Baden
Luzi Stamm kandidiert für den Badener Stadtrat – so reagieren seine Konkurrenten

Der Alt-Nationalrat strebt nach 30 Jahren ein Comeback in Badens Regierung an – und überrascht damit Konkurrenten ebenso wie die SVP.

Pirmin Kramer
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Luzi Stamm, alt SVP-Nationalrat, will Badener Stadtrat werden

Luzi Stamm, alt SVP-Nationalrat, will Badener Stadtrat werden

AZ-Archiv

Alt-Nationalrat Luzi Stamm (67) will Badener Stadtrat werden. Seine Kandidatur gab nicht er selber, sondern die Stadt Baden öffentlich bekannt. Gestern um 12 Uhr lief die Anmeldefrist für die Ersatzwahl vom 27. September ab, und die Stadtkanzlei listete alle Kandidaten auf. Gesucht wird ein Nachfolger für die parteilose Sandra Kohler, die Anfang Jahr zurücktrat. Bereits vor mehreren Monaten haben Stefan Jaecklin (FDP) und Benjamin Steiner (Team Baden) ihre Kandidaturen bekannt gegeben.

Luzi Stamm tritt für das «Komitee B. Jäger» an. Auch seine Konkurrenten wissen nicht, wer hinter diesem Komitee steckt. Für ein Gespräch war Stamm gestern nicht erreichbar. Seine langjährige Partei, die SVP, für die er im Nationalrat sass, hat Stamm wenige Stunden vor Anmeldefrist informiert – und ebenso überrascht wie alle anderen.

Stamm war schon einmal Stadtrat in Baden

Daniel Glanzmann, Fraktionspräsident der SVP Baden, betont: «Es handelt sich um eine private Kandidatur. Die SVP Baden unterstützt offiziell Stefan Jaecklin von der FDP.»
Für Luzi Stamm wäre eine Wahl gleichbedeutend mit einer Rückkehr ins Stadthaus. Denn er war schon einmal Badener Stadtrat: In den Jahren 1990 und 1991. Damals aber noch für die FDP, für die er in den 1980er-Jahren auch im Badener Einwohnerrat sass – und die er zu Beginn auch im Nationalrat vertrat. Von 1991 bis 2019 gehörte er dem Parlament an, nach einem Jahrzehnt war der Wechsel zur SVP erfolgt.

Bei den Nationalratswahlen letztes Jahr nominierte ihn die SVP aber nicht mehr. Die SVP Aargau teilte mit, dass sie den Gesundheitszustand von Luzi Stamm «seit längerer Zeit mit wachsender Sorge» verfolge. Der Rechtsanwalt und ehemalige Präsident des Bezirksgerichts Baden trat mit einer eigenen Liste an – er meldete sich ebenfalls kurz vor Anmeldeschluss an – er blieb aber chancenlos.
«Gut möglich, dass es nun zweiten Wahlgang gibt»

«Damit habe ich wirklich nicht gerechnet», sagt Benjamin Steiner. Er hat vom neuen Konkurrenten gestern Mittag erfahren. «Gut möglich, dass es nun zu einem zweiten Wahlgang kommt.» Denn wer bereits am 27. September gewählt werden will, muss nun ein absolutes Mehr erreichen und nicht mehr nur die Mehrheit der Stimmen holen, wie es bei einem Duell der Fall gewesen wäre. Inwiefern sich seine Wahlchancen nun verändern, sei schwierig abzuschätzen, sagt Steiner. Stamm sei nach wie vor sehr bekannt in Baden, die Bekanntheit spreche für ihn. «Ich konzentriere mich aber auf mich selber, halte an meinem Wahlkampfprogramm fest und blicke den kommenden Wochen entspannt entgegen.»
Auch Stefan Jaecklin (FDP) ist gestern von der Kandidatur Stamms überrascht worden. Er spricht von einer Erweiterung des Kandidatenkreises, aus demokratischer Sicht sei die Kandidatur Stamms ein Gewinn, die den Wahlkampf noch spannender mache.

Baden steht vor einer Richtungswahl

Wird der bürgerliche Luzi Stamm vor allem dem bürgerlichen Stefan Jaecklin Stimmen kosten – und wird dadurch der Weg frei für den linksliberalen Steiner? «Nein, so sehe ich das nicht», sagt Stefan Jaecklin. «Ich habe die volle Unterstützung der CVP und der SVP, und Stamm tritt für sich selber an. Ich konzentriere mich auf meine Themen und freue mich auf den bevorstehenden Wahlkampf.»
Baden steht im Herbst eine Richtungswahl bevor. Seit dem Rücktritt der parteilosen Sandra Kohler, deren politisches Profil schwierig einzuschätzen war, halten sich die Bürgerlichen und Links-Grün mit je drei Vertretern die Waage. Die Regierung setzt sich aus Stadtammann Markus Schneider, Matthias Gotter (beide CVP) und Philippe Ramseier (FDP) zusammen sowie aus Vizeammann Regula Dell’Anno (SP), Ruth Müri (Team) und dem parteilosen Erich Obrist , der aber als langjähriger SP-Politiker klar dem linken Lager zuzuordnen ist.

Künftig dürfte also wieder klarer sein, wie der Stadtrat tickt – selbst bei einer Wahl Luzi Stamms, der nicht mehr für eine Partei antritt.

Luzi Stamm – seine Politik-Karriere in Bildern:

Luzi Stamms politische Laufbahn begann 1985, als er für die FDP in den Einwohnerrat der Stadt Baden gewählt wurde. 1989 folgte die Wahl in den Grossen Rat, 1990 in den Stadtrat von Baden. Bild vom Jahr 1995.
12 Bilder
Grosser Fall für den damaligen Gerichtspräsidenten Stamm: 1989 sprach er Alfredo Lardelli des dreifachen Mordes schuldig und verurteilte ihn zu 20 Jahren Zuchthaus. Lardelli hatte 1985 in einr Wohnung in Station Siggenthal zwei Prostituierte und den Ehemann seiner Geliebten erschossen.
1991 schaffte Stamm den Sprung nach Bern. Der Übertritt zur SVP erfolgte erst zehn Jahre später. Wegen Differenzen in der Aussenpolitik.
2002: Die beiden Nationalräte Stamm (SVP) und Doris Leuthard (CVP) im Streitgespräch im Bundeshaus in Bern.
2008 wollte Stamm für die SVP einen zweiten Regierungsratssitz erobern – scheiterte jedoch.
Stamm studierte Jurisprudenz und betreibt seit 1989 seine eigene Anwaltskanzlei in Baden-Dättwil.
Stamm ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Im Bild: Mit seiner ältesten Tochter Stefanie im Jahr 2008.
Drogenkauf in Bern und der Besitz von einer Million Franken Falschgeld: Stamm sorgte im Wahljahr 2019 für bizarre Schlagzeilen. Fragen zu seinem Gesundheitszustand wurden laut.
Juristisch haben die Vergehen keine Folgen für Stamm: Das Strafverfahren gegen ihn wurde eingestellt.
Politisch schadete es ihm dennoch: Die SVP Aargau entschied sich, ihn für die Wahlen im Herbst nicht noch einmal aufzustellen – weil sie an seinem Gesundheitszustand zweifelte.
Stamm trat mit eigener Liste an, schaffte es jedoch nicht, genügend Stimmen auf sich zu vereinen.
Nun versucht er ein Comeback als Badener Stadtrat.

Luzi Stamms politische Laufbahn begann 1985, als er für die FDP in den Einwohnerrat der Stadt Baden gewählt wurde. 1989 folgte die Wahl in den Grossen Rat, 1990 in den Stadtrat von Baden. Bild vom Jahr 1995.

Keystone