Die Schoop-Gruppe in Baden-Dättwil konnte im August nur 30 ihrer 40 Lehrstellen besetzen. Das Problem bewog Adrian Schoop, Geschäftsleitungsmitglied des Bau- und Gartenbauunternehmens und FDP-Grossrat, seine Reihe von KMU-Anlässen mit einer Podiumsdiskussion zur Frage «Lehrlingsmangel – was tun?» fortzusetzen.

Der Einladung in die Werkhallen von Schoop folgten am Donnerstagabend rund 200 Gäste aus Wirtschaft und Politik.

Lehrlingsmangel – ein Phantom?

Staatsschreiberin Vincenza Trivigno verwies namens des Regierungsrats und bezugnehmend auf eine Interpellation Schoops auf 2020/21, wenn die Zahl der Schulabgänger wieder steigen wird. Der neue Lehrplan 21 kennt zudem das Fach Berufliche Orientierung. Es sei die gegenwärtige «Trockenperiode durchzustehen», so Trivigno. Auch Ruedi Nützi, Direktor der Hochschule für Wirtschaft FHNW, relativierte das Problem. Mit vielen unbesetzten Lehrstellen seien einzelne Branchen wie Bau (32 Prozent) und Gebäudetechnik (22 Prozent) konfrontiert.

Trotzdem, so Nützi, brauche die Berufslehre allen möglichen Support. Zum Beispiel gelte es, das gymnasiale Prestigedenken abzulegen. Drei seiner vier Kinder hätten eine Lehre gemacht, «und ein chinesischer Rektor fragte mich, was schiefgelaufen sei».

Das Imageproblem der Berufslehre kennt auch FDP-Nationalrat Thierry Burkart als Vorstandsmitglied des Aargauischen Gewerbeverbands und Verwaltungsrat einer Baufirma. «Dabei verdient ein Baumeister mit 35 bei uns bis 15 000 Franken, zudem macht die Technologisierung die Jobs spannender und weniger anstrengend». Jürg Zellweger vom Schweizerischen Arbeitgeberverband findet, man müsse die Berufe emotionaler vermarkten und «wie beim Sport mit Erfolgen verknüpfen».

Beteiligen und fördern

Statt höherer Lehrlingslöhne, wie sie Moderator und AZ-Ressortleiter Fabian Hägler vorschlug, wollten die jungen Leute im Lehrbetrieb lieber beteiligt und gefördert werden, so Ruedi Nützi. Personalentwicklung hat sich das Kantonsspital Baden auf die Fahne geschrieben. «Wir setzen uns dafür ein, dass unsere Lernenden bei uns eine gute Zeit haben», sagte Personalchefin Sabina Romagnolo. Dazu gehöre der Einbezug der Eltern. Sie selber habe ihrem Sohn von einer Polymech-Lehre abgeraten und dabei die Entwicklungschancen dieses Berufs verkannt.

Ist man mit 16 nicht zu jung, um sich für die richtige Lehre zu entscheiden? Auf die Publikumsfrage antwortete Thierry Burkart, mit den sich stark wandelnden Berufsbildern und der hohen Durchlässigkeit des Bildungssystems sei bei der falschen Wahl nichts verloren. Einen Fehlentscheid getroffen hatte ein Maturand, der vor versammelter Runde freimütig sagte: «Das Gymi ist nichts wert.» Er hätte gescheiter eine Lehre gemacht, doch dafür brauche es auch die umgekehrte Durchlässigkeit für Kanti-Abbrecher.

Praktika für Lehrpersonen

Den Notenschnitt für den Mittelschulzugang erhöhen? Unternehmen mit Lehrstellen Steuererleichterungen gewähren? Für solche Massnahmen mochte sich auf dem Podium niemand erwärmen. Anklang fand indes die von Trivigno als Potenzial bezeichnete Integrationsvorlehre für Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene.

Und als geradezu zwingend wird die Berufsorientierung in der Volksschule erachtet. «Der Lehrplan 21 muss gelebt werden», forderte Jürg Zellweger. «Lehrpersonen haben zum Teil keine Ahnung davon, was ein KMU ist», sekundierte Ruedi Nützi. Was Gastgeber Adrian Schoop zu einer Idee inspirierte, was gegen den Lehrlingsmangel zu tun ist: Lehrerinnen und Lehrern in seinen Werkhallen Praktikumsplätze anbieten.