Stadtratswahlen Baden

Mario Delvecchio: Das gut vernetzte Stehaufmännchen

Der FDP-Stadtratskandidat Mario Delvecchio erlebte auch schwierige Zeiten. Doch von Rückschlägen liess er sich nicht entmutigen. Er sagt, er habe sehr gute Chancen auf den Wahlsieg.

Mario Delvecchio tritt bei jeder sich bietendend Gelegenheit selbstischer und siegessicher auf. So war für ihn schon bei der FDP-Nominationsversammlung klar, dass er «sehr grosse Chancen» habe, sich gegen seine beiden Mitbewerber durchzusetzen. Das Resultat gab ihm recht. An Zuversicht fehlt es Delvecchio auch im Hinblick auf die Stadtratswahlen nicht: «Zwar ist mit Erich Obrist ein dritter, ernst zu nehmender Kandidat ins Rennen gestiegen, doch ich schätze meine Chancen, Stadtrat zu werden, sehr hoch ein.»

Dieser Optimismus beeindruckt, sah sich doch Delvecchio in den letzten Wochen auch mit kritischen Stimmen konfrontiert – und das aus dem eigenen, bürgerlichen Lager. So ging alt CVP-Stadtrat Peter Conrad mit Delvecchio und der FDP in seinem Pro-Obrist-Leserbrief hart ins Gericht. Von «Führungsfehlern» der Parteien ist die Rede oder «einer nicht überzeugenden Kandidatur».

Im Hinblick auf die Gesamterneuerungs- und Stadtammannwahlen 2017 stellt Conrad dem FDP-Kandidaten Delvecchio ein schlechtes Zeugnis aus: «Ein in Baden wenig bekannter Bewerber ohne politischen Leistungsausweis wird den jetzigen Amtsinhaber kaum aus dem Sattel werfen können.» Gleich tönt es beim ehemaligen FDP-Einwohnerrat Oskar Matter aus Dättwil. «Die FDP hat es verpasst, einen Kandidaten zu präsentieren, der in zwei Jahren das Amt des Stadtammanns übernehmen könnte.» Wie reagiert der Angeschossene auf diese Giftpfeile? «Damit komme ich gut klar. Wir leben in einer Demokratie, jeder kann seine Meinung vertreten. Ich weiss auch von mehreren Leuten der SP, vom Team Baden oder von der GLP, die mich wählen werden.»

Zweimal Schiffbruch erlitten

Dass sich Mario Delvecchio (56) nicht so schnell aus der Bahn werfen lässt, hängt wohl auch mit seinen Erfahrungen zusammen, die er als Kind und als Jugendlicher gemacht hat. Der Bub italienischer Eltern – sein Vater führte das Hotel Post in Ennetbaden – musste sich seinen Platz in der Gesellschaft erkämpfen. Noch heute liegt ihm der Vers «Tsching a la more, Dräck a de Schnore, s’Füdle verlore . . .» in den Ohren. Ein Erlebnis ist ihm in besonderer Er-
innerung.

Es war 1970 als die Schweiz über die «Schwarzenbach-Initiative» abzustimmen hatte. Mit dieser wollte Nationalrat James Schwarzenbach die Schweiz vor Überfremdung schützen. «Ich erinnere mich noch gut, wie ich damals beim FC Baden ins Fussballtraining auf den Scharten lief und auf dem grossen Felsen beim Schartenfels den grossen, roten Schriftzug ‹Schwarzenbach Ja› erblickte.» Statt zu trainieren, habe der Trainer der Mannschaft mitgeteilt, dass das Team nun gemeinsam den Schriftzug wegschrubben werde.

Aufgewachsen im Kappelerhof, hätten er und seine drei Geschwister unter diesen Erlebnissen sehr gelitten. «Wir waren zwar auf dem Papier Schweizer, wurden aber von Mitschülern und zum Teil von Lehrern wie Ausländer behandelt. Und das Verrückte: In den Ferien in Italien waren sie dann wieder Ausländer, also auch keine richtigen Italiener. Wir waren irgendwie nirgends zu Hause. Aus dieser Zeit habe ich mitgenommen, dass man selber etwas für die Integration tun muss und nicht darauf warten darf, integriert zu werden.»

Mario Delvecchio: «Ich bin kein Ämtli-Jäger. Ich möchte in der Gesellschaft etwas reissen.»

Mario Delvecchio: «Ich bin kein Ämtli-Jäger. Ich möchte in der Gesellschaft etwas reissen.»

Das sei wahrscheinlich auch der Grund, weshalb er bei Einwanderungsfragen manchmal fast eine härtere Linie vertrete als ein waschechter Schweizer. Bei seiner eigenen Integration habe der Sport eine wichtige Rolle gespielt. «Wir spielten wie verrückt Fussball; mein Bruder war sogar Goalie in der Nationalliga-A-Equipe 1985/1986.»

Beruflich liebäugelte er lange mit dem Gastgewerbe, doch schliesslich entschied er sich für eine Lehre als Elektrowickler bei der BBC. Weil aber der Gastwirt immer noch in ihm schlummerte, arbeitete er während der Lehre am Wochenende im Nachtclub seines Vaters in Zürich. «Doch ich wollte mich von ihm lösen. Als ich dann ein Inserat für eine Stelle in einem Pub in Biel sah, bewarb ich mich dort und erhielt die Stelle.» Das war Ende der 1970er-Jahre. Er lernte seine erste Frau kennen und gründete mit ihr eine Familie. Gleichzeitig wechselte er in einen familientauglicheren Beruf und arbeitete fortan im Aussendienst einer Papeterie-Zulieferfirma. Später zog Delvecchio selber ein Business im Bereich Küchenbau auf – die Küchen-Galerie MDV.

Doch schon nach etwas mehr als zwei Jahren musste er die Firma liquidieren, die dann von seiner damaligen Angestellten übernommen wurde. «Anfangs lief es. Doch weil erste Kunden mit Zahlungen in Verzug waren und die wirtschaftliche Situation im Bau immer schwieriger wurde, gerieten auch wir in Schieflage.» Da auch seine erste Ehe aus den Fugen geriet, war es der Moment, die Zelte im Seeland abzubrechen. «Zu meinen zwei erwachsenen Kindern, die mir vier Enkelkinder geschenkt haben, pflege ich einen sehr guten Kontakt.»

Ja oder Nein? Die Stadtratskandidaten Jürg Caflisch, Erich Obrist und MarioDelvecchio (v.l.) zu Stadtratspräsidium, Road-Pricing und Stadtcasino.

Ja oder Nein? Die Stadtratskandidaten Jürg Caflisch, Erich Obrist und MarioDelvecchio (v.l.) zu Stadtratspräsidium, Road-Pricing und Stadtcasino.

Delvecchio zahlte noch ein zweites Mal Unternehmer-Lehrgeld. «Zusammen mit meiner Schwester versuchte ich, meinem Bruder zu helfen, der das Restaurant Zum Wilden Mann in Baden führte, indem wir eine GmbH gründeten. Doch nach rund sechs Jahren mussten wir Konkurs anmelden. Ich habe aus dieser Zeit viel gelernt, kann aber auch sagen, dass wir keine Fehler gemacht haben, sondern einfach das Umfeld sehr ungünstig war.» Immerhin könne er sagen, dass er nicht stolz auf diese Erfahrung sei, fügt aber hinzu, er habe noch nie am Tropf des Staates gehängt. Und: «Heute habe ich keine Schulden mehr, alle damaligen Forderungen wurden vollumfänglich beglichen.»

Mit der Heirat von Judith Meier gings dann auch beruflich wieder aufwärts. Sie war die Tochter des damaligen Geschäftsinhabers Peter Meier der Meier Druck AG. «Weil mein Schwiegervater beabsichtigte, beruflich kürzerzutreten, fragte er mich, ob ich in seiner Firma einsteigen wollte», so Delvecchio. Wenig später sei sein Schwiegervater verstorben; 1997 übernahm Delvecchio die Geschäftsleitung zusammen mit seiner Frau.

Heute beschäftigt das Unternehmen rund 20 Angestellte in vier Filialen – als er die Firma übernahm, waren es noch knapp doppelt so viele Angestellte in neun Filialen. «Es war ein bewusster Entscheid im digitalen Zeitalter, dass wir uns auf weniger Orte konzentrieren wollten, um konkurrenzfähiger zu sein und die Firma auf einen gewinnbringenden Kurs zu steuern.»

Wie er denn damit umgehe, wenn böse Zungen behaupten, er habe sich quasi in das Unternehmen eingeheiratet und sich ins gemachte Nest gesetzt, statt selber etwas aufzubauen? «Damit habe ich keine Mühe. Klar, zu Beginn waren die Umstände glücklich. Doch danach musste ich mich beweisen. Ich glaube, ich habe in den letzen knapp 20 Jahren gezeigt, dass ich über Führungsqualitäten verfüge und eine Firma umsichtig leiten kann.» Auch sei es ja nicht so, dass er «nur» Geschäftsführer der Meier Druck AG sei. So war Delvecchio Gründungsmitglied und während zehn Jahren Präsident der IG Dättwil – wo Baden boomt. Heute gehören der IG rund 150 Mitglieder an.

Mario Delvecchio: «Ein Teil der Lehrer und Mitschüler behandelte uns wie Ausländer.»

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Grösster Erfolg für die IG unter seiner Führung war die Errichtung einer eigenen Post-Annahmestelle im Jahr 2009. Daneben ist Delvecchio im Vorstand der schweizerischen Kommission für Berufsentwicklung und Qualität für Drucktechnologen Fachrichtung Reprografie; bis dieses Jahr war er zudem Lehrlingsobmann sowie Chefexperte Schweiz bei den Drucktechnologen.

Seit 2013 ist er Generalsekretär Ambassador Club International und seit 2012 Zunftmeister der Zunft zur Sankt Cordula. Fast könnte der Eindruck entstehen, Delvecchio sei ein Ämtli-Jäger. «Nein, mein Antrieb für diese Engagements ist der Wunsch, in der Gesellschaft etwas zu bewegen und zu reissen ohne dabei einen Eigennutzen zu haben.»

Das sei auch seine Motivation, als Stadtrat anzutreten, so Delvecchio, in dessen Büro ein überdimensionales Poster des Tagsatzungssaals hängt. Dabei kann er auf drei Jahre Exekutiv-Erfahrung zurückblicken. Von 1988 bis 1992 sass er im 3000-Seelen-Dorf Ipsach BE für die FDP im Gemeinderat. Delvecchio betreute damals das Ressort Soziales. «Das war schon eine lehrreiche Erfahrung. Wenn man Einblicke in die Sozial-Dossiers erhält, merkt man, dass die Welt komplizierter ist, als sie an vielen Stammtischen dargestellt wird.»

Klar, es gebe schon viele Menschen, die das System ausreizen, um nicht zu sagen ausnützen würden, «aber dann gibt es auch wieder die, denen man schon lange helfen müsste, deren Stolz der Gang zum Sozialamt aber nicht zulässt». Wenn er gefragt werde, wie viel er von Kultur verstehe – dieses Ressort wird der neue Stadtrat wohl übernehmen –, antworte er jeweils: «Ich vergleiche das mit einem Buch, in das ich mich erst einlesen muss. Aber ein Stadtrat muss in erster Linie einmal führen, egal welches Ressort er bekommt.»

Das Telefonat mit Josef Bürge

Delvecchio war bisher auf der politischen Bühne Badens nicht präsent und plötzlich zaubert ihn die FDP aus dem Hut. «Herr Delvecchio, sind Sie gar ein Notnagel?» «Nein, ganz sicher nicht. Im Gegenteil, meine Unvoreingenommenheit betrachte ich als grossen Vorteil.»

Ausschlaggebend für seine Kandidatur sei am Ende auch ein Gespräch mit Alt-Stadtammann Sepp Bürge gewesen, der ihn zu diesem Schritt ermuntert habe. Bürge bestätigt das Telefonat: «Mario Delvecchio ist eine absolut vertrauenswürdige und verlässliche Persönlichkeit, er ist initiativ und er hat nicht zuletzt Führungsstärke bewiesen, als er die Firma zu einer schwierigen Zeit übernommen hat und sie bis heute auf Vordermann gebracht hat.»

Und was entgegnet Delvecchio dem Politologen Lukas Golder, der sich nach dem Podium fragte, ob sich der FDP-Kandidat wirklich bewusst ist, was es heisst, in der Politik Brücken zu bauen, und wie gut er in der Lage wäre, auf der Klaviatur der Politik zu spielen.» Delvecchio: «Ich bin überzeugt, dass mehr Unternehmertum in den meisten Bereichen der Politik sehr gut täte. Brücken zu bauen, ist das eine, jedoch bin es gewohnt Pfeiler für den Brückenbau einzuschlagen, denn diese braucht es für eine stabile Brücke.»

Delvecchio bezeichnet als seine Stärke denn auch, dass er gut führen und auf Menschen eingehen könne. Und seine Schwäche? «Ich verliere nicht gerne.» Das glaubt man ihm sofort. So hat Delvecchio bis heute nicht verdaut, dass seine Firma seinerzeit den Druckauftrag für die Kurtheater-Pläne nicht erhielt und stattdessen eine Zürcher Firma zum Zug kam. Das Lamentieren ging so weit, dass sich an der Nominationsversammlung sogar Fraktionspräsident Conrad Munz veranlasst sah, Delvecchio zu fragen: «Mario, die FDP steht für Wettbewerb; der Bessere soll gewinnen. Hast du damit etwa Mühe?» Mario Delvecchio: «Nein, natürlich nicht, ich respektiere den Wettbewerb, aber damals lief einfach zu vieles nicht sauber.»

Stadtrats-Wahltalk in Baden

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