Linah Rocio
Badener Sängerin leiht ihre Stimme jetzt Videogames – dies gibt ihrer Karriere einen grossen Schub

Der Musik und der Liebe wegen ist Linah Rocio von Baden nach London gezogen. Nun rückt ihr Kindheitstraum – die Schauspielerei – einen grossen Schritt näher.

Rahel Künzler
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Ein Videoentwickler ist begeister von Linah Rocios schamanischer Stimme.

Ein Videoentwickler ist begeister von Linah Rocios schamanischer Stimme.

Caroline Stäger

«Hey Linah, du bist jetzt ein Star! Dein Videospiel wurde für einen Bafta nominiert!» Als Linah Rocio die Sprachnachricht von ihrem Agenten hörte, schrie sie laut in den Wald – vor Freude und noch viel mehr vor Überraschung. Die British Academy for Film und Televison Arts (Bafta) hatte das Videospiel «The Falconeer», in dem sie eine grosse Sprechrolle ergattert hatte, gerade für einen Award in der Kategorie Debut-Spiel nominiert. Die Preisverleihung findet heute Abend zum zweiten Mal online statt.

Die Bafta vergibt jährlich die bedeutendsten nationalen Film- und Fernsehpreise – das britische Pendent zu den Oscars. Seit 2004 zeichnen die Bafta Video Games Awards auch die kreativen Köpfe hinter Computerspielen aus. Mit der Nomination hatte die Badener Sängerin, die gerade mit Freunden einen Lagerfeuerabend an einem See bei Bristol verbrachte, nicht im Geringsten gerechnet.

Nach der ersten Euphorie versicherten ihr der Agent und ein Schauspiel-Freund, dass die Auszeichnung in der Gaming- und Filmbranche ein hohes Ansehen geniesse und ein Türöffner für weitere Sprechrollen in Videospielen, ja sogar Schauspielrollen sei. «Das ist unglaublich – und extrem lustig, wenn ich mir überlege, wie es dazu gekommen ist», sagt Linah Rocio im Videointerview.

Notnagel bringt gutes Geld

Charakteren in Videospielen ihre Stimme zu leihen – im Englischen Voice acting genannt –, diese Idee kam der Sängerin aus der Not. Im März vor einem Jahr arbeitete sie noch hart an ihrer Musikkarriere in London. Nach einem vom Aargauer Kuratorium finanzierten Atelieraufenthalt in der englischen Hauptstadt hatte sich sie im Oktober 2019 entschieden, nach London zurückzukehren – der Musik und der Liebe wegen.

Auch wenn sich der Badenerin mit chilenischen Wurzeln in der Musikmetropole mehr Möglichkeiten für Auftritte boten, sei London ein hartes Pflaster für aufstrebende Musikerinnen. Um die teure Miete ihres Ein-Zimmer-Appartements zu zahlen, arbeitete sie in einem Restaurant – für acht Pfund in der Stunde. Als im ersten Lockdown alle Pubs und Restaurants schliessen mussten, plagten die 43-Jährige Panikattacken und Existenzängste. Auf Facebook stolperte sie über die Anzeige einer Kreativagentur, die nach einer Voice-acting-Künstlerin suchte. Die Bewerbung war ein Volltreffer.

Mit selbst aufgezeichneten Tonaufnahmen nahm die Musikerin an unzähligen Auditions für Sprechrollen in Videogames teil – ein wachsender Markt auch während der Pandemie. Eine besondere Herausforderung sei, die verschiedenen Englischakzente richtig wiederzugeben. Hingegen käme ihr die Erfahrung im Umgang mit dem Mikrofon zugute. Durch verschiedene Stimmlagen und Variation in der Lautstärke haucht sie den Videospiel-Charakteren Leben ein.

Coronafrust im Demotape rausgelassen

Dass ihre zweite grosse Sprechrolle ausgerechnet diejenige in «The Falconeer» ist, hätte weder sie noch ihr Agent erwartet. Das für diese Rolle verlangte Oxford Englisch sei besonders anspruchsvoll. Akzent hin oder her: In die Tonaufnahmen für die Rolle einer fiesen Spionin hätte sie alle Wut und Frust über die Pandemie gepackt. Während der Agent meinte, «that's too much» , war der Videospiel-Entwickler begeistert. Er mochte ihre emotionsgeladene, schamanische Stimme so sehr, dass er sie auch gleich für den Trailer-Gesang buchte.

«Ich hatte Glück, mit dem Voice-acting in kurzer Zeit viel Geld zu verdienen», sagt Linah Rocio. Vielmehr hätte sie in der neuen Kunstform auch einen tollen Ausgleich zur Musik entdeckt. Dank der Bafta-Nomination steigen nun auch ihre Chancen für kleinere Filmrollen. Damit würde sich für die 43-Jährige ein Kindheitstraum erfüllen: «Ich wollte schon immer Schauspielerin werden, aber ich habe mich nicht getraut – und darum auf die Musik gesetzt.» Es sei jedoch nie zu spät, seine Träume zu leben, findet Linah Rocio.

Der Trailergesang von Linah Rocio entstand spontan bei den Studioaufnahmen in London.

Youtube/Xbox