihm dies aufgrund seines Status nicht erlaubt. «Eine Möglichkeit könnte ein 10. Schuljahr sein», sagt Lehmann.

Die beiden jüngeren Geschwister besuchen die Primarschule in Ennetbaden und haben sich ebenfalls bestens integriert. Alle drei sind zudem in Sportvereinen aktiv. Mohammed ist Stürmer beim FC Turgi; trainiert dreimal in der Woche. Seine beiden Geschwister spielen Handball in Ehrendingen. «Auch Skifahren hab ich am Schneesporttag schon ausprobiert», sagt Mohammed.

Spricht man die drei Kinder – und auch die Mutter – auf eine mögliche Rückkehr an, scheint es fast so, als würden sie dieses Thema so gut als möglich verdrängen. Nur hin und wieder gebe es Situationen im Alltag, welche die Kinder an ihre spezielle Situation erinnerten. So konnte Mohammed kürzlich nicht mit seiner Mannschaft an einem Turnier in Deutschland teilnehmen, weil er das Land nicht verlassen darf.

«Oder dann war da der Übertritt an die Sek-Schule, der ihm am Anfang nicht ganz leicht gefallen sei, erzählt Lehmann. «Wir versuchten, Mohammed zu erklären, dass er als ältestes Geschwister eine Vorbildfunktion hat.»

Da die Familie unter besonderer Beobachtung stehe, sei es schon so, dass sich Mohammed und seine Geschwister etwas weniger erlauben könnten, als dies bei Schweizer Kindern der Fall ist, glaubt Lehmann.

210 Franken pro Woche

Das Leben der Familie gestaltet sich sehr einfach. Die Wohnung stellt die Gemeinde Ennetbaden zur Verfügung. Pro Woche muss die Familie mit rund 210 Franken Nothilfe auskommen. «Wir unterstützen die Familie mit dem Nötigsten, geben ihnen gebrauchte Kinderkleider oder kaufen Medikamente», sagt Lehmann.

Da Nothilfe auch bedeutet, dass nur medizinische Notfälle behandelt werden, kommt der Verein auch für Zahnarzt- oder Optikerrechnungen auf. Doch es gehe um weit mehr als nur materielle Hilfe.

«Unsere Motivation ist es, Nazia als alleinerziehende Mutter zu unterstützen und ihr das Gefühl zu geben, nicht alleine zu sein.» Man dürfe nicht vergessen, dass für die Mutter immer noch vieles fremd und neu ist. «Wir stehen Nazia auch in Erziehungsfragen mit Rat zur Seite und unterstützen sie, zu Hause die Chefin zu sein», sagt Lehmann mit einem Lachen.
Während des Gesprächs hört die Mutter aufmerksam zu.

Sie versteht vieles, besucht sie doch zweimal in der Woche einen Deutschkurs. Das Sprechen fällt ihr aber noch nicht so leicht; über ihren Sohn lässt sie dem Journalisten ausrichten: «Es ist ein riesiges Glück, dass wir hier in der Schweiz so tolle Menschen gefunden haben, die uns unterstützen», so Nazia.

Die 39-Jährige hat sich im Dorf inzwischen einen Ruf als hervorragende Köchin gemacht, hat sie doch schon an verschiedenen Anlässen pakistanische Köstlichkeiten aufgetischt. Dabei beschränken sich ihre Kochkünste nicht nur auf heimische Gerichte, wie die Kinder verraten.

«Wir mögen Fondue und Raclette sehr gerne». Auch darin unterscheiden sie sich nicht von Schweizer Kindern. Was die Zukunft bringt, weiss niemand – das Leben im Ungewissen geht weiter.