Spreitenbach

Leute kommen von Bern zu ihm in den Schrebergarten – wegen des Spanferkels

Den selbst gebauten Grill feuert Savo Bajić nur mit Buchenholz ein. Das hinterlasse keinen Geruch am Fleisch. Die Tiere kauft er von einem Familienbetrieb in Mellikon.

Den selbst gebauten Grill feuert Savo Bajić nur mit Buchenholz ein. Das hinterlasse keinen Geruch am Fleisch. Die Tiere kauft er von einem Familienbetrieb in Mellikon.

Savo Bajić wollte in der Schweiz nur Ferien machen. Jetzt verbringt er die Nachmittage in seinem Schrebergarten und grilliert Spanferkel, die sogar in Basel und Bern bekannt sind

Ob er wisse, wo Savo Bajić seinen Schrebergarten hat. «Nein, tut mir leid», sagt der ältere Mann, als er zum Ausgang der Familiengarten-Anlage Hardrütenen marschiert. Ob er wisse, wo der Mann, der immer Spanferkel grilliert, seinen Garten habe. «Ach so, den meinen Sie, gleich vorne links der dritte Garten.» In der Hardrütenen kennt praktisch jeder Gartenbesitzer Savo Bajić, auch, wenn sie sich dessen nicht bewusst sind. Bajić ist der Mann, der fast jedes Wochenende, manchmal auch wochentags, in seinem Schrebergarten Nummer 37 Spanferkel grilliert. Die Leute reisen sogar von Bern und Basel an, um das Fleisch bei ihm zu kaufen. Meistens lädt Bajić aber einfach Familie, Freunde und Bekannte von Freunden zum Essen ein. Holt sie alle an seinen langen Tisch im Gartenhaus. «Da kommen ganz verschiedene Nationalitäten zusammen», ob Bosnier, Kroate, Albaner, Serben, das spiele ihm keine Rolle. «Mir ist es gleich, woher die Leute kommen oder welche Religion sie haben, was zählt, ist der Charakter.»

An diesem Nachmittag bestellt er den Garten und sitzt später mit seiner 84-jährigen Mutter unter dem schattenspendenden Baum, der auf dem Stück Rasen vor dem Gartenhaus steht. Diese Nachmittage sind für ihn zu einem Ritual geworden. «Ich arbeite nachts, stehe mittags auf, mache mich fertig und gehe in den Garten.» Auf dem Weg hole er seine Mutter im Pflegeheim ab – «auch im Winter. Sie sitzt dann im Gartenhaus.» Es sei ihm lieber, wenn sie draussen ist. Während des Besuchs an jenem Nachmittag beobachtet sie zeitvergessen das Geschehen.

Während Bajić Gläser und Mineralwasser holt, erzählt er vom Grillieren: «Wer ein Spanferkel bei mir bestellt, hat meine Handynummer von einem Freund bekommen.» Eine Website oder E-Mail-Adresse hat er nicht. Die Leute bezahlen ihm das Fleisch, das Holz und ein bisschen was für seinen Aufwand. Grillieren ist für ihn kein Geschäft. «Ich habe das schon als kleiner Junge gerne gemacht», sagt er. Sein Vater brachte es ihm bei, als die Familie noch auf dem eigenen Bauernhof in der Nähe der Stadt Sanski Most im Nordwesten von Bosnien lebte. Hier, im Garten Nummer 37, werden diese Erinnerung an den Hof und seine Kindheit sogar für Aussenstehende beinahe greifbar. Dabei ist Bajić alles andere als ein Nostalgiker. Viel eher gleicht er dem Typ: hemdsärmeliger Kerl, einer, der zupackt und bei Entscheidungen nicht lange hadert. Wie damals, als er vom Militärdienst in Bosnien genug hatte und seinen Posten als Offizier kündigte. «Danach wollte ich Ferien machen und weil ich Berge mag, kam ich in die Schweiz.» Aus den geplanten zwei Monaten wurde ein Arbeitsjahr auf einem Bauernhof im Solothurnischen, dann kam er nach Spreitenbach und arbeitete im Bergdietiker Restaurant Herrenberg.

Bereut hat der 56-jährige Bajić seine Entscheidungen nie, wenn ihm etwas nicht mehr passte, zog er einen Schlussstrich – auch später beim Chauffeur-Job für ein Spreitenbacher Blumengeschäft. Nachts holte er mit dem Lastwagen die Blumen in Amsterdam ab. «Doch der Job wurde wegen den EU-Richtlinien und den ganzen Auflagen immer mühsamer und machte mir keinen Spass mehr, also suchte ich etwas Neues.» Nun arbeitet er seit über drei Jahren im Terminal E am Flughafen Zürich. Er reinigt nachts die Böden. «Die Reinigungsmaschine ist fast so gross wie ein Auto», sagt er stolz. Die Arbeit gefalle ihm. Bis 23 Uhr seien noch Passagiere da, «danach gehört der Terminal bis fünf Uhr früh mir.»

Auch wenn er seinen Job gerne macht, seine Leidenschaft gehört dem Garten und seinem Grill. Bajić nickt mit dem Kopf in Richtung des Häuschens. «Das habe ich zu Hause in meiner Wohnung gezeichnet und mit ein paar Freunden an einem Wochenende gebaut. Auch den Grill habe er selber konstruiert und gebaut. Das Gemüse im Garten hegt und pflegt er selber. «Meine Frau darf hier im Liegestuhl die Sonne geniessen oder beim Kochen helfen», sagt er und lacht; zu Hause sei es umgekehrt. Garten Nummer 37 ist sein Revier, sein Refugium. Doch es endet nicht einfach am Gartenhag: «Savo kümmert sich mehr um die Anlage, als er müsste und wenn man Hilfe braucht, ist er immer da», sagt Eric Stutz, Präsident des Familiengartenvereins. Ein offener und hilfsbereiter Mann sei er und biete immer etwas zu Trinken an.

Manchmal werde es auch zuviel, gesteht Bajić. «Meine beiden Söhne haben mir schon mehrmals gesagt, ich müsse aufhören, so viel zu arbeiten und auch mal leben», und die Sorge der Söhne scheint in seiner Stimme mitzuschwingen.

Ein Haus aufgebaut hatte er in den Jahren vor dem Krieg auch in Bosnien in der Nähe des väterlichen Hofes. Doch dann kam 1992 der Krieg. Bajić und seine Familie konnten nie im Haus übernachten. Die Familie besuchte die Heimat erst wieder, als der Krieg vorbei war. «Das Haus wurde nicht zerstört», erzählt Bajić. «Fremde Leute nahmen sich einfach, was sie brauchten, um ihr eigenes Haus wieder aufzubauen.» Türen, Fenster, Dachrinnen, das Haus wurde wie ein Auto ausgeschlachtet. «In der Gegend des Hofes gibt es fast nur noch solche Häuser wie meines.» Weil niemand mehr die Infrastruktur mit Strom und Wasser aufgebaut habe, seien auch die Familien nicht mehr zurückgekehrt. Seine Heimat hat sich in ein Geisterdorf verwandelt.

Auch wenn Bajić für manche Spreitenbacher zu einem Dorforiginal geworden ist, sagt er von sich: «Ich bin Ausländer und werde es immer bleiben.» In ein paar Jahren will er mit seiner Frau nach Novi Sad in Serbien ziehen und auf einem Stück Land ein neues Haus aufbauen. «Mein Bruder lebt bereits dort.» Bis es soweit ist, bleibt Garten Nummer 37 seine zweite Heimat. Und jetzt da die kalten Monate folgen, wird er genug Arbeit mit den Spanferkeln haben. Die seien, so sagt er, im Winter gefragter. «Im Sommer grillieren die Leute selber». Doch wenn es wieder kalt ist, dann lädt Bajić Familie und Freunde in sein geheiztes Gartenhaus ein und tischt ihnen goldbraun gebratenes Spanferkel mit Brot und selbstangebautes Gemüse auf.

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