Leitartikel
Fusion Baden-Turgi: Eine grosse Chance für die ganze Region

Am 13. Juni stimmen Baden und Turgi über die Ausarbeitung eines Fusionsvertrags ab. Warum ein Ja für den Grossraum Baden so wichtig ist.

Pirmin Kramer
Pirmin Kramer
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Blick auf die Gemeinde Turgi.

Blick auf die Gemeinde Turgi.

Bild: Sandra Ardizzone

In Baden fragen die Gegner einer Fusion mit Turgi: «Warum muss die Stadt wachsen? Warum können wir nicht so bleiben, wie wir sind?» Es gehe beim Zusammenschluss doch nur um Machtgelüste, um Grösse nur der Grösse willen.

Die Antwort ist simpel: Baden ist nur durch Fusionen zu der Stadt geworden, die sie ist. Und nur durch erneute Veränderung wird sie es schaffen, auch in Zukunft so lebenswert und attraktiv zu bleiben wie heute. Stillstand bedeutet auch für eine Stadt wie Baden: Rückschritt.

Am 13. Juni steht nicht nur für Baden und Turgi, sondern für die ganze Region viel auf dem Spiel. Abgestimmt wird offiziell nur über die Frage, ob die beiden Nachbarn einen Fusionsvertrag ausarbeiten sollen; bei einem beidseitigen Ja würde 2023 über die Fusion an sich entschieden.

Ein Ja könnte einen Domino-Effekt auslösen

In Tat und Wahrheit geht es in vier Wochen aber um viel mehr als die «Turgi-Frage». Denn Badenerinnen und Badener fällen gleichzeitig einen zukunftsweisenden Grundsatzentscheid. Soll sich die Stadt weiterentwickeln oder nicht? Soll das Bevölkerungswachstum, das unabhängig von einer Fusion eintreten wird, in den bisherigen engen Grenzen geschehen – oder macht eine Planung auch betreffend Infrastruktur über den Tellerrand hinaus Sinn?

Ein Ja am 13. Juni könnte einen Domino-Effekt auslösen. Der Weg für weitere Fusionen ist geebnet: Bereits seit mehr als einem Jahr sitzen Baden und Nachbargemeinden an einem runden Tisch zusammen. Eine Stadt mit 60'000 Einwohnern ist eine Option. Baden hat das Potenzial, eine der zehn bedeutendsten Metropolen der Schweiz zu werden.

Bei einem Badener Nein zu Turgi würde nicht nur dieses eine Zusammenschluss-Projekt Knall auf Fall beendet; das Nein würde wohl auch auf Jahre hinaus sämtliche Bemühungen für ein mit Nachbarn vereintes Baden und eine starke Region im Keim ersticken. Baden würde folgendes Signal senden: Wir kriegen kalte Füsse, wenn es ernst wird. Denn schon einmal, im Jahr 2010, stimmte Baden gegen eine Fusion, damals mit Neuenhof.

So schnell würde sich nach einem Nein zu Turgi keine Nachbargemeinde mehr auf Gespräche mit Baden einlassen. Vermutlich auch jene Gemeinden nicht, die auf dem Fusionswunschzettel vieler Badenerinnen und Badener noch etwas weiter oben stehen als Turgi, etwa Ennetbaden oder Wettingen. Die Wahrheit ist: Baden braucht die Nachbarn langfristig wohl fast mehr als umgekehrt.

Was wäre Baden ohne Dättwil und Rütihof?

Blick auf Dättwil mit seinem Industriegebiet (hinten).

Blick auf Dättwil mit seinem Industriegebiet (hinten).

Bild: Chris Iseli

Ein Blick zurück hilft, dies zu verstehen. In den 1960er-Jahren hat Baden Rütihof und Dättwil «eingemeindet», wie der aus heutiger Sicht unschöne Begriff damals lautete. Fast das gesamte spätere Wachstum von Baden erfolgte in diesen Stadtteilen. Dort entstanden das Kantonsspital, das Forschungszentrum der BBC, das Fussballstadion Esp, neue Wohnquartiere mit Schulen und Kindergärten. In Dättwil befinden sich zudem Sitz und Arbeitsplätze von diversen international tätigen Firmen, für die es im Zentrum keinen Platz hat und die auch für den Steuerertrag und somit die Standort- und Lebensqualität von Baden nicht mehr wegzudenken wären. Und nicht zu vergessen: Auch das Areal Galgenbuck, die letzte grosse Landreserve der Stadt, in der noch Wohnraum geschaffen werden kann, befindet sich im Ortsteil Dättwil.

Alle sind für ein Ja – bis auf die SVP Baden

Die einzige Badener Partei, die sich gegen die Ausarbeitung eines Fusionsvertrages mit Turgi ausspricht, ist die SVP. Mit folgendem Argument: «Wir lehnen Mega-Gemeinden aus föderalistischer und demokratischer Sicht ab.»

Zur Erinnerung: Die Bevölkerungszahl von Baden hat sich seit den 1950er-Jahren fast verdoppelt. Dies übrigens im Gegensatz zu Zürich, das damals mehr Einwohner hatte als jetzt. Heute käme es trotz dieses Wachstums niemandem in den Sinn zu behaupten, Baden sei eine Mega-Gemeinde, oder in Baden lebten viel zu viele Menschen. Baden hat es nach den Fusionen mit Dättwil und Rütihof geschafft, die lebenswerte Stadt zu bleiben, die sie schon vorher war. Oder vielleicht war es nur dank dieser Fusionen überhaupt möglich, so attraktiv zu bleiben.

Dass die Stadt Baden und die Region schon jetzt an einem Punkt angekommen sind, an dem es alleine nicht mehr geht, zeigt das Debakel um das Verkehrsprojekt Oase. Die Bewältigung des Verkehrs ist seit jeher eine der grössten Herausforderungen für Stadt und Region. Dies aufgrund der natürlichen Gegebenheiten: Baden liegt in einer Klus, ist also quasi ein enges Tal, wohin jeden Tag viele Menschen fahren wollen. Eine Umfahrung sollte das Problem lösen, schlug der Kanton vor. Dies nütze nur Baden, kritisierten die Nachbarn, die sich vehement wehrten; doch auch Baden war alles anderes als zufrieden.

Das zeigt: Die grössten Probleme für die Menschen in der Stadt und Region lassen sich nur gemeinsam lösen. Wenn sich unsere Region in Konflikte um Einzelinteressen verzettelt, stehen langfristig alle als Verlierer da. Wie in der Wirtschaft gilt es auch auf Gemeindeebene Potenziale zusammenzulegen und so gemeinsam stärker zu werden.

Auch die Fusion mit Turgi alleine betrachtet macht für Baden Sinn, umgekehrt ebenso. Warum? Weil beide mehr gewinnen als verlieren. Es ist eine ziemlich sichere Wette. Die wichtigsten Vorteile für ein Ja aus Sicht von Baden: Turgi bietet interessantes Entwicklungspotenzial für Bevölkerung, Wirtschaft, Kultur und Infrastruktur.

Bodenreserven in Baden knapp – in Turgi hat es noch Platz

Es könnte ein neuer Ortsteil mit einem breiten Wohnungsangebot und Platz für Unternehmen entstehen. Während die Bodenreserven in Baden knapp sind, gibt es in Turgi beispielsweise bei der Bezirksschule oder beim Bahnhof noch freie Flächen, auf der zum Beispiel auch Schulhäuser oder Kindergärten gebaut werden könnten. Baden würde einen weiteren Bahnhof erhalten. Und nicht zu vergessen: Turgi, 2002 mit dem Wakkerpreis des Heimatschutzes ausgezeichnet, wäre ein überaus schöner Ortsteil von Baden.

Die Liste mit den möglichen Nachteilen, die laut einem Grundlagenbericht für die Stadt Baden entstehen könnten, ist so unbedeutend, dass sie fast skurril tönt. Mit der freiwilligen Aufnahme von ehemaligen Ortsbürgerinnen und Ortsbürgern aus Turgi würde der Einfluss der heutigen Mitglieder etwas geringer. Bei den Werken wäre die Zusammenführung der Betriebe mit zusätzlichem Aufwand verbunden. Allenfalls könnten weniger Sitze im Stadtrat sowie im Einwohnerrat von Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern aus Baden besetzt werden, heisst es im Bericht weiter; doch wer stört sich daran, wenn ein Einwohnerrat in Rütihof oder eben Turgi wohnt?

Steuerfuss in Baden bleibt bei 92 Prozent

Auf die Finanzen der Stadt hätte die Fusion mit Turgi keinen spürbaren Einfluss. Die 3000-Einwohner-Gemeinde ist dafür schlicht zu klein. Der Steuerfuss in Baden, das hat Stadtammann Markus Schneider klar betont, kann und soll auch nach einer Fusion weiterhin bei 92 Prozent bleiben. Selbst wenn sich das Steuersubstrat in Turgi schlecht entwickeln würde, worauf derzeit wenig hindeutet, wäre das für die Finanzen von Baden (Einwohnerzahl: 19'500) nur ein Tropfen auf den heissen Stein.

In Turgi war die Fusion bisher fast unbestritten. Ein Turgemer Nein wäre eine faustdicke Überraschung. Rund 90 Prozent betrug der Ja-Anteil an der Gemeindeversammlung im Herbst, als über den Projektierungskredit für die Prüfung der Fusion abgestimmt wurde. Alle Ortsparteien empfehlen ein klares Ja. Turgi könnte durch einen deutlich tieferen Steuerfuss profitieren, dazu von den Ressourcen Badens, und viele wären stolz, Teil der Stadt sein zu dürfen.

Fünf Minuten Zugfahrt von Baden nach Turgi

Turgis Parteien betreiben derzeit vor allem Aussen- und weniger Innenpolitik: Ihr Fokus liegt darauf, Baden von einem Ja zu überzeugen. Betont werden die Gemeinsamkeiten – dazu gehören unter anderem die industrielle Vergangenheit und die grosse Kulturaffinität.

Der Bahnhof Turgi.

Der Bahnhof Turgi.

Bild: Carla Stampfli

Baden und Turgi seien nicht natürlich verbunden, sagen Kritiker. Im Gegensatz zu Rütihof, das keine gemeinsame Grenze mit Baden hat und eine Exklave bildet, sind Baden und Turgi direkte Nachbarn. Die Fahrt vom Bahnhof Baden nach Rütihof dauert mit dem Bus 20 Minuten. Die Fahrt mit dem Zug vom Bahnhof Baden nach Turgi dauert 5 Minuten, pro Stunde gibt es bis zu sechs Verbindungen. Viel besser verbunden können zwei Gemeinden nicht sein.

Weltoffenes Baden?

Aus rationaler Sicht müsste man somit ein Ja in die Urne legen. Und emotional? Badenerinnen und Badener betrachten sich als weltoffen, lebensfroh, dynamisch – wie das selbstverständlich auch viele Turgemerinnen und Turgemer für sich in Anspruch nehmen. Das liegt an der Nähe zu Zürich und auch daran, dass die Zahl der Arbeitsplätze in Baden (29'000) seit vielen Jahrzehnten höher ist als die Einwohnerzahl.

Täglich findet ein Austausch statt mit den vielen Expats, die ihren Wohnsitz aus Frankreich, England, Indien oder Deutschland hierhin verlegt haben. Im Gegensatz dazu stand 2010 das kleingeistige Nein zu Neuenhof, für viele in Baden bis heute ein unverdauter Schock. Damals wie dieses Jahr findet die Abstimmung am 13. Juni statt.

In vier Wochen bietet sich Badenerinnen und Badenern – und auch dem Turgemer Stimmvolk – die Chance, diese weltoffene Seite auch den direkten Nachbarn zu zeigen.