Für den Kunstlehrstuhl der Berufsfachschule BBB in Baden gründete der kubanische Künstler Adrian Melis eine Scheinfirma und heuerte knapp 50 Schüler an. Wie ein Propaganda-Apparat spürten sie Nachrichten, Film- und Bildmaterial auf, welche die Schweiz in ein negatives Licht stellt, und beschönigten sie.

«Die Scheinfirma mit dem Namen ‹Empty Page› ist so aufgebaut, als würde sie wirklich existieren», sagt Sanja Lukanovic, die den Lehrstuhl leitet. Wie bei einem echten Unternehmen rekrutierte Adrian Melis Anfang Dezember an einem Infostand Schüler als Mitarbeiter. 

Ein Vorgeschmack auf den Film des Künstlers Adrian Melis

Im Januar richtete der Künstler das Büro von «Empty Page» am Kunstlehrstuhl ein und die angehenden Polymechaniker, Coiffeusen oder Informatiker schlüpften für eine Woche in die Rolle von Büroangestellten. Jeden Tag war eine andere zehnköpfige Gruppe an der Reihe. Dafür mussten die Lernenden einen Tag vom Lehrbetrieb freinehmen, wurden aber vom Künstler für ihre Arbeit bezahlt. «Wie bei einem richtigen Job», so Lukanovic.

Das Ziel: Kunst erlebbar machen

Der Kunstlehrstuhl besteht seit 2012. Jedes Jahr realisiert ein anderer Künstler ein Projekt. Das Ziel des Lehrstuhles ist es, Kunst für die Lernenden erlebbar zu machen. Finanziert wird er aus dem Kunst-am-Bau-Prozent des BBB-Neubaus im Jahr 2006. Er ist auf acht Jahre limitiert.

Anstatt wie üblich den Betrag für ein traditionelles Kunstwerk aufzuwenden, hat man sich entschieden, dieses in die Bildung zu investieren. «Es ist ein Vorzeigeprojekt in der Schweiz», so Lukanovic. «Das Spannende daran ist, dass die Schüler am Kunstprojekt partizipieren können und Teil des Kunstwerkes sind.»

Schüler vertonen Filme neu

Für das aktuelle Projekt des Künstlers Adrian Melis durchstöberten die Schüler jeden Tag Zeitungen und Datenbanken mit Presseartikel aus dem In- und Ausland zu Themen wie Steuerbetrug, Korruption, Waffenexporte oder dem Bankgeheimnis in der Schweiz. Als CEO der Scheinfirma amtete Heinz Gatschet, der selber lange in der Finanzbranche tätig war.

Die fiktive Abteilung für audiovisuelle Zensur nahm sich Videos vor und legte beispielsweise eine neue Tonspur über den Film, um die Berichterstattung über die Schweiz in ein besseres Licht zu rücken. Die Bildzensur machte Fotos durch Verpixeln oder Verzerren unkenntlich, während die Textzensur mehrere Artikel übereinander kopierte oder sie schredderte.

«Dadurch entstanden ganz neue Geschichten – und kleine Kunstwerke», sagt Lukanovic. Adrian Melis filmte die fiktiven Angestellten bei ihrer Arbeit. «Entstanden ist ein zwölfminütiges Kunstwerk, das zum Nachdenken über die Glaubwürdigkeit von Image-Kampagnen von Grosskonzernen anregen soll.»

Interessierte können den Film und die Kunstwerke der Schüler noch bis im Mai im eingerichteten Büro ansehen. Ab Ende März führt Sanja Lukanovic mehrere ein- bis zweistündige Workshops durch, um das Thema zu vertiefen. Die Werkstatt steht nicht nur für Klassen der BBB offen, sondern für Schulen im ganzen Kanton.

«Empty Page»: Noch bis Freitag, 10. März; 11.30 bis 13.30 Uhr; nachher bis 12. Mai auf Voranmeldung; Berufsfachschule BBB, Wiesenstrasse 32, Baden.