«Mein Vertrauen in das politische Baden hat seit einem halben Jahr enorm gelitten», erklärt Reto Huber (46) in seinem Rücktrittsschreiben als Einwohnerrat. Er wird noch deutlicher: «Wenn ich von anderen klare Schritte und Verhältnisse fordere, so gilt dies auch für mich.» Konsequenterweise verlasse er den Einwohnerrat und die Strategiekommission. Auffällig: Nach Hannes Streif und Serge Demuth verlässt nun innert kurzer Zeit wieder ein profiliertes Mitglied den Einwohnerrat.

Reto Huber geht es um Missstände, die seit rund einem Jahr bei der Führung der Stadt herrschen würden. Er habe sich keineswegs wegen dessen Affäre auf Stadtammann Geri Müller eingeschossen, will Huber klargestellt haben. Bereits vor «Gerigate» hat Reto Huber mit einer Motion zur Überprüfung der Produkte (10. Juni 2014) und mit einer Anfrage betreffend Verwaltungsführung und Stadtratsorganisation (9. Juli 2014) darauf hingewiesen, dass «bei der Stadt einiges schiefläuft». Seine Frustration habe umso stärker zugenommen, weil er nichts bewegen konnte. Als Unternehmer könne er dies nicht nachvollziehen, das mache für ihn das politische Baden unglaubwürdig, so Huber.

Rücktritts-Debatte: Am Dienstag für dringlich erklärt, liess der Einwohnerrat die Debatte dennoch links liegen. Initiant Reto Huber will nicht aufgeben.

Das war Ende März 2015: Nach Reto Hubers Rücktrittsforderung an den Gesamtstadtrat liess der Einwohnerrat die Debatte links liegen. Initiant Reto Huber wollte dennoch nicht aufgeben

Es gehe also keineswegs um die dringliche Anfrage betreffend eines Gesamtrücktrittes des Stadtrates, die dieser kürzlich abschlägig beantwortet hat. Laut Huber hat der Stadtrat damit selber seine ausweglose Situation dargestellt, die er seit Bekanntwerden der Affäre nur mit einem Gesamtrücktritt hätte lösen können.

Kritik hinter vorgehaltener Hand

Reto Huber hat als ehemaliger Präsident der Strategiekommission sowie als Fraktionschef der CVP die Sache stets beim Namen genannt und tut dies auch jetzt: «Fakt ist, dass überall geschwiegen wird», sagt Huber. Hinter vorgehaltener Hand werde in der Verwaltung und in den Parteien, auch in den Linksparteien, vieles kritisiert, nach aussen aber verschwiegen. «Diese zwei Ebenen hat es vorher in Baden nicht gegeben, nun sind sie leider die politische Realität», kommentiert Huber.

Er habe viele persönliche Gespräche geführt, mit Politikern jeglicher Parteicouleur und mit Mitarbeitenden aller Verwaltungsebenen, sagt Huber. Dabei habe er einiges mitanhören müssen. «Mit grosser Ernüchterung musste ich jedoch feststellen, dass die schwierige Situation um Geri Müller nun von vielen Personen einfach hingenommen wird», fügt Reto Huber an. Dass überall geschwiegen werde, sei nicht nur unehrlich, sondern auch verantwortungslos der Stadt Baden gegenüber: «Und ich ertrage dieses Schweigen nicht mehr.»

Darum will CVP-Fraktionspräsident Reto Huber einen Gesamt-Rücktritt des Stadtrates.

Darum will CVP-Fraktionspräsident Reto Huber einen Gesamt-Rücktritt des Stadtrates (25. März 2015)

Er habe mit Erstaunen festgestellt, dass nun viele Politiker nur noch machtpolitisch an die Gesamterneuerungswahlen im Herbst 2017 denken, anstatt das jetzige Problem lösen zu wollen. «Das ist unehrliche Politik und schon gar nicht zum Wohle von Baden», fügt Huber unmissverständlich an. Weil Politik für ihn ein intensives Hobby bedeute, sei ihm die hierfür eingesetzte Freizeit unter den jetzigen Umständen zu schade geworden. «Ich sehe keinen Erfolg meines Engagements und habe damit jegliche Lust und Freude verloren», kommentiert Huber seinen Gefühlszustand.

Reto Huber ist Mitglied der CVP und gehörte zehn Jahre dem Einwohnerrat und mehreren Begleitkommissionen an. Zwölf Jahre war er in der Strategiekommission und präsidierte diese vor einigen Jahren. Elf Jahre war er im Koordinationsgremium Verkehr Baden-Kanton. Er habe es als Privileg empfunden, sich für Baden engagieren zu können. Als es bei der CVP um die Stadtratsnachfolge und um die Nachfolge von Stephan Attiger ging, wurde Reto Huber als aussichtsreicher Kandidat genannt. Aufgrund der persönlichen Belastung als Unternehmer und Familienvater hatte Huber jedoch frühzeitig verzichtet.