Schnee! Was wäre, wenn ein Künstler die weisse Decke veränderte? Doch es geht auch umgekehrt: Schnee verändert Kunst. Zum Beispiel im Vorgarten eines Hauses an der Bifangstrasse 15 in Wettingen. Dort findet sich eine Skulptur, eine kauernde Frau – «Frierende» hat sie ihr Schöpfer benannt. Sie hat den Kopf zur Seite geneigt und die Beine angewinkelt. An diesem Tag zieht sich um ihren Körper ein breites Band aus Schnee; auf dem Kopf türmt sich die weisse Pracht ebenfalls. Welch wunderbare Protagonistin hat sich die Natur hier für ihre winterliche Laune ausgesucht.

Vom Garten sind es nur einige Schritte bis zu Walter Husers einstigem Atelier. Der Wettinger Bildhauer ist am 1.Januar 1981 verstorben, «aber mein Vater ist nicht gestorben», sagt sein Sohn Walter mit feinem Lächeln. Ein Widerspruch? Nein. Wer seinen Blick durch die hohen Atelierräume mit ihren gegen die Nordseite gerichteten Fenstern schweifen lässt, begegnet dem Künstler allerorten. Kleine und grosse Skulpturen stehen dicht nebeneinander – so, als ob sie miteinander in einem angeregten, doch nicht vom leisesten Misston begleiteten Gespräch wären.

Das Wesen des Schönen

«Viel Seele und viel Harmonie»: Mit diesen Worten bringt der Sohn das Schaffen seines Vaters auf den Punkt und verweist auf einen Journalisten. Dieser meint, dass Walter Huser den Forderungen des Zeitgeistes stets ausgewichen sei. Er habe niemals die Auflösung der Form betrieben und sich nie um die Emanzipation des Abfalls und der zufälligen Geste gekümmert. «Walter Huser hat ganz einfach versucht, mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln das Wesen des Schönen zu erschliessen und in eine Form zu bannen.»

Wer vor den überwiegend weiblichen Figuren im Wettinger Atelier verweilt, wird schon bald Husers Verbundenheit mit der Musik erahnen. Obgleich der Bildhauer kaum musizierte hatte, musizierte es «in ihm» – und zwar solcherart, dass es auch in seinen Figuren zu musizieren begann. Anmut «klingt» in den Gliedern seiner Plastiken, deren Schönheit Walter Huser zunächst «erhorcht» hat, bevor er zu ihrer Wiedergabe ansetzte. Auf dem Friedhof Brunnenwiese, in Badens Bäderquartier, aber auch in Rheinfelden und andernorts ist zu sehen, was unvermindert beeindruckt und berührt: Figuren, die von der lebenslangen Suche ihres Schöpfers nach Harmonie und Schönheit künden.

Wesen, Sehnsüchte und Ängste seiner Zeit waren nicht die Themen des Wettinger Bildhauers. Walter Huser diente vielmehr einer überzeitlichen Harmonie, die unverbrüchlich auf die Strenge der Klassik baute: wohlwissend, dass diese Ästhetik dem Modischen abhold war und deswegen stetig Gefahr lief, das Etikett «veraltet» aufgeklebt zu bekommen. «Allerdings», blickt Sohn Walter zurück, «hat mein Vater immer wieder gesagt: ‹Meine Werke werden ihren Weg machen.›»

Vielleicht ein Buch?

Fast unmerklich ist es dunkler geworden im Atelier. Es ist wohltuend, ganz still auf dem Sofa zu sitzen und sich von Husers Plastiken umgeben zu wissen, ohne sie – wegen der Finsternis – in ihrer Ganzheit zu sehen. «Das Aufnehmen des Seelischen war meinem Vater ganz wichtig», sagt der Sohn leise und setzt – nach einem Wunsch für das kommende Jahr befragt – hinzu: «Ein Buch über meinen Vater – das wäre schön.»

Atelier Walter Huser Bifangstrasse 15, Wettingen. Geöffnet: Sa, 15., und So,
16. Januar; Sa, 5., und So, 6. März; Sa,
2., und So, 3. April. Eintritt frei. Zeiten: Samstag 15–18 Uhr, Sonntag: 11–17 Uhr.