Wettingen

«Luxus wie Eis in warmen Übergangs-Jahreszeiten lehne ich kategorisch ab»

Leo Scherer an einem kalten Februartag am Rande des Eislauffeldes im Tägi Wettingen.

Leo Scherer an einem kalten Februartag am Rande des Eislauffeldes im Tägi Wettingen.

Einwohnerrat Leo Scherer wehrt sich aus ökologischen Gründen gegen Kunsteis im Tägi. Das Bedürfnis nach Eiskunstlauf und Eishockey sei nicht so gross.

Herr Leo Scherer, 594'000 Franken bewilligt der Wettinger Einwohnerrat, um das Projekt Tägi zu überarbeiten. Sie lehnten den Kredit ab, weil nicht grundsätzlich über Eis diskutiert wurde. Was genau verlangen Sie für eine Diskussion?

Leo Scherer: Das Tägi mit den Eisfeldern wurde in den 1960er-Jahren gebaut, als man noch glaubte, Erdöl und Strom sei bis in alle Ewigkeit unbegrenzt verfügbar. Heute wissen wir: Unsere Erdölverschwendung ist eine Hauptursache des Klimawandels. Nicht erneuerbare Energie und Strom werden knapp. Ausgelöst durch die schreckliche Atomkraftwerk-Katastrophe in Fukushima haben Bundesrat und Parlament den Atom-Ausstieg beschlossen. Das bedeutet für mich: Wenn im Tägi weiterhin Eis angeboten werden soll, dann muss die Energie, die dafür nötig ist, hundert Prozent aus erneuerbaren Quellen vor Ort oder aus der unmittelbaren Nähe gewonnen werden. Einen Luxus wie Eis in warmen Übergangs-Jahreszeiten mit Dreckstrom zu machen, lehne ich kategorisch ab.

Was verstehen Sie unter Dreckstrom?

Unter Dreckstrom verstehe ich jeden Strom, der mit nichterneuerbaren Quellen wie Uran aus Atomkraftwerken oder Fossilkraftwerke mit Kohle, Erdöl und Erdgas gemacht wird. Hier im Axpo-Gebiet kommt laut der Schweizerischen Energiestiftung SES 65 Prozent des Stroms aus Atomkraftwerken. Der Axpo-Strom hat im Öko-Vergleich, den die SES im Juli 2012 veröffentlichte, am meisten Umweltbelastungspunkte. Bewertet wurden Atommüll- und CO2-Verursachung sowie Wasser- und Landverbrauch über die ganze Produktions- und Verteilkette.

Das heisst, dass in unserem Klima die Zeit, in der Eissport getrieben werden kann, sehr beschränkt ist?

Meine umweltpolitischen Bedingungen für Eis im Tägi sind: Erstens: Eis im Aussenbereich gibt es erst bei Aussen-Temperaturen unter 2 bis 3 Grad, also normalerweise nur von Mitte Dezember bis Ende Februar. Zweitens: Die Energie dafür muss 100 Prozent erneuerbar sein. Drittens: Eis gibt es nur so lange und so viel, wie es die erneuerbare Energie erlaubt, die im Tägi übers Jahr produziert werden kann. Viertens: Falls eine Eishalle gebaut wird, kann das Eisangebot früher im Herbst starten und länger bis in den Frühling dauern, falls die Halle energetisch top ist und es die im Tägi gewonnene erneuerbare Energie erlaubt.

Sie verlangen also ein reduziertes Projekt?

Der Tägi-Projektierungskredit ist beim Volk durchgefallen, weil das Projekt überrissen war: Eisangebot von Mitte August bis Anfang Mai, überdimensionierte Eishalle, Aussen-Warmschwimmbecken. Abspecken bedeutet in erster Linie, das Eisangebot zeitlich reduzieren. Dann fällt das Aussen-Warmschwimmbecken von selbst weg, weil es gar nicht mehr so viel Abwärme von der Eisaufbereitung gibt.

Sie schlugen einen Eisweiher vor, kann das eine Alternative sein?

Natur-Eis, das in den Kälteperioden von selbst entsteht, ist das umweltfreundlichste Eisangebot. Ein Eisweiher wäre eine Möglichkeit. Eine andere wäre, dass die Feuerwehr einen Schotterplatz spritzt, wenn die Temperatur unter null Grad sinkt. Der Energie-Aufwand dafür wäre praktisch bei null. Für alle, die nur aus Plausch Schlittschuh fahren, wäre das sehr wohl eine Alternative. Sie könnten sich sicher damit abfinden, dass es nur wenige Tage - wie es eben die Natur und der Wetterverlauf ermöglichen – Eis gibt. Ich glaube nicht, dass eine Mehrheit der Wettinger Bevölkerung von Mitte August bis Anfang Mai das Bedürfnis nach Eis und Schlittschuhlaufen hat. Eine Seegfrörni am Hallwiler- oder Zürichsee gibt es ja auch nur alle 50 bis 100 Jahre. Und doch kam bisher niemand auf die Idee, dass diese Seen mithilfe von Technik und Energie heruntergekühlt und so der Natur nachgeholfen werden sollte.

Einwohnerrat Leo Scherer zum Wettinger Tägi

Einwohnerrat Leo Scherer zum Wettinger Tägi

Was schlagen Sie Leuten vor, die Eiskunstlauf oder den Eishockeysport betreiben?

Zunächst muss doch mal klargestellt werden: Die Eisfelder im Tägi wurden nicht gebaut, weil es bereits ein Riesen-Bedürfnis nach Eiskunstlauf und Eishockey gab. Es war umgekehrt: Weil die Eisfelder gebaut worden sind, ist der Einshockeysport und der Eiskunstlauf erst aufgekommen und zu einem – allerdings sehr minderheitlichen – Bedürfnis geworden. Es ist meines Erachtens nicht eine Kernaufgabe der Gemeinde, jedes noch so minderheitliche Bedürfnis nach Sportanlagen zu exorbitant hohe Kosten mit Steuergeldern zu finanzieren. Bisher habe ich nichts gehört, dass die Eiskunstlauf- und Eishockey-Interessierten selber einen finanziellen Beitrag an die Investition in neue Eisfelder bzw. in eine Eishalle leisten wollen.

Ist Wettingen mit den Eissportlern zu grosszügig?

Der Tägi-Projektierungskredit ist beim Volk nicht zuletzt auch darum durchgefallen, weil dieses Projekt praktisch die gesamten frei verfügbaren Steuermittel aufgefressen hätte. Es gibt aber noch einige andere Bedürfnisse – sei es seitens anderer Sportarten, seien es Alters- und Pflegewohnungen sowie Schulbauten. Ich habe grosses Verständnis, wenn sich diese Interessengruppen sagen: Die freien Steuermittel dürfen nicht ausschliesslich in das Eisangebot im Tägi investiert werden, für uns muss auch noch etwas übrig bleiben.

Wie viel darf Wettingen maximal in eine Eisportanlage investieren?

Das kann ich nicht allein sagen. Um das herauszufinden, müsste der Gemeinderat erst mal mit seiner Finanzplanung aufzeigen, wie viele frei verfügbare Finanzmittel uns in den nächsten Jahren überhaupt zur Verfügung stehen. Auf dieser Grundlage müsste dann mit allen Anspruchsgruppen - also den andern Sportvereinen, den Schulen, der Gruppe der alten Menschen und auch mit Jugendgruppen und Kulturinteressierten – eine ausführliche demokratische Debatte über die Verteilung dieser Mittel geführt werden. Diese politisch enorm wichtige Verteilungsfrage wurde bisher überhaupt nicht diskutiert, obwohl ich mit einem Vorstoss im Einwohnerrat dazu einen Anstoss gab.

Unter welchen Voraussetzungen könnten Sie einer Eissportanlage im Tägi zustimmen?

Erstens: Eine Eissportanlage im Tägi darf nicht praktisch die gesamten freien Steuermittel auffressen, sondern muss drastisch abgespeckt und finanziell wesentlich günstiger werden.Zweitens: Das Eisangebot muss zeitlich auf ein vernünftiges Mass reduziert werden, nach dem Grundsatz: Aussen-Eis darf es erst geben, wenn es im Winter draussen genügend kalt ist. Und nur so lange, wie es kalt bleibt. Drittens: Die Energie für künstliches Eis muss über Jahr aus erneuerbaren Quellen vor Ort und in nächster Nähe gewonnen werden. Eis gibt es nur so lange und so viel, wie die gewonnene erneuerbare Energie es erlaubt.

Könnten Sie einer Eishalle mit Eisbetrieb auch im Sommer zustimmen, wenn das Eis mit erneuerbaren Energien produziert würde?

Grundsätzlich schon. Aber nur, wenn Architekt und Energiefachleute das Kunststück fertigbringen, die Halle energetisch so zu optimieren, dass am Schluss die Bilanz der erneuerbaren Energie wirklich stimmt. Und wenn die Anlagen zur Gewinnung der erneuerbaren Energie nicht im Übermass Flächen beanspruchen, die auch für die Bereitstellung von Energie für wichtigere Bedürfnisse wie Wohnen, Kochen oder Gewerbe benötigt werden.

Müssten konsequenterweise auch andere Sportarten künftig nur noch zu Jahreszeiten durchgeführt werden, in denen die klimatischen Voraussetzungen dafür geschaffen werden? Bei welchen Sportarten sehen Sie in dieser Beziehung noch Nachholbedarf?

Unser Lebensraum befindet sich nun mal in der gemässigten Klimazone unserer Erde. Wir können generell nicht so tun, als ob wir zur gleichen Zeit an der Südsee und in der Arktis wären und im Winter draussen das Wasser künstlich aufheizen oder im Sommer künstlich Eis herstellen und Kunstschnee machen. Die Energie, die das auffrisst, ist nicht unbegrenzt, und ihr Verbrauch hat negative Folgen für unsere Umwelt.

Welche Vorschläge für die Sportanlagen haben Sie?

Ich glaube nicht, dass es an mir ist, noch weitere neue Sportanlagen zu erfinden oder mir auszudenken. Ich denke wir haben ein bereits recht reichhaltiges Angebot an speziellen Sportanlagen. Ich selber gebrauche allerdings keine davon. Wenn ich mich bewege, dann meistens zu Fuss auf Wanderwegen oder mit dem Velo auf unseren Strassen und Radwegen.

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