Onkel José
Londoner Königsherrenschneider aus Baden

Amy Bollag*
Amy Bollag*
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Nie vergass Onkel José, der nach London ausgewandert war, seine Heimat Baden.

Nie vergass Onkel José, der nach London ausgewandert war, seine Heimat Baden.

Amy Bollag

Dass Baden, unser kleines Städtchen, berühmte Söhne hat und hatte, weiss sogar jeder Zürcher. Aber, dass einst mein Grossonkel der König der Londoner Massschneider war und an der weltberühmten Savile Row residierte, hat man schon längst vergessen. Mister Guggy, mit bürgerlichem Namen José Guggenheim war der Bruder meiner liebenswerten Grossmutter. Er wurde in Baden geboren und ist auch dort aufgewachsen. Er absolvierte in Zürich eine Lehre als Herrenschneider, arbeitete danach in Frankfurt am Main und wanderte als junger Mann, um die vorletzte Jahrhundertwende herum, nach London, dem grossen Herrenmodezentrum, aus.

Dort arbeitete er acht Jahre als Zuschneider. Er war ein äusserst tüchtiger und begabter Fachmann, so, dass er im Jahre 1909 ein eigenes Geschäft erwerben konnte. Nicht irgendein Geschäft, sondern eine im Jahre 1835 gegründete Massschneiderei, die altehrwürdige Firma Carr Son und Landon, ein weltbekanntes Schneideratelier, das z. B. den Deutschen Kaiser, Grafen, Barone, Minister und weitere Honoratioren zu seinen Kunden zählte.

Onkel José war ein grosser, eleganter, blonder Mann mit Schnurrbart, immer mit Pfeife, ein echter Bilderbuch-Engländer. Kam er in die Schweiz, war er immer von seinem englischen Adlatus, der nicht nur sein Butler, sondern auch Schneider war, begleitet. Er trat wie ein Lord auf. Wenn er in der Schweiz weilte und die hohen Herren ihre Anzüge in Auftrag gaben, residierte er immer in den feinsten Hotels. Hier wurde nur Mass genommen, verarbeitet wurde alles in London. Nie vergass er sein heimatliches Baden, immer besuchte er seine Familie. Für uns Kinder war er schlechthin eine Sensation. Trotz seinen vielen Verpflichtungen und Verbindungen überging er uns Kleine nie, wir wurden mit vielen Tafeln feiner Lindt- Schokolade beglückt. Über unser Leben, die Schule und die Gesundheit, über alles wollte er genau Bescheid wissen.

Die Zeit verging, regelmässig erschien Onkel José, der berühmte Schneider, im Städtchen. Inzwischen hatten wir auch mitbekommen, dass er nicht verheiratet war, immer eine Freundin hatte, die ihn aber selten ins Ausland begleitete. Sein Ledigsein hatte eine grossartige Nebenwirkung. Mit seinen regelmässigen Verwandtenbesuchen hielt er die Familie beieinander. Wir begegneten uns bei diesen Gelegenheiten und kamen einander näher. José wünschte, dass ich nach seinem Tod diese Verwandten-Nähe weiterführen solle, aber ich wusste schon damals, dass Guggy nicht zu ersetzen war.

Für mich hatte unser Mister Guggy noch ein zweites hervorragendes Talent, er war ein sehr begabter Zeichner. Dass sein Grossneffe, also ich, seit frühester Jugend zeichnete und malte, war für ihn eine Dauerfreude. Dadurch kamen wir uns noch näher und er gestand mir einmal, dass er zwar ein erfolgreicher Modekünstler sei, dass er aber ganz gerne Kunstmaler geworden wäre.

Sogar im hohen Alter von 90 Jahren kam er noch mit seinem Butler in die Schweiz, um seine Kunden zu besuchen, die schon die zweite Generation darstellten. Sie mochten ihn einfach nicht missen. Wir hatten immer viel über Gott und die Welt zu reden, ich kannte seine Weltanschauung, er glaubte nur, was er sah. Deswegen hatten wir immer Diskussionen über das zukünftige Leben. Er wolle sich später verbrennen lassen und irgendwo in London beerdigt werden. Immer wieder bat ich ihn, sich nach seinem Hinscheiden doch unverbrannt in Baden begraben zu lassen. Gerne hätte ich meines illustren Vorfahrens Grab in Baden besucht, Onkel José lachte nur darüber und ich insistierte nicht und sprach auch nicht mehr darüber.

Kurze Zeit danach starb Onkel José und ich war doppelt traurig, sein Tod betrübte mich und das Bewusstsein, dass mit ihm der Letzte einer ganzen Generation verschwunden war.

Doch ein Wunder geschah, er hat mir doch noch meinen Wunsch erfüllt, noch heute kann ich sein Grab auf dem Badener Liebenfelsfriedhof besuchen, und alle können stolz auf unseren berühmten englischen Bademer sein.

*Amy Bollag ist 1924 in Baden geboren. Er schreibt regelmässig über seine Erinnerungen an das Leben in der Stadt.