Eine Mutter staunte nicht schlecht, als sie mit ihrer 4½-jährigen Tochter Kathy (Name der Redaktion bekannt) eine Logopädin der Schule Baden aufsuchte. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass sie von einer Deutschen Logopädin begrüsst wird, was zur Folge hatte, dass sie ihrer kleinen Tochter vieles habe übersetzen müssen, so die Mutter gegenüber dieser Zeitung. Noch viel mehr irritierte sie aber der Umstand, dass die Logopädin gar nicht wusste, dass an Schweizer Kindergärten kein Hochdeutsch, sondern Schweizerdeutsch gesprochen wird. Zu diesem Erstaunen gesellte sich zum Abschluss der Visite dann noch Frust. Der Grund: Bis ihre Tochter die Logopädin wieder aufsuchen kann, dauert es über ein Jahr – nächster freier Termin Mai 2017.

Stellt sich die Frage, ob die Logopäden an der Volksschule Baden am Anschlag laufen und ob ein Jahr nicht eine gar lange Wartezeit ist. Wohl so manche Eltern machen sich in einem solchen Fall Sorgen, das sei eine zu lange Zeitspanne, um die Sprachdefizite ihrer Sprösslinge mit einer Therapie anzugehen.

Nicht die Eltern melden Kinder an

Auf Stufe Kindergarten und Primarschule sind an der Volksschule Baden insgesamt sechs Logopädinnen und Logopäden angestellt. Für jeden der sechs Schulstandorte ist eine Logopädin zuständig, wobei sie jeweils von einer zweiten unterstützt wird. Dabei schreibt der Kanton vor, wie viele Logopädielektionen (45 Minuten) jeder Schule zustehen. Das Kontingent beträgt für den ganzen Kanton sechs Lektionen pro hundert Schüler pro Woche. Beim derzeitigen Schülertotal in Baden (Kindergarten und Primar) von 1340 ergibt das 80 Lektionen. «Wie wir diese über die sechs Schulstandorte aufteilen, ist dabei uns überlassen», erklärt Lisa Lehner, Schulleiterin in Rütihof und zuständig für den Bereich Logopädie an der Volksschule Baden. Reichen denn die 80 Lektionen, um die Nachfrage an Logopädie-Therapien abzudecken? «Im Rahmen der kantonalen Sparmassnahmen wurden auch diese Lektionen gekürzt. Doch schon früher gab es Wartelisten», sagt Lisa Bellucci, eine der sechs Badener Logopädinnen. Doch die Wartelisten seien nicht nur schlecht. «So kann ich gewährleisten, dass meine Lektionen auch immer gefüllt sind», so Bellucci. Aber selbstverständlich würde sie alles daransetzen, dass ein Kind in dringenden Fällen so schnell wie möglich die Therapie besuchen könne.

Doch wer entscheidet überhaupt, wann ein Kind in die Logopädie muss? «Direktanmeldungen von Eltern sind relativ selten», sagt Lisa Lehner. Vielmehr mache man im «grossen Kindergarten» Reihenabklärungen, um früh genug zu erkennen, wo Handlungsbedarf besteht. «Spätestens in der 1. Klasse findet dann eine Kontrolle statt.» Es gebe Fälle, wo man mit einer Therapie bewusst zuwarte. «Beim Lispeln etwa warten wir bis zur 2. Klasse, weil das Lispeln oft aus den Zahnwechseln resultiert und sich später von alleine wieder einstellt», erklärt Bellucci.

In der Regel würden Schüler die Therapie einmal in der Woche besuchen; teilweise würden auch Halblektionen reichen. «Die Zusammenarbeit mit den Eltern ist dabei enorm wichtig.» Wenn zu Hause nicht fleissig geübt werde, nütze alles Therapieren nichts, so Bellucci. Und gerade während der Wartezeit könnten Eltern, nach erfolgter Beratung, schon sehr viel erreichen mit ihren Kindern. Im Schnitt dauert eine Therapie rund ein Jahr. «Auch wenn neue Kinder auf einen Platz warten, kann ich eine laufende Therapie nicht einfach unterbrechen, weil sonst die ganze bisherige Arbeit umsonst gewesen wäre.»

Fremdsprachigkeit als Knacknuss

Seit knapp 30 Jahren arbeitet Bellucci schon als Logopädin an Schulen. Ihre Arbeit habe sich in diesen Jahren stark verändert. «Der Druck seitens Eltern und Lehrer nimmt zu.» Auch werde der Aufwand immer grösser, weil man als Logopädin mit vielen anderen Bereichen wie etwa der schulischen Heilpädagogik vernetzt sei. «Für die Kinder ist das natürlich sehr gut, weil so Probleme früher erkannt werden können», so Lehner. Eine grosse Herausforderung sei auch die zunehmende Fremdsprachigkeit. «So stehen wir oft vor der Frage: Hat das Kind jetzt wirklich ein Sprachentwicklungsdefizit oder liegt es daran, dass es nicht gut Deutsch kann?» In solchen Fällen müsse man auf Dolmetscher zurückgreifen. Grundsätzlich stellt Bellucci fest, dass Eltern – wie in vielen anderen Bereichen der Schule auch – immer mehr an die Schule beziehungsweise die Lehrer abgeben. «Und ich stelle auch fest, dass heute in vielen Haushalten weniger gesprochen wird als früher, was sich in Sprachdefiziten äussert.»

Zurück zur langen Warteliste: «Dass ein Kind in bestimmten Fällen bis zu einem Jahr warten muss, ehe es einen Platz erhält, kann vorkommen», sagt Bellucci. Aber das sei nur bei Kindern der Fall, «wo wir davon ausgehen können, dass wir nichts verpassen». Und wie verhält es sich mit der deutschen Logopädin? «Es ist nicht einfach, gut ausgebildete Logopäden zu finden», betont Lehner. Man lege grossen Wert darauf, nur gute Fachpersonen anzustellen. Deshalb würden in Baden auch deutsche Logopäden arbeiten. «Für den Therapieerfolg spielt es aber keine Rolle, ob ein Logopäde Schweizer- oder Hochdeutsch spricht», präzisiert Lehner. Denn ob ein Kind zum Beispiel ein Adverb an den falschen Ort im Satz platziert, stelle der Logopäde so oder so fest. «Und: Schweizer und deutsche Kindergärtler oder Primarschüler können sich ja auch verständigen und wechseln beim Spielen nicht selten ins Standard-Deutsche», sagt Lehner. «Sollte sich die Therapie mit einer Deutschen Logopädin tatsächlich als schwierig erweisen, hat man immer noch eine Ausweichmöglichkeit, weil an jeder Schule zwei Logopäden zuständig sind», betont Lehner.