Baden
Luzi Stamms denkwürdiger Wahlkampf-Auftritt: «Ich kann die Kandidatur gar nicht mehr zurückziehen»

Der ehemalige SVP-Nationalrat ist der dritte Kandidat für den freien Sitz im Badener Stadtrat. Nachdem er fast eine Woche lang schwieg, ist er nun vor die Medien getreten.

Philipp Zimmermann
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Luzi Stamm an der Pressekonferenz im Theatro Palino, neben ihm sein Freund und Helfer Beat Jäger.

Luzi Stamm an der Pressekonferenz im Theatro Palino, neben ihm sein Freund und Helfer Beat Jäger.

Pirmin Kramer

Luzi Stamm, 67, gab seine Kandidatur als Badener Stadtrat letzte Woche schriftlich bekannt – und schwieg. Tauchte unter. Zahlreiche Anfragen, auch von nationalen Medien, beantwortete er nicht. Heute tritt er, der von 1991 bis 2019 im Nationalrat sass, ausgerechnet im Teatro Palino in Badens Zentrum, einem Treffpunkt der Linken, vor die Medien. Und er sagt zu den Journalisten: «Ab sofort nehme ich das Telefon ab.»

Es ist eine denkwürdige Pressekonferenz: Zwei TV-Kameras sind auf Luzi Stamm gerichtet, der hinter einer Bar steht, zwischen zwei Freunden und Wahlkampfhelfern. Der eine, Beat Jäger, sei verantwortlich für die Kandidatur, er habe ihn dazu ermuntert und er selber daraufhin spontan zugesagt, so Stamm. Er ist deshalb ein Kandidat des «Komitees B. Jäger».

Wahlkampf-Flyer von 1991

Stamm ist im Business-Look gekommen. Er trägt ein blaues Hemd, schwarze Schuhe und Hosen. Dank der offenen Fenster ist das Geplauder von Passanten auf der Gasse draussen zu hören. Die Journalisten sitzen in roten Fauteuils, über ihnen hängen Kronleuchter. Ein Helfer von Stamm verteilt Wahlkampfunterlagen, darunter sind Flyer von früheren Wahlkämpfen.

Die Flyer von Luzi Stamm aus vergangenen, erfolgreichen Wahlkämpfen.

Die Flyer von Luzi Stamm aus vergangenen, erfolgreichen Wahlkämpfen.

Philipp Zimmermann

Der ältere ist noch schwarz-weiss. Er stammt von 1991, als Stamm als FDP-Politiker für den Nationalrat kandidierte. In grossen Buchstaben steht da:

Fragen Sie nicht, was ein Politiker verspricht. Schauen Sie, was er bisher getan hat!

Luzi Stamms Mimik und Gesten sind immer noch die des langjährigen Nationalrats. Er kneift ein Auge leicht zu, wenn er spricht. Er legt den Daumen ans Kinn und den Zeigefinger auf die Lippen, wenn er zuhört. Doch seit letztem Herbst hat er keinen Sitz mehr im nationalen Parlament. Die SVP stellte ihn nicht mehr zu den Wahlen auf. Daraufhin kandidierte er mit einer eigenen Liste, blieb aber ohne Chance.

Gegen die Verschandelung von Baden

Seine einstige Eloquenz hat Luzi Stamm verloren. Erst spricht er von einer Volksinitiative, zu der er später Unterschriftenlisten auflegt. Er dankt seinen zwei Freunden neben ihm, scheint sich kurz zu vergessen, als er sie anspricht und sich in Anekdoten verliert, etwa über die gemeinsame Zeit als Junioren beim FC Wettingen. Dann findet er den roten Faden wieder, spricht über seine Kandidatur für den Badener Stadtrat.

Die Verschandelung des Theaterplatzes, überhaupt «die Verschandelung Badens vom Theaterplatz bis nach Dättwil» ist ihm, der schon 1990 bis 1991 Stadtrat war, ein Dorn im Auge. Überhaupt, dass die Stadt einen heruntergekommenen Eindruck mache. Und er wolle sich für ein Wasserstoff-Kraftwerk in der Aue einsetzen.

Stamm erzählt an der Pressekonferenz wie nebenbei auch, dass er die Zusage zur Kandidatur gab, obwohl er doch zuerst seine Frau und seine Tochter hätte fragen sollen. Auf einer Holztür prangt in Weiss vor grünem Hintergrund der Schriftzug «Notausgang». Als nähme er darauf Bezug, sagt Stamm: «Rechtlich gesehen kann ich die Kandidatur gar nicht mehr zurückziehen.»

Luzi Stamm – seine politische Karriere in Bildern:

Luzi Stamms politische Laufbahn begann 1985, als er für die FDP in den Einwohnerrat der Stadt Baden gewählt wurde. 1989 folgte die Wahl in den Grossen Rat, 1990 in den Stadtrat von Baden. Bild vom Jahr 1995.
12 Bilder
Grosser Fall für den damaligen Gerichtspräsidenten Stamm: 1989 sprach er Alfredo Lardelli des dreifachen Mordes schuldig und verurteilte ihn zu 20 Jahren Zuchthaus. Lardelli hatte 1985 in einr Wohnung in Station Siggenthal zwei Prostituierte und den Ehemann seiner Geliebten erschossen.
1991 schaffte Stamm den Sprung nach Bern. Der Übertritt zur SVP erfolgte erst zehn Jahre später. Wegen Differenzen in der Aussenpolitik.
2002: Die beiden Nationalräte Stamm (SVP) und Doris Leuthard (CVP) im Streitgespräch im Bundeshaus in Bern.
2008 wollte Stamm für die SVP einen zweiten Regierungsratssitz erobern – scheiterte jedoch.
Stamm studierte Jurisprudenz und betreibt seit 1989 seine eigene Anwaltskanzlei in Baden-Dättwil.
Stamm ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Im Bild: Mit seiner ältesten Tochter Stefanie im Jahr 2008.
Drogenkauf in Bern und der Besitz von einer Million Franken Falschgeld: Stamm sorgte im Wahljahr 2019 für bizarre Schlagzeilen. Fragen zu seinem Gesundheitszustand wurden laut.
Juristisch haben die Vergehen keine Folgen für Stamm: Das Strafverfahren gegen ihn wurde eingestellt.
Politisch schadete es ihm dennoch: Die SVP Aargau entschied sich, ihn für die Wahlen im Herbst nicht noch einmal aufzustellen – weil sie an seinem Gesundheitszustand zweifelte.
Stamm trat mit eigener Liste an, schaffte es jedoch nicht, genügend Stimmen auf sich zu vereinen.
Nun versucht er ein Comeback als Badener Stadtrat.

Luzi Stamms politische Laufbahn begann 1985, als er für die FDP in den Einwohnerrat der Stadt Baden gewählt wurde. 1989 folgte die Wahl in den Grossen Rat, 1990 in den Stadtrat von Baden. Bild vom Jahr 1995.

Keystone