Bezirksgericht Baden
Mann hatte mit 35 erstmals Sex im Puff, danach kam er Buben zu nahe

Ein 39-jähriger Italiener gerät sexuell auf die schiefe Bahn, tauscht sich mit Buben aus und erpresst Geld. Das Bezirksgericht Baden hat ihn trotz Rückfallgefahr nur zu einem Jahr Gefängnis unbedingt verurteilt. Dafür ist die Probezeit sehr lange.

Rosmarie Mehlin
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Ein 39-jährigen Italiener gerät sexuell auf die schiefe Bahn hat und tauscht sich mit Buben aus und erpresst Geld. (Symbolbild)

Ein 39-jährigen Italiener gerät sexuell auf die schiefe Bahn hat und tauscht sich mit Buben aus und erpresst Geld. (Symbolbild)

Oliver Menge

Matteo (alle Namen geändert) ist 39-jährig, Italiener und wohnt noch bei seinen Eltern. Sein erstes sexuelles Erlebnis überhaupt hatte er vor vier Jahren in einem Puff. Und vor zwei Jahren hatte er sich zum ersten Mal verliebt. Jetzt sass er wegen mehrfachen sexuellen Handlungen mit Kindern, Pornografie und Erpressung vor Gericht.

Matteo hat eine kräftige Statur, eine Adlernase mit unauffälliger Brille im feisten Gesicht und mitten im vollen Haar eine kreisrunde Glatze. Vielleicht trägt er deshalb einen Hut, den er nur im Gerichtssaal ablegt. Matteo hatte einen ordentlichen Handwerksberuf erlernt, den er wegen gesundheitlicher Probleme nicht mehr ausüben kann. Seit Februar hat er einen Job, nachdem er lange Zeit arbeitslos gewesen war. «Da hatte ich viel Zeit und bin im Internet herum gesurft.» Auf einer Plattform hatte er Bekanntschaft mit dem 13-jährigen Sascha gemacht: «Zwei, drei Tage lang haben wir uns ganz normal unterhalten über unsere Hobbys und wie es bei ihm in der Schule läuft.» Es habe ihn einfach interessiert, sagt Matteo, wie Sascha so lebe.»

Schliesslich kam es im Januar 2012 zu einem Treffen. Matteo fuhr mit Sascha in ein Hotel. Dort küssten der Mann und der Bub sich und es kam zu Oral- und Analverkehr. Am Schluss bezahlte Matteo Sascha 150 Franken. Im März und im Juni folgten weitere Treffen mit Sex in der freien Natur und Bezahlung.

Im Dezember lernte Matteo auf derselben Internetplattform den 14-jährigen Kevin kennen. Als der eines Nachmittags allein zu Hause war, kam es in dessen elterlichen Wohnung zu verschiedenen sexuellen Handlungen. Am Ende bezahlte Matteo 100 Stutz und kaufte Kevin noch, wie vorgängig versprochen, ein Game.

20 Jahre Juniorentrainer

Ebenfalls im Dezember 2012 wurde Matteo von Amors Pfeil getroffen, als er auf besagter Plattform den 13-jährigen Andreas entdeckte. Der bat Matteo um 1000 Franken für seinen Bruder, der von einer Bande bedroht werde. «Ich habe mir das Geld als Lohn-Vorbezug beim Sportclub organisieren müssen.» Seit fast 20 Jahren war Matteo damals Juniorentrainer beim besagten Club. Seine Schützlinge waren zwischen 8 und 14 Jahre alt. «Dort habe ich nie, gar nie auch nur einen Gedanke an Sex gehabt.» Nach den fast drei Monaten in U-Haft hatte Matteo den Trainerjob dennoch aufgegeben, «um dem Club Unannehmlichkeiten und den Eltern Aufregungen zu ersparen».

Matteo spricht offen, was er sagt, tönt ehrlich, und was geschehen ist, gibt er unumwunden zu. Auch die Affäre mit Andreas. Dem hatte er die 1000 Franken leihweise übergeben und ihn innert sechs Wochen drei weitere Male in einer Tiefgarage – einmal auch beim Krematorium Baden – getroffen. Dabei haben die beide jeweils gegenseitig sexuelle Handlungen vorgenommen. Als Andreas klagte, dass er kein eigenes Natel habe, schenkte Matteo ihm ein solches.

Wenig später unterbreitete Andreas ihm seine Idee, rasch an Geld zu kommen: Erpressung von zwei Bekannten aus dem Internet, mit denen der 13-jährige pornografische Bilder ausgetauscht, respektive ein Video mit Kinderpornografie zugeschickt bekommen hatte. «Ich war dagegen, wollte nicht, dass Andreas das macht.» Nichtsdestotrotz gab Matteo dem Burschen seine Kontonummer an. Prompt gingen darauf 1000 Franken ein. «Ich dachte, das sei die Rückzahlung des geliehenen Geldes», so Matteo. In Tat und Wahrheit aber war es erpresstes Geld. Vom selben Opfer wurden weitere 1000 Franken erpresst, vom zweiten 750 Franken. Dieses Geld hat Matteo persönlich beim Opfer abgeholt.

Grosse Rückfallgefahr

Der Staatsanwalt war überzeugt, dass der Beschuldigte vollumfänglich über beide Erpressungen Bescheid wusste, und klagte ihn der Mittäterschaft an. Da Matteo auch Fotos seines Geschlechtsteils zugeschickt hatte, war er zudem der Pornografie angeklagt. «Das Hauptverschulden aber sind die sexuellen Handlungen mit Kindern», so der Staatsanwalt. Der Beschuldigte habe «krass rücksichtslos und äusserst egoistisch» gehandelt; ein Gutachten bezeichne überdies die Rückfallgefahr als sehr gross. Matteo sei zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren zu verurteilen.

Die Verteidigerin forderte einen Freispruch vom Vorwurf der Erpressung und eine bedingte Strafe von 13 Monaten. In seinem letzten Wort betonte Matteo, wie sehr er bereue, und dass er erst nachträglich erkannt habe, was er seinen Opfern angetan hat.

Längst mögliche Probezeit

Das Gericht unter Vorsitz von Gabriela Fehr sprach Matteo vom ersten der beiden Erpressungsfälle frei, verurteilte ihn zu 30 Monaten teilbedingt und ordnete eine ambulante Therapie an. 12 Monate muss der Italiener ins Gefängnis. Ihm wurde zu Gute gehalten, dass er weder Zwang noch Druck auf seine Opfer ausgeübt sowie im Internet sein Alter offen dargelegt hatte, dass er keine Vorstrafen hat, geständig und einsichtig ist. «Wir haben lange diskutiert und uns schliesslich dazu durchgerungen, dass man ihnen eine gute Prognose stellen kann. Dies obwohl sie, rein statistisch gesehen, zum Wiederholungstäter werden. Darum haben wir die Probezeit für die 18 Monate bedingt auf die längst mögliche Zeit von 5 Jahren angesetzt und angeordnet, dass sie in dieser Zeit eine Bewährungshilfe zur Seite gestellt bekommen», gab die Gerichtspräsidentin Matteo auf den Weg.

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