Zu seinem Büro gelangt man über Lagerräume und einen wenig repräsentativen Gang. «Sehen Sie, alle Bürotüren sind offen – meistens auch meine eigene. Es ist mir wichtig, im Kontakt mit meinen rund 180 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu stehen», so Camenzind.

Herr Camenzind, ehe Sie hier Manor-Direktor wurden, leiteten Sie unter anderem die Filialen im Letzipark in Zürich, in Aarau und waren in Basel am Hauptsitz tätig. Kommt die Manor Baden einem beruflichen Abstieg gleich?

Andreas Camenzind: Überhaupt nicht. Von all den Manor-Filialen, die ich bisher leiten durfte, ist die Manor Baden das umsatzstärkste Haus. Denn was viele nicht wissen. So «komplette» Häuser wie in Baden gibt es in der Schweiz nur sehr wenige.

Komplett?

Hier in Baden gibt es alles, also auch Food, Restaurant und einen Take-away. Doch der Umsatz ist nicht der Hauptgrund, weshalb von beruflichem Abstieg keine Rede sein kann. Ich schätze den Kontakt mit den Kunden und den Austausch mit ihnen. Das ist hier in Baden viel eher möglich als etwa am Hauptsitz in Zürich, wo ich vor allem mit strategischen Projekten zu tun hatte.

Sie sind Chef von 180 Angestellten. Kennen Sie alle mit Namen?

Ja. Wenn ich eine neue Stelle antrete, ist es immer mein Ziel, innerhalb von zwei Monaten die Namen aller meiner Mitarbeiter zu kennen. Das hat für mich auch mit Respekt zu tun. Zu wissen, wo welcher Mitarbeiter arbeitet und wie er heisst.

Spricht man sich mit Vornamen an?

Nein, wir pflegen bei Manor in den Warenhäusern eine Siez-Kultur. Dies nicht zuletzt auch wegen der Kunden. Es hört sich doch für einen Kunden komisch an, wenn ich sage: «Anne-Marie, kannst Du bitte kurz nachschauen, wie...»

Sie schätzen den Kontakt zu den Kunden. Kennen Sie Ihre Stammkunden persönlich?

Ja, einige kenne ich inzwischen persönlich. Das liegt auch daran, dass ich in der Regel am Vormittag einen Rundgang durchs Geschäft mache. Zudem esse ich jeden Mittag im Manorrestaurant, wo ich immer mal wieder von Stammkunden angesprochen werde.

Sie haben schon einige Manor-Filialen in der Schweiz betreut. Wodurch hebt sich der Badener Kunde ab?

Der Badener Kunde ist speziell, was wohl auch daran liegt, dass wir hier in einer Stadt mittlerer Grösse sind. Er ist sehr treu, freundlich, international und gibt viele Feedbacks. Vor allem aber ist er ein qualitätsbewusster Kunde, der gerne Geld ausgibt, wenn die Qualität und der Service stimmen. Insbesondere im Food-Bereich müssen wir ihm etwas bieten, dann ist er sehr treu. Das habe ich etwa in Aarau weniger gespürt.

Treue hin oder her: Der Badener Detailhandel macht schwere Zeiten durch; einige Geschäfte mussten gar schliessen. Wie steht es um Manor, müssen wir uns Sorgen machen?

Auf keinen Fall. Die Schliessung der Manor Baden ist kein Thema!

Aber auch Sie spüren wohl die Bauarbeiten rund um den Schulhausplatz. Und nun sind auch noch die rund 120 Parkplätze in der Tunnelgarage Geschichte. Wirkt sich das nicht negativ aufs Geschäft aus?

Doch, natürlich spüren auch wir die Auswirkungen und versuchen, diese abzufedern. So bieten wir seit kurzem im Gstühl-Parkhaus einen Wägeli-Service an. Dank der Blinddarm-Unterführung ist fast die ganze Strecke vom Laden bis ins Parkhaus gedeckt. Unter der Woche fallen die Bauarbeiten und die nicht mehr vorhandenen Parkplätze übrigens weniger ins Gewicht, da viele Menschen sowieso in der Stadt sind, weil sie hier arbeiten – das zeigen nicht zuletzt unsere guten Frequenzen im Restaurant.

Dafür bleiben die Kunden am Wochenende aus?

Das nicht direkt. Aber wenn man nicht mehr gleich einen Parkplatz um die Ecke hat, dann füllt man eventuell den Einkaufswagen etwas weniger. Wir sollten aber aufpassen, dass wir nicht ein zu negatives Bild zeichnen.

Wie meinen Sie das?

Ich habe meinen Posten hier in Baden angetreten, bevor es mit der Bauerei losging. Fazit: Ich komme heute nicht schlechter in die Stadt als damals. Ich sehe in der grossen Baustelle durchaus auch Positives.

Nämlich?

Nach dem Umbau tun sich neue Chancen auf. So werden in der Tunnelgarage wieder rund 20 Parkplätze erstellt und die neue Bushaltestelle wird direkt vis-à-vis unserem Kundendienst-Eingang zu stehen kommen. Auch bin ich überzeugt, dass der neu gestaltete Schulhausplatz mit seinen Geschäften wie auch das neue Cachethaus insgesamt zu einer Aufwertung Badens als Einkaufsstadt führen werden.

Apropos Einkaufsstadt. Wie gut läuft die Zusammenarbeit beziehungsweise der Austausch mit dem Gewerbeverein Citycom?

Gut, wir ziehen gemeinsam an einem Strang. Denn man muss wissen: Nur wegen eines guten Manor-Angebots kommt niemand in die Stadt. Erst ein attraktiver Ladenmix sorgt dafür.

Tut die Stadt genug für einen solchen?

Jeder Detailhändler hat das Gefühl, die Stadt könne noch mehr für ihn tun. Und: Unsere Interessen sind nicht immer identisch mit denjenigen der Stadt. Diese ist grundsätzlich in der Pflicht, nach aussen zu kommunizieren, dass man trotz Baustellen gut in die Stadt kommt und einen hier ein attraktives Angebot erwartet. Grundsätzlich wollen wir das Politisieren aber den anderen überlassen. Wir müssen in diesen Zeiten einfach unsere Hausaufgaben machen, damit die Kunden trotzdem den Weg zu uns finden.

Wie muss man sich das vorstellen. Haben Sie als Direktor dieser Filiale überhaupt Gestaltungsspielraum?

Absolut, sonst wäre ich Manor wohl nicht so lange treu geblieben. Natürlich verfolgen wir schweizweit eine gemeinsame Strategie und treten einheitlich auf. Doch innerhalb dieses Rahmens kann man sehr vieles machen. Grundsätzlich muss Einkaufen heute immer auch ein Erlebnis sein. Dabei spielen unsere Verkäufer eine zentrale Rolle. Sie sind es nämlich, welche die Wünsche und Feedbacks zu uns weiterleiten, damit wir diese allenfalls umsetzen können.

Nennen Sie ein paar Beispiele.

Wir haben zum Beispiel die Marke Lacoste, die Kindermarke Sfera oder «Besserstein Wein» ins Sortiment aufgenommen, weil dies einem Bedürfnis unserer Kunden entspricht. Zudem kann, nein soll jeder Manor-Standort lokale Begebenheiten und Spezialitäten aufnehmen. So gibt es bei uns zum Beispiel den Aargauer Braten, Rüeblisaft oder wir nehmen in einem Jahr sicher das Thema Badenfahrt auf. Und nur in unserem Badener Take-away Appunto gibt es Mah Mee.

Was für Pläne haben Sie im Köcher?

Angedacht ist ein neuer Take-out mit frischen Suppen und Salaten. Eventuell wollen wir auch einen Hauslieferservice ins Leben rufen, den es in anderen Städten bereits gibt.

Stichwort andere Städte: Wie gehen Sie damit um, dass Sie morgen schon als Direktor eines anderen Hauses berufen werden könnten?

Das gehört dazu; wir haben quasi einen Job auf Zeit. Wobei: Allzu schnell und häufig sollte man auch nicht wechseln. Aber auch zu lange sollte man nicht bleiben, weil man sonst beginnt, sich zu wiederholen. Ich erachte eine Zeitspanne von fünf Jahren als ideal. Mir bleibt also hoffentlich noch etwas Zeit in dieser wunderbaren Stadt (lacht).